Beobachter: Reagierte die Immobilienbranche auf das Ja zur Zuwanderungsinitiative?
Fredy Hasenmaile: Nein, der Immobiliensektor ist ein träger Markt. Mittelfristig dürfte die Initiative aber dafür sorgen, dass rund 10'000 Wohnungen weniger gebraucht werden. Das ist vor dem Hintergrund der aktuellen Übernachfrage verkraftbar. Was man aber spürt, ist grosse Verunsicherung, speziell in der Wirtschaft. Die Initiative wurde gegen den Willen von Bundesrat, beinahe aller Parteien und der Wirtschaft angenommen. Nahezu die gesamte Elite lag falsch. Das beunruhigt und sollte aufrütteln.

Beobachter: Gehören Unsicherheiten für einen Chef nicht zum täglichen Brot?
Hasenmaile: Grundsätzlich schon. Aber es ist eben auch so, dass ein Unternehmer zurückhaltend reagiert, wenn die Unsicherheiten zu gross werden. Die Risikobereitschaft sinkt, ein Projekt, das auf der Kippe stand, wird schubladisiert, Stellen werden nicht geschaffen.

Beobachter: Neue Jobs bringen neue Fremde. Das will das Volk einschränken.
Hasenmaile: Ich glaube nicht, dass sich das Votum gegen die Schaffung von Arbeitsplätzen richtete. Aber natürlich, das Wirtschaftswachstum, das durch die Zuwanderung ermöglicht wird, hat seinen Preis.

Fredy Hasenmaile

Quelle: Steffen Schmidt/Keystone

Beobachter: Den zahlen Ansässige, wenn sie in den Städten von Zuwanderern verdrängt werden, wie eine Studie Ihrer Bank, der CS, ergab.

Hasenmaile: Verdrängung ist nicht unbedingt das richtige Wort, weil keinem Haushalt die Wohnung weggenommen wird. Doch wechselt er die Wohnung, wird es schwierig. Aber es ist richtig, dieser Effekt existiert. Weltweit strömen Zuwanderer zuerst in die Städte. Sie sind bereit, mehr zu zahlen für die Miete, viele haben auch gute Löhne. Das führt bei starker Nachfrage zu einem Anstieg der Mieten, was Ansässige, die eine andere oder ­eine grössere Woh­nung benötigen, zum Wegzug drängen kann.

Beobachter: Welche Signale übersahen die Meinungsführer in Politik und Wirtschaft vor der Abstimmung?
Hasenmaile: Die gescheiterte Raumplanung hat dem Ja-Lager nach meiner Einschätzung viele Stimmen gebracht. Der Kulturlandverlust hat für viele Bürgerinnen und Bürger ein Tempo erreicht, das sie stark beunruhigt. Das zeigen die Annahme der Zweitwohnungsinitiative und des Raumplanungsgesetzes. In Zürich wurde zudem die Initiative zum Schutz von Kulturland gutgeheissen. Wir tun uns schwer mit Entwicklungen, die zu schnell ablaufen.

Beobachter: Ist bauliche Verdichtung das Mittel gegen die Zersiedelung?
Hasenmaile: Der Grundsatz ist gut. Doch die Frage ist, ob wir genug verdichten. An vielen Orten verhindern Bau- und Zonenordnung, dass in die Höhe gebaut wird. Also verdichtet man in die Breite. Jede noch bestehende Baulücke wird gefüllt, Freiflächen, die dem Stadtbild Luft verschaffen, verschwinden. Das sollten wir ändern. Wenn wir mehr in die Höhe bauen und auch unsere Zurückhaltung gegenüber Hochhäusern ablegen, zahlen wir den geringsten Preis für die Schaffung von neuem Wohnraum. Wohnungen gehören in die Städte, dorthin, wo die Infrastruktur steht.