Beobachter: Wir werden immer mobiler und legen jedes Jahr mehr Kilometer zurück. Erreichen wir irgendwann eine Grenze, wo es so nicht mehr weitergeht – etwa aufgrund der Umweltfolgen oder weil die Kapazität der Verkehrswege Verstopfte Strassen und überfüllte Züge Der Verkehrskollaps droht  
nicht mehr ausreicht?
Thomas Sauter-Servaes:
Ich glaube, eine Grenze wird es in absehbarer Zeit nicht geben, weil die Folgen unserer Mobilität noch erträglich sind. Aber eines ist klar: Der Verkehr ist heute viel zu billig, und die Umweltfolgen werden dereinst einmal unsere Kinder und Enkel finanzieren müssen. 

Ist die Gesellschaft denn tatsächlich nicht bereit, freiwillig umzudenken?
Nein, wir haben uns zu sehr an eine grenzenlose, preiswerte Mobilität gewöhnt und sind nicht bereit, uns einzuschränken. So gesehen ist jeder sein privater Nutzenmaximierer, was ich irgendwie auch verstehe. Deshalb bin ich überzeugt: Reduzieren lässt sich der Verkehr langfristig nur, wenn seine Preise die wahren Kosten widerspiegeln ÖV Kein Halbtax mehr, dafür ein teureres GA?

Aber könnten neue Technologien wie beispielsweise selbstfahrende Elektroautos denn nicht beides ermöglichen: dass man zu tiefen Preisen mobil sein kann und trotzdem die Umwelt nicht schädigt?
Solche neuen Techniken tönen zwar gut. Doch sie bergen immer auch das Risiko eines Rückschlageffekts – in der Fachwelt Rebound genannt. Wenn zum Beispiel in einer Stadt alle Privatautos durch selbstfahrende Sammeltaxis ersetzt würden, bräuchte es nur noch zehn Prozent der Fahrzeuge und keine Parkplätze entlang der Strasse mehr. Weil die Fortbewegung dank den selbstfahrenden Taxis so bequem und schnell geworden wäre, stiege aber die Nachfrage. Dann bestünde das Risiko, dass aus den nicht mehr gebrauchten Parkplätzen zusätzliche Fahrspuren Breitere Strassen «Das setzt einen Teufelskreis in Gang» würden, um den Mehrverkehr Selbstfahrende Autos Mit Hightech in den Verkehrskollaps abwickeln zu können. Die gewonnene Lebensqualität in der Stadt würde so wieder zunichtegemacht. 

Und was schlagen Sie stattdessen vor?
Die frei werdenden Flächen müssten stadtverträglicheren Verkehrsträgern zur Verfügung gestellt werden – beispielsweise dem Velo. Schon heute sind 50 Prozent aller Autofahrten in den Schweizer Städten kürzer als fünf Kilometer – perfekte Distanzen für Velos. Aber der Umstieg passiert nur, wenn für den Langsamverkehr auch eine sehr gute und sichere Infrastruktur Kampf um Platz Velofahrer gegen Fussgänger gegen Autofahrer zur Verfügung steht. 

Der politische Wille, die künftige Mobilität gemäss Ihren Vorstellungen aufzugleisen, ist derzeit kaum spürbar. 
Ja, leider. Man spricht immer nur über die neuen Technologien für die künftige Mobilität. Vielmehr müsste die Politik den Mut haben, eine generelle Vision für die Stadt der Zukunft zu erstellen. Wie wollen wir 2040 leben? Wie grün soll die Stadt sein? Welche Lebensqualität soll sie bieten? Wenn diese Fragen beantwortet sind, ist auch klar, wie die Mobilität in einer solchen Stadt aussehen muss. Doch hier will sich niemand die Finger verbrennen. Wie ich zu Beginn schon gesagt habe, wird es nicht ohne Verzicht auf einen Teil der heutigen Mobilität und ohne eine Verteuerung gehen. Das wirft wiederum soziale Fragen auf: Wer darf wann, wo und wie viel unterwegs sein? Wie gleichen wir das finanzielle Ungleichgewicht innerhalb der Bevölkerung gerecht aus? Das sind die grossen Fragen zur Mobilität der Zukunft

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zur Person

Thomas Sauter-Servaes, 43, Mobilitätsforscher und Leiter des Studiengangs Verkehrssysteme an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Zuvor arbeitete er bei der Deutschen Bahn.

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