15_00_bp_lavin.jpgDer Präsident der Bürgergemeinde Ramosch kommt zur Sache: «Wir brauchen keine zugezogenen Unterländer und Politiker, die uns belehren müssen. Wir Engadiner werden wohl noch im Stande sein, unserer Natur Sorge zu tragen und sie zu erhalten ohne Diktatur», lässt sich Otto Barblan in der «Engadiner Post» verlauten. Wie Barblan denken im Unterengadin nicht wenige: Die geplante Erweiterung des Schweizerischen Nationalparks lässt die Emotionen hochgehen.

Nach den Plänen der Nationalparkkommission soll der bestehende «Parc Naziunal» künftig die so genannte «Kernzone» bilden. In ihr würden die gleichen Regeln gelten wie bisher: Menschliche Eingriffe in die Natur sind verboten, und Flora und Fauna werden ganz sich selber überlassen. Nach den Berechnungen der Zürcher Geografin Irene Küpfer bringt diese «Kernzone» der Region jährlich immerhin 250000 Ubernachtungen und Einnahmen von über 20 Millionen Franken.

Umstrittene «Umgebungszone»

Am Nationalpark innerhalb der heutigen Grenzen mag deshalb niemand rütteln. Umso heftiger ist jedoch der Widerstand gegen die geplante, rund 300 Quadratkilometer grosse «Umgebungszone». Sie soll nach dem Willen der Nationalparkkommission ein «Musterbeispiel für den pfleglichen Umgang des Menschen mit der Natur» werden. Zwar wäre eine Nutzung weiterhin erlaubt, aber unter Auflagen: Das Land müsste «naturnah und extensiv» bewirtschaftet werden, rund ein Drittel der Waldfläche wäre für die Forstwirtschaft fortan tabu, und auch der Bau von neuen Strassen oder Skiliften wäre ausgeschlossen.

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Die Umgebungszone kann aber nur dort geschaffen werden, wo die Gemeinden und die privaten Landbesitzer dem Vorhaben in einem Vertrag zustimmen. Mit diesem Ansinnen haben die «zugezogenen Unterländer und Politiker» jedoch aufs falsche Pferd gesetzt. Die vorgesehene Erweiterung löst im Unterengadin diffuse Ängste aus. «Ich werde mit dem Nationalpark ganz sicher keinen Vertrag abschliessen», wettert Otto Vital, Präsident des Gegnerkomitees «Pro teritori liber». Er ist als Landbesitzer von den Plänen selber betroffen. «Wenn ich auf meinem Land einen Zaun setzen möchte, käme dann irgend so ein Joggel vom Nationalpark oder aus Bern und würde mir dreinreden.»

Vital fürchtet insbesondere, dass die «Umgebungszone» schleichend in eine «Kernzone» umgewandelt würde, in der die Natur absolut geschützt ist. Das vorgesehene Gebiet sei bereits heute in keiner Weise gefährdet, argumentiert Vital, ein neues Nationalparkgesetz brauche es nicht. «Die bestehenden Gesetze reichen.»

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Einschränkung oder ein Plus?

Widerstand regt sich auch in Tourismus-kreisen. «Es braucht eine Denkpause», sagt Philipp Gunzinger, Direktor des Thermalbads Scuol. Vor allem aber müsse bei der Erweiterung des Parks verhindert werden, «dass die Bewegungsfreiheit unserer Gäste weiter eingeschränkt wird».

«Tourismus und Landwirtschaft können von einer Erweiterung nur profitieren», entgegnet darauf Hans Lozza, Informationsbeauftragter des «Parc Naziunal»: «Der Nationalpark ist ein Trumpf für die ganze Region.» Nun können die Nationalparkverantwortlichen noch ein weiteres Ass aus dem Ärmel ziehen: Die Gemeinde Lavin hat als erster Ort einem provisorischen Vertrag für die «Umgebungszone» zugestimmt. «Für uns ändert sich mit der Schaffung der Umgebungszone praktisch nichts», sagt Gemeindekanzlist Robert Cantieni. «Es bleibt fast alles beim Alten. Für einige Einschränkungen, die wir akzeptieren mussten, werden wir sogar entschädigt.» Der kleine Ort nördlich von Zernez geht noch einen Schritt weiter: Die auf Gemeindegebiet liegende Seenplatte von Macun wird bereits jetzt als Teil der künftigen «Kernzone» in den heutigen Nationalpark integriert. Die Ubergabe erfolgt symbolträchtig am 1. August.

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