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InternetDie Datenhändler jagen auch Sie

Bild: Jojakim Cortis

Big Brother war gestern – heute sind wir weiter. Google, Facebook und Co. filtern aus digitalen Details umfassende Persönlichkeitsprofile und verdienen damit Milliarden. Leichtsinnige Internetnutzer helfen dabei kräftig mit – freiwillig.

von Thomas Angeli und Otto Hostettler

Ausgerechnet am wichtigsten Tag! Philipp Würmlis ­Rasierer tut keinen Wank, als er sich am Samstag, 16. Juli, schönmachen will. Schliesslich kommt man nicht unrasiert zur eigenen kirchlichen Trauung. Was tun? Würmli schreibt unter seinem ­Pseudonym «pippolino» eine Meldung im Kurznachrichtendienst Twitter: «Trauzeuge daher!» Irgendwie muss der Trauzeuge für glatte Wangen des Bräutigams gesorgt haben, jedenfalls nimmt der Tag eine gute Wendung. Abends nach der Hochzeit schreibt «pippo­lino» über Twitter: «Gute Nacht :-) :-) :-)». Wer das alles erfahren will, kann es – auch ohne dass Würmli davon erfährt. Es reicht, sein Twitter-Pseudonym zu kennen.

Jede Woche werden auf Twitter eine ­Mil­liarde Meldungen verschickt. Krethi und Plethi äussern mit 140 Zeichen mehr oder ­weniger aufregende persönliche Befindlichkeiten, Politiker buhlen um Aufmerksamkeit, Firmen vermelden Aktionen. Tag für Tag werden weltweit 460'000 Twitter-Konti ­eröffnet. In der Schweiz sind inzwischen gegen 220'000 Personen angemeldet.

Das Experiment: Drei Personen, drei Profile

Philipp Würmli nutzt jedoch nicht nur Twitter. Auch bei LinkedIn, Xing und Google+ ist er dabei. Und selbstverständlich bei Facebook. Dort findet man auch Christian Schenkel, Leiter der Online-Redaktion der Post. Er sagt von sich, dass er versuche, «Privates tatsächlich privat zu halten». «Madame C» geht einen Schritt weiter. Die Schweizer Bloggerin der ersten Stunde nutzt neben Facebook auch Twitter – allerdings beides konsequent nur unter einem Pseudonym.

Würmli, Schenkel und «Madame C», zufällig aus dem Internet gefischt, haben sich für ein Experiment zur Verfügung gestellt: Mit ihrem Einverständnis hat der Beobachter untersucht, welche Spuren sie im Netz hinterlassen (siehe unter «Nebenartikel»). Zum Einsatz kamen nur legale Methoden und Internetwerkzeuge, die für alle ver­fügbar sind, meist gratis: Suchmaschinen, Datenbanken, Tools zur Analyse von Fotos, Webseiten, auf denen sich soziale Netzwerke von Nutzern darstellen lassen, Geo-Lokalisierungsdienste, Google Street View und vieles mehr. Pass­wörter wurden keine gehackt, Zugänge zu Nutzerkonten nicht erschlichen. Die Resultate wurden den IT-Experten der Swiss Privacy Foundation vorgelegt, die bestätigen, dass ­jeder Laie zu diesen Infos kommen kann.

Die Fülle der Resultate übertraf selbst die eigentlich realistischen Befürchtungen der Testpersonen – im Fall von «Madame C» so sehr, dass sie darauf bestand, dass ihr normalerweise verwendetes Pseudonym für diesen Artikel geändert wird. Den deutschen Datenschutzbeauftragten Peter Schaar (siehe Artikel zum Thema «Im Netz gibt es keine vollständige Anonymität») erstaunt die Menge an hinterlassenen Datenspuren im Netz nicht: «In­ter­netnutzer vergessen oft, was sie vergessen ­haben», sagt er.

Gutes Geschäft mit persönlichen Daten

«Madame C», Online-Profi Schenkel und Projektleiter Würmli machen nur, was Millionen Schweizerinnen und Schweizer auch tun: Sie suchen Informationen, tauschen sich mit Freundinnen aus und teilen ihre Gedanken mit Kollegen. Auf der Gegenseite aber sitzen Konzerne wie Google, Facebook und Co., die darauf warten, dass Benutzer Spuren hinterlassen. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, möglichst viel über ihre Nutzer zu erfahren. Sie wollen ihren Werbekunden massgeschneiderte Werbeplätze verkaufen und sagen können, was potentielle Kunden als Nächstes kaufen. Je präziser die Vorhersagen, desto ­lukrativer ihr Geschäft.

Jörg-Uwe Kietz, Dozent am Informatik­institut der Universität Zürich und Spezialist im Bereich Data-Mining, sagt: «Überall dort, wo Daten anfallen, werden sie künftig auch genutzt werden.» Das heisst: «Firmen werden ihre Kundendaten zweifellos gezielter auswerten.» Ihr Ziel: die Kunden mit noch präziserer Werbung eindecken.

Das Business ist schon heute äusserst einträglich. Der Suchmaschinen-Gigant Google erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von 29 Milliarden Dollar. 96 Prozent der Einnahmen kamen aus dem Verkauf von Werbung. Das Geschäft funktioniert bestechend einfach: Wer in der Suchmaske einen Begriff eingibt, erhält auf der rechten Bildschirmseite Inse­rate zu genau dieser Thematik. Selbst E-Mails, die über den Google-Dienst Gmail verschickt werden, werden automatisch nach werberelevanten Begriffen abgesucht: Wer in einer Mail etwa «Griechenland» oder «Stieg Larsson» verwendet, erhält umgehend Werbung für Hotels auf dem Peloponnes und für Krimis angezeigt. Ob der Suchende sich tatsächlich dafür interessiert oder doch eher für die Schuldenkrise oder den Erbschaftsstreit um den schwedischen Erfolgsautor, weiss Google aber nicht. Noch nicht.

Bereits einen Schritt weiter ist Facebook – über 700 Millionen Mitglieder weltweit, vier Mil­liarden Dollar Werbeeinnahmen 2010. ­Facebook weiss, was uns wirklich interessiert. Das Netzwerk, das von drei Millionen Schweizerinnen und Schweizern genutzt wird, lebt davon, dass seine Nutzer ihrem vermeintlich privaten Umfeld mitteilen, was ihnen gefällt. So entsteht für die Werbewirtschaft eine schier unendliche Sammlung persönlicher ­Informationen von traumhafter Ehrlichkeit.

Millionen Facebook-Mitglieder geben freiwillig bekannt, welches ihre Lieblings­filme, ihre Lieblingsmusik, ihre Lieblings-Fussballteams sind, in welchen Vereinen sie mitmachen, welchen Stars sie nacheifern, ­womit sie sich grad beschäftigen und mit wem sie Kontakt pflegen. Und o Wunder: Die ­Inserate auf Face­book decken sich mit erstaunlicher Genauigkeit mit den persönlichen Vorlieben und Interessen der jeweiligen Nutzer.

Dank den offenherzig gemachten An­gaben können Werbekunden bei Facebook heute schon gezielt auswählen. Ein Veranstalter eines Rockkonzerts in Aarau etwa kann seine Werbebotschaft ganz gezielt an junge Menschen aus der Region richten, die auf ­Facebook ein Interesse an Rockmusik offenbart haben. Die Nutzer werden zu Benutzten.

Eine geradezu geniale Erfindung der Facebook-Betreiber ist dabei die «Gefällt mir»-Funktion. Nutzer können damit ihre Sympathie für einen Beitrag von «Freunden» ausdrücken – und Facebook ergänzt vollautomatisch seine Datensammlung über den Nutzer um ein weiteres Puzzlestück.

Wie Facebook anderen Eintritt gewährt

Facebook deckt mit der Datensammelei jedoch nicht nur eigene Bedürfnisse ab. Auch Drittfirmen erhalten gegen Bezahlung grosszügig Zugriff auf alle möglichen Daten – auch solche, die sie für ihr Angebot gar nicht benötigen (siehe Artikel zum Thema «So steigern Sie die Sicherheit»). Wer sich etwa bei scribd.com, einer Art Publikationsplattform für selbstverfasste Texte, via Facebook einloggen will, muss sich einverstanden erklären, dass scribd.com alle im Facebook-Profil gespeicherten Daten jederzeit abrufen darf, einem Mails senden und an die Pinnwand schreiben darf.

Noch wesentlich bunter treibt es der Dienst path.com, eine Art Fotonetzwerk. Wer sich via Facebook einloggen will, muss den Machern von path.com Zugang zu sämtlichen persönlichen Informationen inklusive Freundesliste, Beziehungsstatus, Fotos, Videos und Aufenthaltsort liefern. Mit einem Klick akzeptiert man so auch gleich die allgemeinen ­Geschäftsbedingungen und stimmt zu, dass sämtliche Facebook-Freunde davon erfahren, dass man nun bei path.com ein Konto hat. Klicken diese wiederum auf die Meldung, wiederholt sich bei ihnen dieses Szenario. Der Trick ist gelungen, der digitale Kettenbrief nimmt seinen Weg.

In der Internetwelt heisst das Zauberwort Cookie (Keks). Wer eine Internetseite aufruft, erhält vom Webseitenbetreiber unsichtbar solche kleinen Dateien auf den Computer gespeichert. Manchmal dienen sie nur statistischen Zwecken und melden den Webseitenbesitzern, wie oft sie aufgerufen werden. Oder sie helfen, bei Online-Shops die Einkaufs­körbe zu verwalten. Damit sind solche Cookies für Nutzer durchaus praktisch. Sie erkennen, welche Sprache jemand spricht, die Seite erscheint bei einem nächsten Besuch in der gewohnten Einstellung. Auch der Beobachter verwendet Cookies, um den Betrieb seiner Website zu vereinfachen.

Doch Cookies sind längst nicht mehr nur Hilfsmittel, um bequemer zu surfen. Es gibt Spähdateien, die auf Computern Infos zusammensuchen – sogar Mailadressen. Viele Web­seiten verkaufen diese Infos an Werbefirmen weiter. Eine Stichprobe auf 15 in der Schweiz vielbesuchten Internetseiten zeigt: Die allermeisten Firmen spio­nieren ihre Kunden aus. Wer etwa ein einziges Mal den Swiss­com-Dienst Bluewin aufruft, platziert auf seinem Computer 26 Dateien, die Informationen übermitteln. Darunter elf Cookies von sogenannten Drittanbietern, zumeist verbandelten Werbefirmen. Swisscom selbst platziert ausschliesslich Cookies von Drittanbietern, gleich zwölf an der Zahl. Die «20 Minuten»-Website platziert acht eigene Dateien und elf von Drittanbietern. Bescheiden die SBB mit nur zwei Cookies. Als einzige Website der Stichprobe hinterlässt Wikipedia kein Cookie.

Ähnlich verhält es sich auch bei den so­genannten Apps, den kleinen Hilfsprogrammen für Smartphones und mobile Lesegeräte wie iPads. Im Test des «Wall Street Journal» wurden 101 beliebte Apps geprüft. 47 davon registrierten sogar die Ortsdaten der Besitzer und reichten diese an die Spähfirmen weiter.

Ein Wirtschaftszweig für sich

Die Unmengen von Daten werden von der Werbewirtschaft verglichen, analysiert, kombiniert – und weiterverkauft. Entstanden ist längst eine neue Branche von Informationsverarbeitern. Die ganz Grossen in diesem Geschäft sind die US-Datenverarbeiter BlueKai, eXelate oder Lookery. BlueKai ist eigenen ­Angaben zufolge der weltweit grösste «Marktplatz» solcher Daten. Der Konzern kauft, analysiert und verkauft Daten von über 300 Mil­lionen einzelnen Online-Shoppern.

Aus den Datenanalysen resultieren neue Daten. BlueKai und Konsorten bieten der Werbeindustrie darauf Datensätze in gewünschter Menge an, etwa von Menschen, die gut verdienen, oder von solchen, die demnächst ein Haus bauen, eine Familie gründen oder öfter auf Reisen gehen. Zu kaufen sind solche Kundenprofile schon für wenige Rappen pro Datensatz. Data-Mining-Spezialist Kietz sagt: «Ich erhoffe mir, dass ich dank ­dieser Entwicklung weniger unerwünschte Werbung erhalten werde.» Er hat aber seine Zweifel, ob dies tatsächlich eintrifft.

Datenschützer können da nur noch warnen. Eine echte Handhabe gegen die Nutzung der Daten für alle möglichen Zwecke haben sie nicht. Vor Landesgrenzen machen die Datenjäger nicht halt. Wer online einkauft, hinterlässt seine Daten – egal, in welchem Land.

Guido Rudolphi, ausgewiesener Spezialist für Internetrecherchen im Bereich Cyberkriminalität, sagt: «Wir haben keine Kontrolle mehr darüber, was mit unseren Daten passiert.» Rudolphi ist erstaunt, wie unvorsichtig viele Menschen mit persönlichsten Daten umgehen. «In Handys und Computern finde ich in der Regel ganze Lebensgeschichten, inklusive Fotos.» Sein Fazit: «Wir bewegen uns heute in einer digitalen Welt mit dem Bewusstsein aus der analogen Zeit. Alles, was Orwell in ‹1984› beschrieben hat, ist eingetreten – nur viel schlimmer.» Man brauche deshalb keine Paranoia zu entwickeln, «aber ein bisschen Vernunft würde schon helfen», rät er.

Der Datenspezialist plädiert für einen «digitalen Radiergummi», also eine Funktion, bei der sich Daten nach zehn Jahren automatisch selber löschen. «Wir haben es verpasst, demokratische Kontrollmechanismen zu schaffen.» Er hat die Vision einer internationalen «Charta der digitalen Menschenrechte».

«Jetzt bin ich endgültig paranoid»

Nach der Recherche zu den Versuchspersonen ereigneten sich interessante Dinge. Phi­lipp Würmli schreibt weiterhin, wo er als Kunde schlecht behandelt wurde, wem er E-Mails schickt und dass er seinen Schlüssel sucht. Aber er durchmischt das nun mit Scherzmeldungen und absurden, irreführenden Links, etwa auf Bilder von Luxusvillen. So kann man auch Spuren verwischen. Bei Christian Schenkels Statusmeldungen wurde der Ton deutlich nüchterner, auch wenn er sich darin bestätigt fühlt, eine klare Grenze zur Privatsphäre ­ziehen zu können. «Madame C» resümiert ­salopp: «Jetzt bin ich endgültig paranoid.»

Etwas mehr Vorsicht hilft da sicher. Denn auch wer an sich nichts zu verstecken hat, will nicht von A bis Z durchschaut werden. Und mit dem Rat von Google-Boss Eric Schmidt können wohl die wenigsten etwas anfangen: «Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.»

Veröffentlicht am 2011 M09 26