Ernst Ulrich von Weizsäcker«Wer Verzicht als Ende der Zivilisation beklagt, ist ein Spinner»

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Nur höhere Energiepreise und der Verzicht auf «Dinosaurier-Technologien» werden Wirtschaft und Umwelt auf Dauer in Schwung bringen, erklärt Naturwissenschaftler und Autor Ernst Ulrich von Weizsäcker. In diesem Sinne habe auch die Finanzkrise ihr Gutes.

von Thomas Angeli

BeobachterNatur: Vor 15 Jahren forderten Sie eine Verschrottungsprämie für alte Autos. Nun gibt es diese in Deutschland und sie ist ein voller Erfolg. Sind Sie zufrieden?
Ernst Ulrich von Weizsäcker: Auch neue Autos sind leider alles andere als ökologisch. Auf die Dauer werden nur mit erneuerbaren Energien angetriebene Höchsteffizienzautos, kombiniert mit effizienten Massenverkehrsmitteln, wie man sie beispielsweise in Japan kennt, etwas bringen. Die heutige Dinosaurier-Technologie beim motorisierten Individualverkehr hat ausgedient. Das sieht man ja auch an der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Schliesslich gehören grosse Autos und billiges Erdöl zu den wichtigen Ursachen für den Ausbruch der Krise.

BeobachterNatur: Und wie das?
von Weizsäcker: Dank dem billigen Erdöl konnten die US-Regierungen seit Reagan der amerikanischen Bevölkerung das Paradies auf Erden versprechen. Und dieses Paradies bestand dann darin, auf Kredit und mit niedrigen Zinsen ein Haus in 80 Kilometern Entfernung vom Arbeitsplatz zu bauen und die Strecke dorthin selbstverständlich mit dem Auto zurückzulegen, womöglich gar mit einem SUV, einer dieser als Lastwagen zugelassenen fahrenden Festungen. Erst als Chinesen und andere anfingen, das Erdöl dieser Welt ebenfalls zu beanspruchen, wurde das Öl so teuer, dass diese Häuser und diese Pendlerfahrten ökonomisch nicht mehr haltbar waren. Das war der Beginn der Subprime-Mortgages-Krise, die die Blase zum Platzen brachte.

BeobachterNatur: Nützt oder schadet die Krise Ihrer Meinung nach der Umwelt und der nachhaltigen Entwicklung?
von Weizsäcker: Auf den ersten Blick schadet sie, denn die Bereitschaft, in erneuerbare Energien wie etwa Windkraft zu investieren oder als Privatperson ökologisch zu konsumieren, ist deutlich zurückgegangen. Auf den zweiten Blick jedoch sieht es sehr viel besser aus. Etwa ein Viertel der Konjunkturspritzen-Milliarden, die weltweit eingesetzt wurden, geht in eine umweltfreundliche und nachhaltige Richtung. Regierungen wie die chinesische, die japanische und die südkoreanische, in einem gewissen Sinne auch die amerikanische, haben realisiert, dass man ökologische Investitionen tätigen muss, um auf Dauer mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Das bankrotte Detroit zu retten, um weiterhin Autos mit veralteter Technologie zu produzieren, wäre nicht nachhaltig.

BeobachterNatur: Trotzdem wird immer noch ein Grossteil des Geldes für die Rettung der Autoindustrie und des Finanzsektors eingesetzt.
von Weizsäcker: Bei der Finanzindustrie wird halt argumentiert, dass die moderne Wirtschaft ohne Kreditgeschäfte überhaupt nicht mehr funktioniere. Und wenn das Vertrauen in die Banken als Kreditgeber für die Privatwirtschaft nicht mehr vorhanden ist, ist es meiner Meinung nach legitim, wenn der Staat einspringt. Er kann aber zum Beispiel verlangen, dass die Kredite an ökologische Mindeststandards geknüpft sind. In Südkorea sind so nahezu 100 Prozent des Konjunkturprogrammes in Umweltmassnahmen geflossen.

BeobachterNatur: Wo liegen denn für Sie die grossen Hoffnungen? In welche ökologische Bereiche wird in Zukunft vermehrt investiert?
von Weizsäcker
: In der Schweiz und in Deutschland wird wohl vor allem in die existierende Gebäudestruktur investiert. Ein Minergiehaus verbraucht nur noch einen Zehntel der Energie. Der neuste Trend ist die Altbausanierung in Richtung Minergiestandard. Unter der Annahme von relativ hohen Erdöl- und Gaspreisen lässt sich eine solche Renovation ziemlich schnell amortisieren. Und der Staat kann beispielsweise mithelfen, indem er Kredite verbilligt.

BeobachterNatur: Ohne Staat läuft demnach nichts?
von Weizsäcker
: Nein. Der Markt hat die Energie immer billiger gemacht. Stellen Sie sich vor: Vor gut 100 Jahren kostete eine Kilowattstunde Strom in der Schweiz so viel wie vier Stunden menschliche Arbeit. Auf heute übertragen wären das 100 Franken oder mehr! Man zahlt aber nur rund 20 Rappen. Unter diesen Bedingungen das Thema Energieeffizienz ernsthaft anzugehen ist Unternehmen in einer freien Marktwirtschaft gar nicht zumutbar, das wäre betriebswirtschaftlicher Unsinn! Die einzige Lösung ist daher, dass der Staat dafür sorgt, dass die Energiepreise angehoben werden.

BeobachterNatur: Wie bitte? Als letztes Jahr der Ölpreis plötzlich und massiv stieg, stöhnten doch alle und erklärten, das ruiniere die Wirtschaft endgültig.
von Weizsäcker
: Das ist auch meine Meinung. Man muss einen grossen Unterschied machen zwischen plötzlichen, vom Markt erzeugten, äusserst unangenehmen Preissprüngen bei der Energie und den Steigerungen, die langsam, angekündigt und vom Staat organisiert sind. Bei den vom Markt erzeugten Energiepreis-Explosionen wird Kapital vernichtet oder fliesst in die ölproduzierenden Länder. Ein solches Szenario ist eine Katastrophe für die Wirtschaft. Wenn hingegen der Staat einen langsamen Anstieg der Energiepreise organisiert, gibt es keine Überraschungen. Es wird weder Kapital vernichtet, noch fliesst es ab, sondern es wird in Energieeffizienz investiert. Denn Wirtschaft und Konsumenten müssen sich für die hohen Energiepreise rüsten. Eine solche staatlich initiierte, langsame Anhebung der Preise ist ein Segen für das Land.

BeobachterNatur: Das würde nicht jeder Wirtschaftsvertreter unterschreiben.
von Weizsäcker
: Nur diejenigen nicht, die immer noch veralteten Ideen anhängen. Wer sagt denn etwa, dass man eine so primitive Produktion wie die Aluminiumschmelze ausgerechnet in einem Hightech-Land wie der Schweiz oder Deutschland durchführen muss? Das kann man in Sibirien machen oder im Nahen Osten, wo massenweise Gas abgefackelt wird. Dann kann die Schweiz das Aluminium zu relativ billigen Preisen importieren und am Aluminiumhandling und den zugehörigen Dienstleistungen verdienen. Aber wer eine Dinosauriermentalität in seinem Kopf hat, muss natürlich dagegen sein.

BeobachterNatur: Werden wir konkret: Haben Sie Vorstellungen, wie viel eine Kilowattstunde Strom oder ein Liter Benzin bei uns kosten soll?
von Weizsäcker
: Die habe ich, aber es ist trotzdem die falsche Frage.

BeobachterNatur: Und wie lautet die richtige Frage?
von Weizsäcker
: Die lautet: In welchem Tempo sollen die Energiepreise ansteigen?

BeobachterNatur: Und Ihre Antwort darauf?
von Weizsäcker
: Ungefähr so schnell, wie die volkswirtschaftliche Energieproduktivität zunimmt. Wenn jeder weiss, dass der Benzinpreis immer weiter steigt, dann wird die Industrie in möglichst effiziente Verkehrstechniken einschliesslich Autos investieren. Sie weiss nämlich genau, dass der Schnellste die Pioniergewinne einstreicht, die grossen Gewinne.

BeobachterNatur: Demnach müsste der Preisanstieg also langsam anfangen ...
von Weizsäcker
: ... und sich dann beschleunigen, wenn das Land immer effizienter wird.

BeobachterNatur: Und wie wird sich die Situation in den kommenden Jahren entwickeln?
von Weizsäcker: Ich halte es für wahrscheinlich, dass die erdölimportierenden Industrieländer zumindest eine künstliche Verteuerung des Öls organisieren. Ob China und Indien auch mitziehen und die Kohle intern verteuern, ist eine etwas offenere Frage. Ich vermute: Ja, denn die Verbrennung von Kohle in China hat ja unglaubliche Folgeschäden.

BeobachterNatur: Und wenn nicht? Sind wir dann noch zu retten?
von Weizsäcker
: Natürlich.

BeobachterNatur: Was verleitet Sie zu diesem Optimismus?
von Weizsäcker
: Erstens ist eine Erhöhung der Erdtemperaturen um mehr als zwei Grad nicht das Ende aller Tage. Es ist vielleicht das Ende Venedigs und zahlreicher anderer Orte und Inseln, das mag sein. Natürlich wäre das eine riesige Katastrophe, aber es wäre nicht der Weltuntergang. Und vergessen Sie nicht, was etwa die OECD-Länder und Japan alles bewirken können! Wenn die mit einer «Null-Kohlenstoff-Ökonomie» Ernst machen, dann lösen sie eine technologische Innovationswelle aus, die die IT-Revolution bei weitem in den Schatten stellt. 20 Silicon Valleys! Dann möchte ich mal die Chinesen sehen, die nicht von Ehrgeiz gepackt werden und nicht auch daran teilhaben wollen. Ich schreibe gerade an einem Buch mit dem Titel «Faktor fünf». Wir können technisch, im Umgang mit Energie, mit Wasser, mit all unseren Rohstoffen, fünfmal besser werden. Und was dann noch an Energiebedarf bleibt, decken wir mit erneuerbaren Energien und schon haben wir die wichtigsten Probleme gelöst! Allerdings müssten gewisse Dinge vom Erdboden verschwinden.

BeobachterNatur: Woran denken Sie konkret?
von Weizsäcker
: Zum Beispiel an Flüge von Genf nach Zürich, das ist schlicht absurd! Oder Helikoptertourismus, darauf können wir wirklich verzichten. Und wer das mit Tränen in den Augen als das Ende der Zivilisation hinstellt, ist ein unmoralischer Spinner!

BeobachterNatur: Wenn wir folglich nicht verzichten müssen, müssen wir dann umdenken?
von Weizsäcker
: In erster Linie muss der Staat umdenken. Er muss den Rahmen so setzen, dass es dem einfachen Bürger nicht schwerfällt, diese Umstellung zu vollziehen.

BeobachterNatur: Und wie zum Beispiel?
von Weizsäcker
: Etwa durch ein attraktives Angebot im öffentlichen Verkehr. Ich war letzte Woche in Japan und fuhr dort mit dem Zug von Tokio nach Nagoya. Die Strecke ist etwa doppelt so lang wie vom Boden- zum Genfersee, aber die Fahrt dauert nur eine Stunde und 40 Minuten. Zudem fahren die Züge im Viertelstundentakt. Da kommt kein Halbidiot mehr auf die Idee, mit dem Auto zu fahren oder zu fliegen!

BeobachterNatur: Und woher kommt die Energie für diese Superschnellzüge?
von Weizsäcker
: Nun, das muss man einräumen: In Japan kommt sie hauptsächlich aus Atomkraftwerken.

BeobachterNatur: Zu deren Befürwortern Sie nicht unbedingt zählen ...
von Weizsäcker
: Atomenergie ist teuer, terrorismusanfällig, und Uran ist knapper als Erdgas, von Wind und Sonne ganz zu schweigen. In Dänemark und Norddeutschland käme der Strom für die Züge hauptsächlich aus Windenergie, in der Schweiz zu einem erheblichen Teil aus Wasserkraft, die allerdings kaum noch vermehrt werden kann.

BeobachterNatur: Vor 14 Jahren haben Sie «Faktor vier» publiziert, ein äusserst optimistisches Buch darüber, wie die Erde zu retten wäre. Welche Ihrer Vorhersagen sind eingetroffen, welche nicht?
von Weizsäcker: Der Optimismus war zu drei Vierteln der Optimismus meines damaligen Co-Autors Amory B. Lovins. Von mir kamen die eher skeptischeren Töne. Insofern bin ich nicht überrascht, dass etwa der im Buch beschriebene supereffiziente «Hypercar» 14 Jahre später immer noch nicht auf der Strasse ist. In diesen 14 Jahren war halt das Benzin die meiste Zeit über ziemlich billig. Und die Investitionen in Richtung Hypercar begannen im Grunde genommen erst, als wir plötzlich sehr hohe Spritpreise hatten. Andere Dinge haben sich ganz gut durchgesetzt, zum Beispiel die Minergietechnologie. Aber zugegeben: Vieles, was in «Faktor vier» steht, hat höchstens noch historischen Wert. «Faktor fünf» wird moderner und realistischer ausfallen und auch den «Rebound-Effekt» diskutieren.

BeobachterNatur: Das müssen Sie erklären.
von Weizsäcker
: In der Vergangenheit sind praktisch alle Effizienzfortschritte, die es durchaus gegeben hat, von zusätzlichem Konsum aufgefressen oder sogar übertroffen worden, so etwa bei den Autos in Amerika. Wenn der Staat jetzt beispielsweise Glühbirnen verbietet und diese schrittweise durch Leuchtstoffröhren und Sparlampen ersetzt werden, kauft man für einen Rappen mehr Licht. Aber man soll sich nicht wundern, wenn dann unsere Nächte noch heller werden, als sie es bereits jetzt sind.

BeobachterNatur: Und warum das?
von Weizsäcker
: Weil es dann viel billiger ist, alles zu beleuchten. Genau darum müssen mit den Effizienzgewinnen auch die Energiepreise angehoben werden.

BeobachterNatur: Halten Sie das tatsächlich für politisch machbar?
von Weizsäcker
: Ihre Skepsis ist vollkommen typisch: Unsere Erfahrungen mit hohen Energiepreisen sind durch die Bank schlecht. Es waren immer vom Markt erzeugte Preissprünge. Wenn hingegen der Staat einen Preisanstieg ankündigt und durchsetzt, dann schafft er für die Wirtschaft ein vorhersehbares, rationales Umfeld, und wir alle bekommen für unser Geld mehr Wohlstand. Ich sehe nicht ein, wo da ein grundsätzlicher politischer Widerstand herkommen könnte. Für einmal werden die Ökonomen auf der Seite der Ökologen sein.

BeobachterNatur: Was sonst aus Ihrer Erfahrung nicht der Fall ist.
von Weizsäcker: Normalerweise stehen die Ökonomen immer auf der anderen Seite des Zauns. In den letzten 20 Jahren haben ja die kurzfristig operierenden Betriebswirte, denen die Umweltschützer ein Graus sind, das Zepter geschwungen. Aber auch die in längeren Dimensionen denkenden Volkswirte haben ein am schnellen Nutzen orientiertes Weltbild, in dem langfristiges ökologisches Denken wenig Platz hat. Doch man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Ernst Ulrich von Weizsäcker: «Grosse Autos und billiges Erdöl gehören zu den wichtigen Ursachen der heutigen Krise.»

Nicht zuletzt der Fähigkeit, komplexe naturwissenschaftliche und ökonomische Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen, verdankt Ernst Ulrich von Weizsäcker, 70, seine Bekanntheit. Der  promovierte Physiker und Professor der Biologie spricht Klartext, für jedermann verständlich. Kaum ein wichtiges Gremium zu nachhaltiger Entwicklung und Klimapolitik hat in den vergangenen Jahrzehnten auf Weizsäckers Rat verzichtet: In den achtziger Jahren war er Direktor am Uno-Zentrum für Wissenschaft und Technologie. Danach leitete er das Institut für Europäische Umweltpolitik und präsidierte das Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie.

1998 bis 2005 sass er als SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Weizsäcker ist Mitglied des renommierten Club of Rome und wurde 2008 für sein Werk mit dem Deutschen Umweltpreis geehrt. Sein bekanntestes Buch, «Faktor vier: Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch», wurde in zwölf Sprachen übersetzt.

Veröffentlicht am 2009 M04 22