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Tausch-NetzwerkeSchnüffeln und schnüffeln lassen

Bild: Getty Images

Filme, Musik und Bilder von fremden Computern herunterladen dank Tauschbörsen-Programmen ein Leichtes. Doch wer nicht aufpasst, offenbart dabei anderen Nutzern mehr, als ihm lieb ist.

von Balz Ruchti

Madonnas neuste Hits, ein vergriffenes Album von Frank Sinatra oder ein seltener Konzertmitschnitt der Rolling Stones - wer sucht, findet auf fremden Computern alles. Zugang zu anderer Leute Rechner verschafft einem ein sogenanntes Peer-to-Peer-Programm. Damit können alle, die das Programm installiert haben, freigegebene Dateien anderer Nutzer durchstöbern und das, was sie interessiert, gratis auf den eigenen Computer laden.

Ein derzeit populäres Peer-to-Peer-Programm (P2P) ist LimeWire. Die Basisversion kann gratis im Internet heruntergeladen werden. Allerdings ist Vorsicht geboten: Wer ein solches Programm installiert, gibt auf seinem Rechner Tauschordner frei: Alles, was dort gespeichert ist, können andere Programmnutzer auf ihren Computer laden. Vor allem bei älteren Programmversionen konnte es Ungeübten passieren, dass sie beim Installieren des Programms versehentlich den ganzen Festplatteninhalt zum Tausch freigaben. Doch auch bei neueren Versionen können Dateien zu Freiwild werden, wenn sie unbeabsichtigt in einem freigegebenen Ordner abgelegt werden. Der Beobachter machte einen kurzen Test: Über LimeWire stiess er auf fremden Computern etwa auf ein Dankesschreiben für eine Schnupperlehre, eine Mietvertragskündigung und geschäftliche E-Mail-Korrespondenz eines Berner Anwaltsbüros.

Weil auch weit sensiblere Informationen unbeabsichtigt zugänglich werden können, treiben sich in P2P-Netzwerken nicht nur Musikliebhaber herum. Oft werden die freigegebenen Dateien nach persönlichen Angaben wie PIN-Codes oder Bankverbindungen durchforstet. Es lohnt sich deshalb, immer wieder zu kontrollieren, was genau man zur Verfügung stellt.

Nehmen ist legal, Geben nicht
Gefahr droht auch von anderer Seite: Mit P2P werden im grossen Stil Musikstücke und Filme hin und her kopiert - jährlich mehrere hundert Millionen Dateien. Das ärgert die Unterhaltungsindustrie, die sich über immensen finanziellen Schaden beklagt. Zwar wurden schon immer Lieder von Kassette zu Kassette überspielt und auf dem Pausenplatz weitergegeben. Dank Internet und P2P hat der Tauschhandel aber globale Dimensionen angenommen.

Die Unterhaltungsmultis versuchen deshalb seit Jahren, Tauschbörsennutzer einzuschüchtern. Sie lassen P2P-Netzwerke mit spezieller Software überwachen und werden bei Nutzern mit Abmahnungsschreiben vorstellig. Die Berichte über hohe Schadenersatzforderungen - in Einzelfällen bis zu 15'000 Euro und mehr - verunsichern die Nutzer zunehmend.

In der Schweiz ist das Herunterladen von Dateien erlaubt. Strafbar macht sich erst, wer urheberrechtlich geschützte Dateien öffentlich zugänglich macht. Wer sauber bleiben will, darf also nur Dateien herunterladen und selbst keine freigeben. Wenn das aber jeder täte, wäre das das Ende der Tauschbörsen - und genau darauf hofft die Unterhaltungsindustrie.

Das Vorgehen der Branche zeitigt erste Erfolge. Der P2P-Verkehr geht zurück, und eifrige Datentauscher wandern aus dem Netz ab - quasi zurück auf den Pausenplatz: «Wer grosse Datenmengen tauschen will, trifft sich mit Freunden zu Bier oder Kaffee und bringt einen Memorystick, DVDs oder gleich seine externe Festplatte mit», sagt Christian Schindelhauer, Professor für Netzwerke und Telematik an der Universität Freiburg (D). Der Tausch im kleinen Kreis unter Freunden ist - unabhängig von der Datenmenge - legal.

Letztlich muss aber jeder selbst abwägen, ob er seinen geliebten Künstler um den Lohn bringen oder für sein Werk bezahlen will.

Peer-to-Peer-Netzwerke (P2P)

In Peer-to-Peer-Netzwerken (P2P) ist jeder Teilnehmer Anbieter und Suchender zugleich. Das englische «Peer» bezeichnet ursprünglich Ebenbürtige; «peer to peer» heisst also von Gleich zu Gleich. Diese Netzwerke tragen Namen wie Gnutella, Edonkey oder Napster. Letzteres sorgte dafür, dass diese Technik um die Jahrtausendwende ins öffentliche Bewusstsein trat. Der 19-jährige Shawn Fanning schrieb ein Programm, mit dem man auf anderen Rechnern Dateien suchen und diese herunterladen konnte. Napster erreichte innert Monaten Millionen von Nutzern die Unterhaltungsindustrie verlangte die Stilllegung. Heute ist Napster ein legales, börsennotiertes Unternehmen, das Zugriff auf über sechs Millionen Musiktitel bietet - gegen Bezahlung, versteht sich.

Veröffentlicht am 2008 M08 18