Ungläubig stehe ich vor der Früchteauslage, betrachte die knubbeligen, goldgelben Früchte. Quitten im Januar! Und dazu erst noch perfekt gereift, weisen sie doch die typischen schwarzbraunen Flecken auf. Der Verkäufer sieht meinen erstaunten Blick und sagt: «Quitten gibt es jetzt fast rund ums Jahr.»

Ich frage ihn, woher sie denn stammen. Er antwortet lakonisch: «Aus dem Lagerhaus.» Was Worte auslösen können: Kaum hat der Früchtehändler nämlich «Quitten» gesagt, bin ich in Gedanken auch schon in Venedig. Ich sehe, wie die Rialto-Brücke aus dem Nebel auftaucht. Für viele Menschen mag Venedig im Januar feucht, dunkel und leer sein. Für mich ist diese Stadt genau dann am schönsten.

Nach dem Theater ins Restaurant
Wir steigen an der Stazione «Rialto» aus unserem Vaporetto. Für einmal legen wir das letzte Stück Weg mit einer Gondola zurück. Zwar wissen wir, dass die Preise für die Fahrten in den flachen Kähnen an Unverschämtheit grenzen. Für diesen einen Abend machen wir eine Ausnahme.

Wir fahren mit Gustavo, den wir speziell hierher bestellt haben. Er stakt uns ohne Kommentar, ohne Singsang schweigend durchs Wirrwarr der Kanäle zum Campo San Fantin. Zu dieser Zeit sind bloss noch wenige Gondeln unterwegs. Der Nebel, das Wasserglucksen, die seltsamen Echos zwischen den Häusern und die wabernden Lichtreflexe machen die Fahrt zu einem surrealen Ereignis.

Dann taucht aus der Nacht, schimmernd wie eine riesige silberne Schmuckdose, das Teatro La Fenice auf. Zurzeit wird dort gerade «Lohengrin» gespielt. Wir sind angekommen. Es ist fast Mitternacht, als wir durch das kalte Venedig nach Hause gehen. Morgen essen wir bei Arturo im «La Colomba». Das ist ein weiteres unserer «Venedig-Rituale». Wir werden Bollito misto bestellen, das Venezianer Gericht par excellence.

Völlerei nach venezianischer Art
Das «Colomba» liegt auf halbem Weg von unserem Hotel zur Piazza San Marco. Hier umfasst ein Bollito alles, was ein denkwürdiges Mittagessen ausmacht. In einer grossen kupfernen Wanne wird es vor die Gäste an die Tische gekarrt. Mächtig gesottene Rindsbrust und Rindshuftdeckel liegen neben Rinds- und Kalbszunge. Ein Zampone macht seine Aufwartung: Bereits angeschnitten, zeigt der gefüllte Schweinefuss sein köstliches Innenleben aus grob gehacktem Schweinefleisch, Pistazien und schwarzen Trüffeln. Ein Kalbskopf, eine gekochte Kalbsnuss und das mächtige Suppenhuhn vervollständigen das beeindruckende Bild.

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Der Gast wählt aus, bekommt auf einem Beistellteller auch noch viel Suppengemüse. Schwupp! Der Kellner tröpfelt etwas bestes Olivenöl darüber, eine Prise Meersalz rieselt auf das Ganze. Buon appetito! Die Brühe werden wir zum Ende der Völlerei verlangen. Die Venezianer sagen, dass sie den Schmaus verdaulich mache.

Käse, Dessert und ein Digestif
Zum Abschluss folgt, was es nur im «La Colomba» gibt. Der Kellner trägt einen irdenen Topf an den Tisch. Daraus schöpft er einen grossen Löffel sahnigen Mascarpone auf den Teller. Aus einem zweiten Töpfchen holt er etwas bitteren Honig und träufelt diesen virtuos über den Frischkäse aus Doppelrahm. Schliesslich kommt aus einem grossen Konfitürenglas noch etwas Quittenmostarda hinzu.

Plötzlich stehen Gläschen mit klarem Rum auf dem Tisch. So serviert man hier Käse, Dessert und Digestif zugleich. Unvergesslich und jederzeit in Gedanken abrufbar. Zum Beispiel wenn man im Januar Quitten in einer Auslage findet.

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