Kräftige Schultern, dichter Vollbart, entschlossener Blick: Der Mann ist ein Bild von einem Nationalhelden. Der Tourismusdirektor wusste genau, nach was die Schweiz-Besucher verlangten, als er ihm den Vorschlag machte: «Du, Sepp, du siehst ja aus wie der Wilhelm Tell. Möchtest du ihn nicht mal spielen für ein paar amerikanische Touristen?» Schillers Figur als schillernde Attraktion? Sepp Steiner war einverstanden. Denn der Bauernhof des gelernten Käsers warf nicht viel ab. Ein Zubrot kam ihm gerade recht.

Das war vor 20 Jahren. Seither lebt Steiner die Legende, spielt für Touristen den Tell. Auch das Schweizer Fernsehen greift gern auf ihn zurück, wenn der Nationalheld gebraucht wird. Sogar in «Wetten, dass…?» hat ihn der Tell gebracht.

Drei Viertel glauben noch ans Rütli


Zufrieden sitzt der 64-Jährige in seiner Werkstatt. Sein Armbrustatelier liegt unmittelbar neben der Schiffsanlegestelle in Vitznau am Vierwaldstättersee. Ab und zu tröpfeln bei ihm Rigi-Touristen herein, um zuzuschauen, wie Steiner eine altertümliche Pfeilschleuder herstellt.

Wie hält er es denn persönlich mit dem Tell? Hat der nun den Gessler erschossen oder nicht? «Gut möglich», lacht Steiner verschmitzt.

Wie aber hält es die Schweizer Bevölkerung mit ihren nationalen Mythen? Eine Beobachter-Umfrage zeigt: Die Legenden leben (siehe Artikel zum Thema «Dauerhafte Mythen: Die Beobachter-Exklusivumfrage belegt die Mythentreue der Eidgenossinnen und Eidgenossen»)! Drei von vier befragten Erwachsenen glauben «völlig oder teilweise», dass die Schweiz ihre Existenz dem verschworenen Bund von 1291 zu verdanken hat. Eine erstaunlich hohe Zustimmungsrate, weisen doch Historiker seit Jahren darauf hin, dass der Bundesbrief von 1291 eine spätere Fälschung und die 1.-August-Feier eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sei und dass Tell nie gelebt habe. «Ich kenne keinen professionellen Historiker, der vertreten würde, dass Tell gelebt hat», bestätigt Roger Sablonier, Geschichtsprofessor an der Universität Zürich.

Historische Tatsachen können aber einem Tell nichts anhaben. Die Tell-Freilichtspiele in Interlaken erleben seit 2001 wieder einen regelrechten Boom, nachdem die zweite Hälfte der 1990er Jahre für den Armbrustschützen magere Zeiten gewesen waren. Letztes Jahr haben sich 34500 Zuschauer das Gessler-Attentat angesehen, fast 30 Prozent mehr als noch 2001. Und der Vorverkauf für dieses Jahr läuft noch besser, freut sich Andrea Trachsel von den Freilichtspielen.

«Made in Switzerland» ist Spitze


Nicht nur die alten, auch moderne Mythen sind fest verankert. So glauben laut der Erhebung 84 Prozent der Befragten «völlig oder teilweise», Produkte «Made in Switzerland» seien weltweit qualitativ an der Spitze. Fast 70 Prozent sind der Ansicht, die Schweiz werde immer ein Sonderfall bleiben. Und mehr als 60 Prozent halten das Bankgeheimnis für die Zukunft der Schweiz für unentbehrlich.

«Eine Nation braucht für ihren Zusammenhalt offenbar Mythen», folgert Historiker Sablonier. «Man kann Mythen zwar kritisieren, deswegen sind sie trotzdem lebendig.» Er lehnt Mythen nicht generell ab, ihn stört nur, dass die politische Rechte sie stets für ihre Zwecke missbrauche. «In der politischen Hatz gegen europäische Bestrebungen wird der Tell jetzt wieder instrumentalisiert», stellt er fest. Tatsächlich behauptete der Schwyzer SVP-Nationalrat Pirmin Schwander, als er kürzlich als Nachfolger von Christoph Blocher zum neuen Präsidenten der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) gewählt wurde: «Heute würde Tell zweifellos gegen einen Schengen- und EU-Beitritt kämpfen.» Die Bemerkung brachte ihm einen langen Applaus ein.

Auch Walter Wittmann, emeritierter Freiburger Wirtschaftsprofessor, warnt vor der zunehmenden Mythologisierung. Geradezu apokalyptische Bilder malt er in seinem neusten Buch «Helvetische Mythen»: «Die Schweiz lebt in der Gefangenschaft alter und neuer Mythen, welche die wahre Lage der Nation verschleiern.»

Zur Lage der Nation äussert sich die Bevölkerung unerschrocken. Die Beobachter-Umfrage bestätigt die grosse Rekrutenbefragung von 2003: Der Sonderfall gilt wieder als cool. Mehr als die Hälfte der letztes Jahr befragten 20000 angehenden Soldaten glaubt daran und wünscht sich die Einzigartigkeit der Willensnation Schweiz auch für die Zukunft. Wittmann kritisiert: «Wenn man ein Sonderfall ist, dann muss man mit den andern Ländern nichts zu tun haben. Es verhindert aber vor allem auch Reformen im Innern.»

Die Pflege des «Sonderfalls»


Der Mythos vom Sonderfall entwickelte seine Strahlkraft vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz stellte sich als Land dar, das dank Standfestigkeit, abwehrbereiter Armee und ausbalancierter Neutralität vom Krieg verschont geblieben war. Doch spätestens seit dem Bergier-Bericht und dem Ende des Kalten Krieges ist dieses Bild entzaubert worden.

In den Augen vieler war früher trotzdem alles besser. Und je mehr die Schweiz zum Normalfall wird, desto stärker klammern sich die Ewiggestrigen an den Sonderfall. Vor allem die SVP sieht darin das Erfolgsrezept für die Schweiz. Der emeritierte Zürcher Literaturprofessor und Mythenspezialist Peter von Matt erklärt: «Der ‹Sonderfall› ist ein einfaches Mittel, um einem kleinen Land, das mit grossen Ländern konfrontiert ist und früher auch bedroht wurde, Identität zu verschaffen. Hätte die Schweiz das nicht gemacht, wäre sie angesichts der Bedrohung vielleicht vor Angst draufgegangen.»

Von Matt propagiert nicht die Verleugnung dieses Mythos, sondern die positive Besetzung: Er findet, die Schweiz habe durchaus besondere Aspekte, etwa die direkte Demokratie. «Gerade deshalb» müsse sie bei der Integration in Europa mitmachen. «Wer den ‹Sonderfall› pauschal negiert, arbeitet denjenigen politisch in die Hände, die ihn zur Hauptsache erklären», warnt er. Im Klartext: Die SVP kann diese Vergangenheitsverklärung nur deshalb so erfolgreich in ihrem Sinn nutzen, weil die EU-Beitrittsbefürworter den «Sonderfall Schweiz» völlig ablehnen.

Nicht nur der politische Sonderfall ist fest verankert, auch der Glaube an den ewigen wirtschaftlichen Ausnahmezustand ist unerschüttert. Am Mythos «Made in Switzerland», dem schon fast ins Religiöse übersteigerten Glauben, die Schweizer Ware sei weltweit qualitativ stets die beste, halten 84 Prozent der Befragten fest.

Diese Legende von der Überlegenheit heimischen Schaffens hat laut Peter von Matt vor allem einen historischen Grund: «Die Schweiz als rohstoffarmes Land konnte ja nur überleben, wenn sie die eingeführten Rohstoffe zu Spitzenprodukten verarbeitete.»

Während die Befragten hiesige Qualität über alles stellen, hat sich die Industrie längst von überhöhter Heimatsymbolik verabschiedet. Die Armbrust diente lange als das Gütesiegel von Qualität und Präzision «Swiss Made». Doch die Werber haben Tells stilisierte Waffe mittlerweile abgegeben: «Nationale Symbole, wie etwa die Armbrust, spielen in der Werbung als Qualitätssiegel oder Imageträger keine grosse Rolle mehr. An dieser Tatsache änderte auch der kurzlebige Trend der ‹Swissness› nichts», sagt Caspar Coppetti, Markenstratege bei der Werbeagentur Advico, Young & Rubicam. In Deutschland sei zu beobachten, dass das Label «Made in Germany» ersetzt werde durch Firmen- oder Markenbekenntnisse, wie zum Beispiel «Made by BMW». Die Unternehmen produzieren schliesslich zusehends global.

Das Volk glaubt weiterhin an den Mythos von «Made in Switzerland», ist aber bei Bedarf durchaus flexibel. Gross war die Empörung, als herauskam, dass die Sigg-Pfannen mit dem Schweizer Kreuz für die Pfannenaktion von Coop nicht in der Schweiz, sondern in China hergestellt wurden. Eingelöst wurden die gesammelten Märkli aber doch. Sigg ist schliesslich Sigg, ob aus China oder aus Frauenfeld.

Abstieg vom hohen Ross


Ist der Mythos von den Schweizer Spitzenleistungen zum Hemmschuh geworden? «Wir waren bei der Arbeit einmal qualitativ Spitze», räumt Kritiker Wittmann ein, «aber das ist Vergangenheit.» Heute seien wir «auf dem absteigenden Ast: Historisch hatten wir ein Wachstum von 2,5 Prozent; in den vergangenen 30 Jahren nur noch eines von 0,5 Prozent.» Wittmann fordert: «Man muss den Leuten reinen Wein einschenken und ihnen klar sagen, dass wir nicht mehr die Besten sind.»

Dazu muss man nicht nach China reisen, eine Fahrt mit dem Raddampfer «Schiller» auf dem Vierwaldstättersee gibt genügend Anschauungsunterricht. Die im Bauch der «Schiller» fauchende 2-Zylinder-Heissdampf-Verbundanlage mit Jahrgang 1906 liefert 700 Pferdestärken und war damals Technik von Weltklasse. Ein Exportschlager. Die Firmen Sulzer und Escher-Wyss lieferten Dampfschiffe in alle Welt. Heute sind sie Fotosujet für Touristen.

Die nationale Überlieferung, die den konkretesten finanziellen Nutzen verspricht, ist das Schweizer Bankgeheimnis. Das Reduit der internationalen Steuerhinterziehung ist inzwischen für mehr als 60 Prozent der Befragten unentbehrlich für die Zukunft der Schweiz und auf dem besten Weg, zum veritablen Mythos zu werden. SP-Präsident Hans-Jürg Fehr bereitet es Bauchweh, wenn er daran denkt, dass «nationalkonservative Kreise» im Begriff seien, das Bankgeheimnis zu mythologisieren. Denn sei es erst ein Mythos, sei es immun gegenüber Kritik. Ein Mythos bedient das Herz und nicht den Verstand.

Auch der erfolgreiche Privatbankier Hans J. Bär bekam diesen Frühling zu spüren, was es heisst, das Bankgeheimnis zu kritisieren: In seinen Memoiren («Seid umschlungen, Millionen») schrieb er, das Bankgeheimnis mache uns «fett, aber impotent». Das sass. Die Bankenszene heulte auf, verstiess Bär aus dem gutbürgerlichen Salon und zweifelte öffentlich an seinem Verstand. «Beim Bankgeheimnis geht es um ganz konkrete wirtschaftliche Vorteile. Viele haben Angst, dass mit der Abschaffung Mittel ausbleiben, mit denen man zum Beispiel die Landwirtschaft subventioniert», erklärt Professor von Matt die hohe Zustimmung. Mit dem Bankgeheimnis werde nun auch gegen die EU ins Feld gezogen. «Brüssel» gelte bereits als der moderne Gessler. Und Wittmann fügt an: «Dass die Leute – vor allem die einfachen – so am Bankgeheimnis hängen, hat auch damit zu tun, dass man ihnen einhämmert, dass unser Wohlstand und unsere Steuereinnahmen davon abhängen.»

Früher war 1291 noch progressiv


Viele Mythen stehen heute für Abschottungspatriotismus, Stillstand und Gartenzaun. «Die Leute, die die alten patriotischen Mythen beanspruchen, predigen die Ausgrenzung und nicht das Zusammengehen», kritisiert Geschichtsprofessor Sablonier. Das war schon anders. Die Geschichten und Legenden um Tell, Gessler, Rütli und Bundesschwur waren keineswegs immer nur rückwärts gewandt. Als sie Ende des 19. Jahrhunderts als Mythen lanciert wurden, waren sie die Klammer, die die Schweiz zur nationalen Einigung ihrer so unterschiedlichen Bevölkerung brauchte. Das Land war seit dem Bürgerkrieg von 1847 immer noch gespalten. Es waren die alteidgenössischen Mythen, die das konservative und das liberale Lager versöhnten und damit die Gesellschaft stabilisierten. «Der Gründungsmythos von 1291 war damals progressiv und nicht rückwärts gewandt», erklärt Sablonier.

Der Tell-Darsteller Sepp Steiner sitzt immer noch in seiner Werkstatt und fertigt seine Armbrüste für Touristen. Dass er zwischendurch mal in die Dominikanische Republik ausgewandert ist, erwähnt er nur am Rand. Damals hatte er die Nase voll – das «Püürele», wie er sagt, ernährte ihn kaum mehr. Doch das passt nicht zu einem Nationalhelden; das Publikum will einen widerspruchsfreien Tell. Ein Tell, der auswandert – das wäre ja noch schöner!


Buchtipps

  • Georg Kreis: «Mythos Rütli. Geschichte eines Erinnerungsortes»; Zürich 2004, 49 Franken
  • Walter Wittmann: «Helvetische Mythen. Wie sie der Schweiz im Wege stehen»; Frauenfeld 2003, Fr. 39.80
Quelle: Stefan Jäggi