Wenn der Sommer naht, werden nicht nur die warmen Jacken und Schuhe im Keller versorgt und dafür die Gartenmöbel entstaubt und nach oben geschafft. Die Musikveranstalter steigen in ihre Keller und Lager und holen die grossen Verstärkeranlagen und Boxen hervor, mit denen sie grossflächig die Landschaft beschallen können. Denn egal, ob Sonne oder Regen: Der Sommer beschert der Schweiz eine ganze Reihe von Musikfestivals.

«Wir haben ein ganz grosses Publikum für Festivals, was es in andern Ländern nicht so ausgeprägt gibt. Bei uns hat ja fast jedes Dorf eine kleine Open-Air-Veranstaltung», sagt Derrick Thomson. Er betreibt mit einem Partner die Cult Concerts Agency und ist unter anderem für das Programm des Open Air Gampel zuständig.

Die Entwicklung hin zu diesen Musik-Events begann «leise»: Ende der achtziger Jahre wurde in Klubs die Vermischung von Stilen geprobt, und 1992 stand dieser Mix plötzlich an der Spitze der Hitparaden. Die zuvor unbekannte Gruppe Rage Against the Machine (Bild) etablierte sich mit ihrem Debütalbum unter den ganz Grossen des Rockgeschäfts, sorgte für Euphorie bei Fans wie Kritikern sowie für den Durchbruch von Crossover. So nannte man die Vermischung aus Metal-Gitarren und Hip-Hop zu einem furiosen Sound.

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Crossover ruht inzwischen bereits wieder in den Schubladen der Rockgeschichte. Etwas aber hat er bewirkt: das Ende der stilistischen Grabenkämpfe. In den Achtzigern hatte man sich gefälligst für eine Szene zu entscheiden und somit für ihre Musik, ihre Kleider, ihren Kodex.

Der Erfolg von Rage erinnerte das Rockpublikum nun aber daran, worum es eigentlich ging: um grossartige, energiegeladene Musik. Heute wird grundsätzlich gehört, was gefällt, die Zuordnungen spielen kaum noch eine Rolle. Bands völlig verschiedener Genres können mit Erfolg nacheinander auf derselben Bühne spielen und vor demselben Publikum. Das gab den breit programmierten Open Airs frischen Auftrieb.

Die neue Offenheit schliesslich verband sich mit einer weiteren grossartigen Qualität: dem Genuss. Ein Open Air funktioniert schon lange nicht mehr nach der Formel «Wiese + Bühne + Zapfhahn + Bratwurst = fertig». Open Airs sind Events geworden und entsprechend komplex. Erstens möchte das Publikum das Konzert an einem möglichst exklusiven Ort erleben. Und zweitens ist es einfach nicht möglich, sich acht Stunden oder länger ununterbrochen nur mit Konzerten zu vergnügen, schon gar nicht über mehrere Tage hinweg. Zwischendurch drückt der Hunger, sind die Beine schwer geworden oder interessiert eine Band bei aller Sympathie zur Musik einfach nicht.

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Wichtig ist die Ambiance

«Das musikalische Programm ist sicher sehr wichtig, aber die Ambiance ist unter Umständen noch wichtiger», bestätigt Thomson. Um den Erfolg ihrer Veranstaltungen zu sichern, bemühen sich die Verantwortlichen deshalb nicht nur um Stars, sondern auch um zusätzliche Attraktionen. So konnte man an Open Airs seine Nerven schon mit einem Bungee-Sprung vom Kran kitzeln.

Die Kunst liegt in der Dosierung des zusätzlichen Angebots, und das «hängt ein bisschen davon ab, wo man ist und um welche Veranstaltung es sich handelt», ergänzt Thomson: «In Gampel beispielsweise hat es immer ein paar Reitschulen und eine kleine Bahn. Das kommt bei den Leuten gut an und passt auch gut zum Gelände. Das Angebot muss mit dem Umfeld übereinstimmen und eingebettet sein, um den Leuten zu zeigen: Das haben wir auch noch, jetzt müsst ihr erst recht kommen.»

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Wie es nicht funktioniert, zeigte der Versuch, am Frauenfelder «Out in the Green» von 1997 dem langweiligen, flachen Gelände etwas entgegenzusetzen und ein Riesenrad, eine Geisterbahn sowie einen «Adventure-Trip-Simulator» aufzustellen mit so durchschlagendem Misserfolg, dass im nächsten Jahr wieder auf jeglichen Rummel verzichtet wurde.

«Alles, was man zusätzlich organisiert, muss zur Stimmung des Anlasses beitragen», bringt es Thomson auf den Punkt. In der Tat reicht es oft, schlicht und einfach auf die Vorzüge des Veranstaltungsortes zu setzen, um eine mehr oder weniger gediegene Atmosphäre zu schaffen. Festivals wie St. Gallen oder Gurten brauchen kaum mehr als ein vielfältiges Angebot für Verpflegung, ihre Lage in der Natur ist Attraktion genug. Das Paléo-Festival in Nyon unterstreicht seinen multikulturellen Charakter mit mehreren kleinen Bühnen, Marktständen sowie gelegentlichen Gauklern oder Feuerspuckern.

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Viele Veranstaltungen suchen gern den passenden architektonischen Rahmen. In Bellinzona bildet das historische Stadtzentrum das Bühnenbild für den Auftritt mehrerer Chöre, und das kleine und sehr malerische Walliser Dorf Ernen wird gleich komplett als Kulisse für Jungtalente klassischer Musik genutzt. In ähnlicher Weise verlassen sich die Veranstalter von «Live at Sunset» auf das Ambiente des Innenhofs des Landesmuseums in Zürich, wo man tatsächlich sofort vergisst, dass man sich direkt neben dem Hauptbahnhof befindet. An der Kyburgiade auf der Kyburg bei Winterthur wird Kammermusik mit Ritterromantik verbunden. Die «Wald Haus Musik Wochen» in Flims schliesslich beschwören noch einmal die grosse Zeit der Kurhotels herauf.

Schweizer Stars sind wieder in

Die Open Airs profitieren auch von einer weiteren Entwicklung der letzten Jahre: dem steigenden Erfolg von heimischen Bands. «Der Schweizer Musikmarkt hat viele gute Künstler zu bieten», bestätigt Thomson. Ein Gölä füllt heute locker das Zürcher Hallenstadion, aber auch Züri West, Sina, Polo Hofer und Stephan Eicher ziehen viele Leute an. «Es ist sehr wichtig, die bekannten und auch die mittleren Schweizer Acts zu haben.» Inzwischen treten Schweizer Bands nicht mehr nur nachmittags um zwei Uhr auf, sondern zunehmend auch am Abend, also zur besten Zeit.

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Dass sich Schweizer und Schweizerinnen gern heimische Bands anhören, mag an der Sprache liegen. Englisch ist aus unserem Alltag zwar nicht mehr wegzudenken, doch das bedeutet nicht, dass man alles versteht. Da tut es gut, zwischendurch jeden Refrain mitsingen zu können.

Allerdings kann man sich damit auch verschätzen. «Als Veranstalter muss man aufpassen, eine gewisse Exklusivität zu wahren. Eine Schweizer Band ist im Verlauf des Jahres vielleicht an 40 verschiedenen Orten zu sehen, eine internationale nur an zwei bis drei. Deshalb kann man eine Schweizer Band nicht immer gleich gewichten. Wenn sie aber im Frühjahr ein neues Album herausgebracht hat, nur vier oder fünf Konzerte gab und dann auf Festivals spielt, ist sie sehr interessant.»

Während Rockmusik noch immer über das grösste Angebot verfügt und auch der Jazz traditionell spannende Anlässe bietet, entdecken je länger, je mehr Veranstalter klassischer Musik den Reiz der speziellen Umgebung. Dabei sind es vor allem die Tourismusvereine, die Wintersportorte für die Zwischen- und die Sommersaison attraktiv halten wollen, Beispiele dafür sind die erwähnten Gstaad oder Flims.

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Und hier zeigt sich auf eine ganz andere Art, wie gut verschiedenste Genres auf eine einzige Bühne passen können: In der alten Römerarena von Avenches wird sowohl Oper als auch Rockmusik aufgeführt das Ambiente begeistert einfach Jung und Alt, die Wilden wie die Milden.

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