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BikesharingDer Boom der Leihvelos

Automatische Veloverleihsysteme sind überall, sie sollen den Verkehr in den Städten grüner und bequemer machen. Was bringen sie wirklich?

60 bis 80 Prozent der Bikesharing-Nutzer sind Männer unter 40, die selbst bereits ein Velo besitzen.
von aktualisiert am 21. November 2018

Neuerdings tummelt sich in den Städten eine Vielzahl gemeinsam genutzter Fahrzeuge: von Transportvelos über Elektro-Trottinette bis zu Leihvelos verschiedenster Anbieter. Besonders der automatische Veloverleih, das Bikesharing, boomt.

Seit Paris 2007 einen solchen Velomietservice mit rund 20'000 Fahrrädern startete und damit eine völlig neue Grössenordnung definierte, sind die Systeme auf globalem Siegeszug: Im letzten Jahrzehnt wurde Bikesharing zum am schnellsten wachsenden Transportsystem der Geschichte. 2004 gab es weltweit erst in 13 Städten Bikesharing-Programme, 2014 waren es bereits 855. Wie verändert das die Mobilität?

Die lokale Bevölkerung sei gemäss Studien mit 80 bis 90 Prozent Hauptnutzer des Bikesharings, sagt Thomas Sauter-Servaes, Studiengangsleiter Verkehrssysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). «Verblüffend ist, dass 60 bis 80 Prozent der Nutzer Männer unter 40 sind, die selbst bereits ein Velo besitzen.» Es seien also nicht primär Neueinsteiger oder Touristen mit den Leihrädern unterwegs. 50 bis 70 Prozent der Nutzer hätten zudem ein überdurchschnittliches Einkommen.

«Bequemlichkeit ist Trumpf!»

Der Experte sieht Leihvelos als wichtigen Baustein eines effizienteren Verkehrssystems. Bei der Hälfte der Autofahrten in Schweizer Städten ist die Strecke heute kürzer als fünf Kilometer. Diesen Anteil gelte es mit umweltfreundlicheren Alternativen zu verringern.

«Der öffentliche Verkehr wird künftig attraktiver, weil die Zubringung mit dem Velo einfach und praktisch ist. Dafür muss allerdings ein nahtloser, kostengünstiger Übergang von Bikesharing-Systemen in die Verkehrslandschaft gelingen. Bequemlichkeit ist Trumpf!» Für viele ergebe sich die Chance, das Privatauto zu ersetzen, und man könne Städte verdichten Zersiedelung Wie die Schweiz zubetoniert wird – und was dagegen hilft , ohne dass der Verkehr kollabiere Verstopfte Strassen und überfüllte Züge Der Verkehrskollaps droht , so Sauter-Servaes. «Je grösser die Verfügbarkeit von Leihvelos, desto besser funktioniert ein autofreies respektive autoreduziertes Leben in der Stadt.»
 

5 Kilometer oder weniger misst die Strecke bei der Hälfte der Autofahrten in der Stadt. 


Das führt aber nicht zwingend zu einer Reduktion von Autofahrten. «Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass im städtischen Gebiet vor allem Busfahrten ersetzt werden», sagt Timo Ohnmacht, Verkehrssoziologe an der Hochschule Luzern, der die Daten des Zentralschweizer Veloverleihers Nextbike analysiert hat. Das Bundesamt für Strassen (Astra) bestätigt diese Entwicklung. So hätten diverse Studien gezeigt, dass «Veloverleihsysteme kaum eine Umlagerung von Autofahrten bewirken. Die grosse Mehrheit der Nutzenden kommt vom öffentlichen Verkehr und Fussverkehr.» Der direkte Nutzen für den Klimaschutz Klimawandel Warum handeln wir nicht? müsse deshalb zwar etwas relativiert werden. Wenn aber nur schon 10 bis 20 Prozent der Ausleihen Autofahrten ersetzten, trage das System zur Verminderung des Energieverbrauchs und des CO2-Ausstosses Klimaschutz CO2 reduzieren – in der Schweiz oder im Ausland? bei, heisst es beim Bundesamt für Energie (BFE).

China gibt den Takt vor

Der deutsche Thinktank Agora Verkehrswende weist in einer aktuellen Publikation darauf hin, dass sich in China, dem Land mit dem grössten Anteil China auf dem Vormarsch Die Schweiz in den Fängen des Drachen an der weltweiten Leihvelo-Flotte, signifikante Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten nachweisen liessen: «So hat sich etwa in Peking die Fahrradnutzung nach einem langen Abschwung seit der Einführung stationsloser Bikesharing-Angebote verdoppelt; auch die Anzahl kurzer mit dem Auto zurückgelegter Wege ist gesunken.» Ob diese Entwicklung nachhaltig sei, müsse sich jedoch erst noch zeigen. 
 

88 Mal so viele Ausleihen wie 2010 hat Nextbike im Jahr 2017 verzeichnet.


«Die Wachstumszahlen sind gross», sagt Sauter-Servaes, «aber in absoluten Zahlen ist es noch ein Nischenmarkt. Die Entwicklung hat aber ein riesiges Potenzial.» Die Auswertung von Timo Ohnmacht für den Raum Luzern zeigt denn auch, dass sich dieses Potenzial unter günstigen Bedingungen bei Veloverleihsystemen entfalten kann: Durch den Ausbau der Stationen und attraktive Preise sei bei Nextbike die Zahl der Ausleihen von 907 im Jahr 2010 auf über 80'000 im Jahr 2017 gestiegen.

Und nicht nur Fahrräder sind äusserst beliebt – die E-Trottinette von Lime Strassenverkehr E-Trottinette ärgern Fussgänger-Lobby haben in Zürich mittlerweile eine wesentlich höhere Auslastung als die Velos des gleichen Anbieters. Bis zu zwölfmal täglich werden sie ausgeliehen. Seit der Lancierung in Zürich im Sommer 2018 hat Lime die Zahl auf 250 verdoppelt. Dieser rasche Wandel bei Sharing-Systemen sei exemplarisch für die Zeit der Transformation im digitalen Zeitalter, stellt das Astra fest.

Die ersten automatischen Veloverleihsysteme der Schweiz entstanden bald nach dem Erfolg von Paris, vornehmlich im Kanton Waadt. Auch in der Zentralschweiz wurde bereits ab 2009 ein Bikesharing-Netz mit Standorten rund um Luzern eingeführt. Veloverleihsysteme sind allerdings besonders für grössere Städte geeignet. So ist ein Betriebsgebiet mit einem dichten Stationsnetz und genügend Velos ein Schlüsselfaktor. 

Biel machts vor

Nur in Biel erreicht man eine Nutzung, die sich mit der in grösseren Städten vergleichen lässt, zeigt ein Bericht des Astra. Die Stadt ist ein Schweizer Erfolgsbeispiel in Sachen Bikeverleih. Seit 2012 gibt es dort ein System, das die Stadt entwickelt hat, jedoch von einem privaten Partner betrieben wird und unterdessen auch in andere Städte exportiert wurde. An 50 Standorten stehen 230 Velos ohne feste Docks. «Es lief von Anfang an weitgehend problemlos und hat einem echten Bedürfnis entsprochen. Die roten Velos prägen das Stadtbild, besonders bei schönem Wetter», sagt Gérard Wettstein, Generalsekretär der Präsidialdirektion der Stadt Biel. Speziell bei Berufspendlern und Studierenden der Fachhochschule sind die Velos beliebt.

Das Konzept eines Netzwerks von Rädern, die öffentlich zugänglich sind und selbständig ausgeliehen und zurückgegeben werden können, ist nicht neu. Zum Durchbruch kam es jedoch erst im 21. Jahrhundert mit automatischen Systemen, bei denen man Velos rund um die Uhr an festen Stationen (Docks) ausleihen konnte, wobei sich Nutzer registrieren lassen müssen. Dies führte zu einer wesentlich besseren Verfügbarkeit. Mit höherer Qualität der Räder und technisch immer ausgereifteren Möglichkeiten wie Apps, GPS-Ortung und GPS-Navigation sowie Touchscreens und digitaler Bezahlmöglichkeit Mobiles Zahlen Das Smartphone hat einen Knopf in der Leitung wurden sie immer beliebter. 

Auch die steigende Anzahl Elektrovelos erhöht die Attraktivität. Häufig kostet die Ausleihe in den ersten 30 Minuten nichts, was Nutzer dazu motiviert, die Räder rasch wieder abzugeben – die Preisgestaltung ist vielerorts auf Kurzzeitmiete und Alltagsstrecken ausgerichtet. Gemäss Astra sind 80 bis 90 Prozent der Fahrten kürzer als 30 Minuten. Wie die Anbieter nachhaltig Geld verdienen können – etwa mit Werbung, Abos, Sponsoring –, muss sich erst noch zeigen.

Ärger wegen O-Bike

Freefloating-Systeme, bei denen der Verleih nicht auf feste Stationen angewiesen ist, ermöglichen es privaten Anbietern, unabhängiger von der öffentlichen Hand zu operieren. Dies hat ab 2017 weltweit zu einer Flut von Freefloating geführt. Dennoch kommen Anbieter solcher Lösungen nicht an einer Abstimmung mit den lokalen Behörden vorbei. O-Bike etwa kam, verärgerte und verschwand. Innert kürzester Zeit überschwemmten die billigen Räder aus Singapur Winterthur und Zürich. 

O-Bike habe sich in Unkenntnis der lokalen Gepflogenheiten bei vielen Leuten unbeliebt gemacht, erklärt Pio Sulzer vom Stadtzürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartement. «Es war recht mühsam, die Verantwortlichen an einen Tisch zu bekommen, aber auch mit O-Bike hatten wir den Rank gefunden.» Nach nur einem Jahr verschwand die Firma aus Singapur jedoch bereits wieder – nicht nur aus der Schweiz zog sich der Anbieter plötzlich zurück, sondern aus ganz Europa. O-Bike war pleite.

Blockierte Verfahren in Grossstädten

Zudem herrscht auf dem Bikesharing-Markt erbitterter Konkurrenzkampf. Die ausgeschriebenen Projekte der Städte Zürich und Bern konnten erst nach jahrelangen Rechtsverfahren eingeführt werden. Auch in Genf wird ein öffentliches Verleihsystem seit über einem Jahrzehnt durch Gerichtsverfahren blockiert. Die Rechtsstreitigkeiten begünstigten den Markteintritt zahlreicher privater Angebote mit Freefloating-Systemen: die Elektrovelos von Smide, der Velos und E-Trottinette der kalifornischen Firma Lime oder eben O-Bike. 

Pio Sulzer vom Zürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartement spürt die Kehrseite dieser Entwicklung: «Namentlich bei negativen Ereignissen wurden wir regelrecht von Medien- und anderen Anfragen überrollt.» Dabei betreibe die Stadt selber kein automatisches Veloverleihsystem und sei nicht finanziell beteiligt. «Auch zum Rückzug von O-Bike war die Stadt nicht Ansprechpartnerin.»

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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1 Kommentar

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kurto
Kenne als Insider diese Systeme und halte alle für nicht tauglich! 1. Freefloating begünstigt nicht nur wildes parkieren sondern auch leere Akkus! 2. Benziner Lieferwagen müssen täglich Velos herumverschieben, sei es in die Werkstatt oder als Feinverteilung an die entsprechenden Stellplätze. 3. Die letztlich wenigen Arbeitsplätze (saisonal 4 Monate) generieren keine vernünftigen Löhne da ohne Subventionen nur rote Zahlen existieren! 4. Rechnet man die Kosten im täglichen Gebrauch um (Fr. 4-15.-) ist der Spass teuer!

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