«Es war eindrücklich, was uns bei der Übernahme versprochen wurde», sagt Andrea Moser (Name geändert), ehemalige Abteilungsleiterin des Modehauses Spengler. Schild-Chef Meinrad Fleischmann begrüsste sie zusammen mit 600 Spengler-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern in einem «Integrations-Newsletter» und versicherte: «Es werden alle Arbeitsverhältnisse ohne Einschränkungen übernommen.» Noch Anfang Oktober 2004 bestätigte er in der «Neuen Luzerner Zeitung»: «Sollte es zu einem Stellenabbau kommen, nutzen wir die natürliche Fluktuation (...), so dass es keine Kündigungsaktionen brauchen wird.» Moser war erleichtert. Aber nicht für lange: «Was dann kam, möchte ich nicht noch einmal durchmachen», sagt sie heute.

Dabei waren die Vorzeichen bestens: Kurz vor der Übernahme zählte die Wirtschaftszeitung «Cash» das Modehaus Schild zu den Top Ten der besten Arbeitgeber. CEO Fleischmann schwärmte damals: «Für uns ist das gute Abschneiden Motivation, ein Klima zu schaffen, das unseren Mitarbeitenden ermöglicht, optimale Leistungen zu erbringen.» Davon würden bald auch die Spengler-Mitarbeitenden profitieren. Andrea Moser, die über zehn Jahre bei Spengler gearbeitet hatte, spricht hingegen von einer «Zweiklassengesellschaft»: «Ich hätte nie gedacht, dass nach einer Übernahme derart massiv Druck auf die Mitarbeiter der geschluckten Firma ausgeübt wird.» So gab es etwa ein Verbot, im Laden mit Gewerkschaftsvertretern zu sprechen.

Allen Beteuerungen zum Trotz bekamen in der Weihnachtszeit die ersten Spengler-Angestellten ihre Kündigung. Seither jagt eine Kündigungswelle die nächste. «Wir nannten uns selbst scherzhaft ‹Zitterklub›, weil wir gegen Ende jedes Monats um unseren Arbeitsplatz bangten», erklärt eine andere Abteilungsleiterin. Auch ihr wurde nach knapp zehn Jahren Spengler gekündigt. «Wer zu alt oder zu teuer ist, muss gehen.»

«Das ist eine Gaunerei»
Ein Kadermitarbeiter bestätigt, dass bereits nach dem ersten Tag unter neuer Leitung «in Workshops minutiös geplant wurde, welche Mitarbeiter man entlassen wird»: Zuerst sollten die schlechtesten drankommen, dann die teuersten. Inzwischen habe mindestens ein Drittel der 600 einstigen Spengler-Angestellten die Kündigung erhalten. Dem widerspricht Schild-CEO Fleischmann: Bis jetzt seien 140 Stellen abgebaut worden. «Der markante Umsatzrückgang in den Ex-Spengler-Filialen zwingt uns dazu.» Zudem habe Schild in den Spengler-Filialen eine «Kostensituation angetroffen, die dringend verbessert werden musste». Im Klartext: Die Kosten für das Personal mussten gesenkt werden.

Dabei hatten diejenigen Angestellten, die im ersten halben Jahr nach der Übernahme die Kündigung erhielten, noch Glück: Dank einem Sozialplan von Spengler erhielten sie eine Entschädigung. Diese berechnete sich nach dem Dienstalter. Doch der Spengler-Sozialplan galt nur für ein halbes Jahr nach der Übernahme. So ging eine Verkäuferin, die fast ihr ganzes Arbeitsleben für Spengler gearbeitet hatte, leer aus. Statt einer Entschädigung von über 10'000 Franken bekam sie keinen Rappen. Und das nur, weil sie kurz nach Auslauf des Sozialplans ihre Stelle verlor. Ebenfalls ohne Entschädigung gehen musste ein Abteilungsleiter, der im Frühling den blauen Brief bekam. «Es kommt mir vor, als ob ich mein halbes Leben vergebens gearbeitet hätte», sagt er nach über 20 Jahren bei Spengler.

Auch Unia-Gewerkschafter Robert Schwarzer ist empört: «Nachdem der Sozialplan abgelaufen ist, entlässt Schild die Angestellten jetzt zum Nulltarif. Das ist eine Gaunerei.» Der Gewerkschafter wirft dem Unternehmen vor, Massenentlassungen in Raten vorzunehmen. Damit umgehe die Firma bewusst die Gesetzesbestimmungen über Massenentlassungen. Diese verpflichten die Firma, frühzeitig die Angestellten zu konsultieren und nach Vorschlägen zu fragen, wie die Entlassungen verhindert oder zumindest die Folgen gemildert werden könnten. CEO Fleischmann entgegnet, von bewusstem Zuwarten bei den Entlassungen könne keine Rede sein. «Die Ex-Spengler-Filialen lagen weit unter Budget, deshalb hatten wir bei diesen Filialen unerwarteten Handlungsbedarf.»

Selbst der ehemalige Spengler-Patron Christian Spengler, der den Ruf eines sozialen Arbeitgebers hatte, zeigt sich überrascht: «Herr Fleischmann hat sich während der ganzen Übernahmeverhandlungen als sozialer Unternehmer dargestellt.» Spengler ist überzeugt, dass die Verschmelzung von Schild und Spengler «das Potenzial für einen erfolgreichen Auftritt am Markt gehabt hätte».

Doch auch wer von den ehemaligen Spengler-Angestellten noch nicht auf der Strasse steht, bekommt die neuen Besitzverhältnisse zu spüren. Im Frühjahr mussten alle ehemaligen Spengler-Angestellten einen neuen Vertrag mit einem tieferen Lohn unterschreiben. Mehrere Verkäuferinnen berichten übereinstimmend, von ihnen sei noch im Chefbüro eine Unterschrift erwartet worden, sonst hätten sie ihre Kündigung provoziert. «Wer Angst um seinen Arbeitsplatz hat, mit dem kann man machen, was man will», sagt eine Betroffene. Schild weist die Vorwürfe zurück: «Alle Ex-Spengler-Angestellten erhielten eine Bedenkzeit – falls sie dies verlangten.»

Auch die Lehrlinge müssen bluten
Am härtesten traf die Lohneinbusse die Verkäuferinnen. Bei einem Lohn unter 4000 Franken mussten sie auf 300 Franken verzichten. Für Teilzeitangestellte gab es rund zehn Prozent weniger Stundenlohn, viele mussten auch weniger Stellenprozente akzeptieren. So wurde einer Verkäuferin mit einem Brutto-Stundenlohn von unter 20 Franken das Arbeitspensum von 80 auf 50 Prozent reduziert. Das sind im Monat weniger als 2000 Franken brutto. Als sie ihre Vorgesetzten fragte, wie sie damit überleben solle, bekam sie als Antwort prompt die Kündigung.

Nicht einmal die Lehrlinge verschonen die neuen Besitzer. Ihnen wurde Anfang Juli ein neuer Vertrag vorgelegt – mit einem um einen Fünftel tieferen Lohn: 870 Franken im zweiten Lehrjahr. Dabei dürfen Lehrlingsverträge gar nicht abgeändert werden, weil sie befristet sind. Das kümmert Schild nicht: «Die Lehrlingslöhne bei Spengler lagen weit über den üblichen Ansätzen. Deshalb erfolgte eine Anpassung.»

Dabei hatte Meinrad Fleischmann noch im vergangenen Oktober den Beschäftigten den Besitzstand garantiert. «Alle Spengler-Leute erhalten im April einen neuen Schild-Vertrag. Tendenziell fahren sie damit etwas besser als bisher», sagte Fleischmann damals. Diese Garantie habe nur für das erste halbe Jahr gegolten, erklärt er heute.

Spätestens im kommenden Herbst gilt es für Schild wieder ernst: Dann werden die nächsten Arbeitgeber-Awards der Wirtschaftszeitung «Cash» vergeben. Allzu viele Sorgen muss sich die Führungsetage des Modehauses dennoch nicht machen: Wer es nicht unter die besten 25 schafft, dessen Name wird nicht publiziert.

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