Die Attraktivität der Schweiz als Zuwanderungsland bleibt unvermindert hoch. Das zeigen die aktuel­l­s­ten Zahlen des Bundesamts für Statistik. Mit 9300 Personen erreichte die Netto­zuwanderung im vergangenen Oktober beinahe wieder Rekordwerte. Mit je 7700 Personen war sie bereits in den zwei Monaten davor hoch gewesen.

Das Bevölkerungswachstum der letzten zwei Jahre, für das fast ausschliesslich die Zuwanderung verantwortlich ist, übertrifft sogar die kühnsten Erwartungen des Bundesamts für Statistik. 2010 publizierte das Amt drei Szenarien zur Bevölkerungs­entwicklung. Das höchste Szenario prognostiziert für 2060 eine Einwohnerzahl von 11,3 Millionen. Dieser Schätzung liegt ein jährliches Wachstum von 0,7 Prozent zugrunde. Doch die Bevölkerung wuchs 2010 um 1,1 Prozent, 2011 um ein Prozent und im vergangenen Jahr allein in der Zeit von Januar bis Oktober um 0,75 Prozent.

Ein Blick nach Deutschland lässt vermuten, dass dieser Trend so bald nicht gebrochen wird. Vergangenen Dezember publizierten Wissenschaftler des Wirtschaftsforschungsinstituts Kiel Economics die Ergebnisse ihrer Studie über die künf­tige Entwicklung von Deutschlands Einwohnerzahl. Seit 2010 nimmt auch dort die Nettozuwanderung kräftig zu. Hauptursache sei die prekäre Lage auf den Arbeitsmärkten in südeuropäischen Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal.

Quelle: Georgios Kefalas/Keystone

Prognose: Leben in 50 Jahren 11,3 Millionen Menschen in der Schweiz?

Die Schweiz wird immer attraktiver

In Deutschland versprechen sich die Menschen bessere Chancen auf einen Job. Die Arbeitslosigkeit liegt dort mit 6,8 Prozent deutlich tiefer als im übrigen EU-Raum. Die Forscher von Kiel Economics gehen davon aus, dass die Quote in den kommenden Jahren auf 5,3 Prozent sinkt, während sie im übrigen EU-Raum jenseits der 14 Prozent liegen werde. Bis 2017 werden gemäss Kiel Economics mehr als zwei Millionen zuwandern. «Deutschland steht am Beginn der grössten Einwanderungswelle seit Jahrzehnten», kommentierte der «Spiegel», gestützt auf diese Prognose.

Anzeige

«Der Trend lässt sich durchaus auch auf die Schweiz übertragen. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind ähnlich», sagt Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics. Tatsächlich liegt die Arbeitslosenquote in der Schweiz mit 3,1 Prozent noch um einiges niedriger als in Deutschland. Entsprechend attraktiver ist der Arbeitsmarkt.

Ausländische Arbeitnehmer, die Einheimische konkurrenzieren – eine brisante Konstellation. Darauf deutet auch das alljährliche Schweizer Sorgenbarometer hin: Wie im Vorjahr landete 2012 auf Rang eins das Thema Arbeitslosigkeit, gefolgt vom Thema Ausländer.

Bei Politik und Wirtschaftsführern scheint das Unbehagen der Bevölkerung angekommen zu sein. Doch die Lösungen wirken disparat. So fordert Gerhard Pfister, Zuger Nationalrat und Vorstandsmitglied der CVP, dass Schweizer Firmen bei der Jobvergabe den Inländern den Vorzug geben sollen, wenn die ausländische Person nicht besser qualifiziert sei. Doch selbst bei der SVP stösst Pfister damit auf Skepsis. «Wenn die Schweiz ohne Absprache EU-Bürger im Arbeitsmarkt diskriminiert, bekommen wir bald Probleme», sagte der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger.

«Kontingente lösen keine Probleme»

Rolf Dörig, Präsident von Swiss Life und Adecco, kritisierte die «vorbehaltlose Multikulti-Haltung» der Schweiz. Damit setze die Schweiz den gesellschaftlichen Zusammenhalt aufs Spiel. Das Land brauche eine gelenkte Personenfreizügigkeit mit der ganzen Welt, damit sie diejenigen Arbeitskräfte bekomme, die sie wirklich brauche. Im Klartext: Kontingente.

Bei der Justizministerin kam Dörig ­damit nicht gut an. «Wer meint, mit Kontingenten löse man die Probleme, liegt falsch», sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga im «Tages-Anzeiger». Doch selber kam sie auch nicht über Allgemeinplätze hinaus. Ihre Antworten auf die Zuwanderung: Integration, kluge Raumplanung, Landschaftsschutz, günstiger Wohnraum, verdichtete Zentren, gute Infrastruktur, ein attraktiver öffentlicher Verkehr.

Anzeige

Konkreter wird sich in den nächsten zwei Jahren das Stimmvolk äussern können. Mindestens drei migrationspolitische Themen kommen an die Urne: die Aus­dehnung der Personenfreizügigkeit auf Kroatien, die SVP-Masseneinwanderungsinitiative und die ähnlich gelagerte Ecopop-Initiative.