Mit einem Uranreaktor zwischen den Hinterrädern sollte der Ford Nucleon ohne Energienachschub 8000 Kilometer weit kommen. Vor 60 Jahren präsentierte der Autohersteller diese Zukunftsidee. Andere Visionen aus derselben Zeit sahen uns dereinst mit raumschiffähnlichen Vehikeln durch die Luft fliegen. Aus all dem ist nichts geworden. «Das waren aus Ingenieurssicht tolle Projekte, doch sie wurden nicht benötigt und sind deshalb wieder in der Versenkung verschwunden», sagt Thomas Sauter-Servaes, Leiter des Studiengangs Verkehrssysteme an der ZHAW in Winterthur.

Wer heute an der Zukunft der Mobilität forscht, arbeitet deshalb weniger an kühnen Visionen als vielmehr an der linearen Weiterentwicklung bewährter Systeme. Das zeigt ein Blick in die Entwicklungsbüros der hiesigen Unternehmen im Bereich Mobilität. Gesucht wird dort vor allem nach Antworten auf die Herausforderungen der nächsten 20 Jahre. Und die heissen: mehr Verkehrskapazität ohne riesige Infrastrukturausbauten, mehr Energieeffizienz, weniger Umweltbelastung.

Eine entscheidende Rolle wird der Schienenverkehr spielen. «Die Kapazität und die Energieeffizienz von Tram und Zug sind heute auf stark gefragten Strecken schon unschlagbar – das lässt sich künftig auch mit riesigen Flotten selbstfahrender Autos Selbstfahrende Autos Mit Hightech in den Verkehrskollaps nicht erreichen», sagt Dirk Bödeker, Leiter Rollmaterial und Services bei Siemens Mobility in Wallisellen. Das Unternehmen gehört weltweit zu den grössten Anbietern von Fahrzeugen und Technologien für den Schienenverkehr. 

Stromsparende, rezyklierbare Züge

Aktuell forschen die Ingenieure bei Siemens an Zügen, die weniger Strom brauchen, weitgehend rezyklierbar sind und bei gleicher Länge mehr Platz bieten. Daneben arbeitet das Unternehmen auch an Systemen zur Verkehrslenkung. «Egal, ob Strasse oder Bahn, es wird in der Zukunft eine zentrale Steuerung und Überwachung aller beteiligten Fahrzeuge brauchen, um die Kapazitäten voll nutzen zu können», sagt Bödeker. Er denkt dabei etwa an Systeme, dank denen Züge möglichst energieeffizient und in minimalem Abstand unterwegs sein könnten.

An ähnlichen Themen arbeitet der Schweizer Schienenfahrzeughersteller Stadler. «Die Unterstützung des Lokführers mit automatischen Systemen, etwa beim präzisen Halten im Bahnhof, wird kommen», sagt Daniel Forrer, Chef Produktentwicklung bei Stadler. Ein vollautomatischer Betrieb ohne Lokführer, ähnlich wie bei U-Bahnen, ist für ihn hingegen kein nahes Zukunftsszenario: «Nur schon die Absicherung der Gleisanlagen wäre extrem aufwendig.» Neben solchen Themen beschäftigen ihn energieeffiziente Fahrzeuge und Züge mit grösseren Kapazitäten. So tüftelt Stadler derzeit an Doppelstockwagen mit getrennten Türen für das obere und das untere Stockwerk. Dadurch soll man schneller ein- und aussteigen können, was die Leistung des Netzes erhöht. 

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Mit 300 km/h über die Schienen

Velaro Novo

Der deutsche Hochgeschwindigkeitszug «Velaro Novo» soll ab 2023 fahren.

Quelle: Siemens/PD

Der Test mit den selbstfahrenden Bussen

Auch andere Hersteller von Fahrzeugen und Komponenten für den öffentlichen Verkehr sind mit Blick auf die Zukunft aktiv. So etwa die Firma Trapeze in Neuhausen SH. Sie entwickelt vor allem Informationssysteme für Fahrgäste sowie Software und Steuerungssysteme für Bahn- und Buslinien-Betreiber. Zusammen mit den Verkehrsbetrieben Schaffhausen und weiteren Partnern hat Trapeze das Swiss Transit Lab gegründet. Im Vordergrund steht dort derzeit die Einbindung von selbstfahrenden Bussen in das Angebot von Verkehrsbetrieben. Als Teststrecke dient eine Verbindung von Neuhausen zum Rheinfall. Solche Fahrzeuge könnten später einmal auf Strecken mit geringem Fahrgastaufkommen eingesetzt werden, wo ein Bus mit Fahrer zu teuer ist. 

Der Bushersteller Hess aus dem solothurnischen Bellach wiederum forscht zusammen mit Hochschulen, dem Bundesamt für Energie, verschiedenen Verkehrsbetrieben und Herstellern elektrischer Antriebe am elektrischen Bus der Zukunft. Eine Variante ist ein Fahrzeug, das wie ein normaler Trolleybus mit Oberleitung unterwegs ist und Teilstrecken ohne Fahrdraht mit Strom aus den mitgeführten Batterien zurücklegt. Zurück unter dem Fahrdraht, werden die Akkus dann wieder geladen. Eine andere Variante sind Busse, die ihre Batterien während des Halts an einer Station kurz laden und so genügend Strom für die Fahrt zum nächsten Halteort haben. 

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Was wird aus «Microlino» und «City-Airbus»?

Andere Unternehmen in der Schweiz arbeiten an der Zukunft des Individualverkehrs. Ein Beispiel ist Micro Mobility Systems aus Küsnacht bei Zürich. Kopf des Unternehmens ist Wim Ouboter, der in den 1990er Jahren das Trottinett «Micro Scooter» erfunden hat. Sein jüngstes Produkt ist der «Microlino», ein zweiplätziges Mini-Elektroauto für den Stadtverkehr im Retrodesign. Es fährt mit einer Ladung bis zu 200 Kilometer weit, erreicht Tempo 90 und kann dank seiner Länge von 2,40 Metern auch quer parkiert werden Verkehr Das grosse Parkplatz-Abc . Die ersten Autos befinden sich derzeit in Produktion.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das 2013 gegründete Zürcher Start-up Sharoo, das heute mehrheitlich dem Autoimporteur Amag gehört. Die Firma sieht die Zukunft im Teilen von Fahrzeugen. Dazu hat sie eine Software und einen kleinen Bordcomputer entwickelt, die es Autobesitzern ermöglichen, ihre Fahrzeuge stundenweise an Dritte zu vermieten Sharing Economy Eine hippe Geldmaschine – das Prinzip ist an das von Mobility angelehnt. Heute sind schweizweit 1700 Fahrzeuge verfügbar, 100'000 Nutzer sind bei Sharoo registriert.

Auch wenn bei den hiesigen Unternehmen auf den ersten Blick kühne Visionen kein Thema sind, ist die eine oder andere Firma dennoch an futuristischen Ideen beteiligt. Siemens etwa arbeitet an schlauen Leitplanken. Diese könnten dereinst nicht nur vor Unfällen schützen, sondern selbstfahrenden Autos elektronisch den Weg weisen. Und ein weiteres Siemens-Projekt lässt die Visionen aus den 1960er Jahren mit raumschiffähnlichen Flugobjekten vielleicht doch noch Realität werden: Mit dem Flugzeughersteller Airbus arbeitet Siemens seit zwei Jahren am «City-Airbus». Das einer Drohne gleichende Gefährt mit elektrischem Antrieb könnte dereinst bis zu vier Passagiere mit Tempo 120 durch die Luft befördern.

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Der «Microlino»..

Der «Microlino»

.. kann auch quer parkiert werden.

Quelle: Micro Mobility Systems

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