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IslandWal für Wal ein Abenteuer

Über 120'000 Touristen sind dieses Jahr nach Island gefahren, um Wale zu beobachten. Die isländischen Reiseveranstalter sind überzeugt, dass noch viel mehr Leute kämen – wenn Island den Walfang verbieten würde.

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«Auf elf Uhr kräuselt sich das Wasser», ruft Snaebjörn Ragnarsson in sein Mikrophon. Bibbi, wie ihn alle nennen, führt die Walbeobachtungstour auf dem 28 Meter langen Kutter «Gardar». Vor rund einer Stunde hat das Boot mit 100 Personen an Bord im nordisländischen Husavik abgelegt, seither stampft es durch die Wellen gen Norden. Es ist Ende August, der Himmel ist bedeckt, und das Thermometer zeigt rund acht Grad an.

Gespannt suchen 100 Augenpaare Richtung elf Uhr das Meer ab. Knapp zwei Minuten nachdem Bibbi Leben auf das Schiff brachte, taucht wenige Meter neben dem stählernen Bug ein gutes Dutzend Weissschnauzendelphine auf. Sie holen kurz Luft, machen dabei ein prustendes Geräusch, tauchen in einer eleganten Wellenbewegung unter, um kurz darauf bereits wieder Luft zu holen.

Die bis zu drei Meter langen Meeressäuger, die zur Unterordnung der Zahnwale gehören, lassen sich weder vom rhythmischen Stampfen des Schiffsdiesels noch von den klickenden Fotoapparaten beeindrucken und ziehen weiter ihre Bahn. «Näher ran können wir nicht», sagt Bibbi, «die Gruppe hat ein Baby dabei.» Tatsächlich: Sieht man genau hin, kann man mitten im Getümmel eine winzige Rückenflosse erkennen.

Sagenhafte Zuwachsrate

Die «Gardar» ist ein Walbeobachtungsboot der Husaviker Firma North Sailing, eines Pionierunternehmens, das seit 1995 Walsafaris anbietet. «Von weniger als 1000 Teilnehmern 1995 stieg die Zahl der Walbeobachter auf über 120 000 im Jahr 2009 an», erklärt Maria Gudmundsdottir von der isländischen Vereinigung der Reiseindustrie (SAF). «Kein anderer Tourismuszweig ist in den vergangenen Jahren in Island so stark gewachsen.»

Das zeigt deutlich, dass sich der Schutz der Natur auch wirtschaftlich lohnen kann. Denn «whale watching» entwickelte sich zu einer wichtigen Stütze der isländischen Wirtschaft. Mehr als 20 Millionen Franken spülte dieser Tourismuszweig 2008 in die Kasse des von der Wirtschaftskrise arg gebeutelten Landes. Und er beschäftigt ein paar hundert Menschen – zumindest in der Sommersaison. Im Winter sind es immerhin noch ein paar Dutzend.

Einer davon ist Bibbi, der nun zur Weiterfahrt mahnt. Eine gute Viertelstunde, die in den Augen der Besucher viel zu schnell vorüber war, konnten sie die quirligen Delphine hautnah beobachten. «Fahren wir weiter Richtung offenes Meer», sagt er, «da sehen wir vielleicht einen der grossen Wale.» Immerhin können in Husavik neben Delphinen auch Minkwale, Finnwale, Pottwale oder gar das grösste lebende Tier auf Erden, der bis zu 190 Tonnen schwere Blauwal, beobachtet werden.

Walbeobachtungstouren zählen zu den Höhepunkten der Reisen nach Island, denn die Chance, hier auf die Tiere zu stossen, ist sehr gross. Der Boom solcher Reisen beschränkt sich aber nicht auf Island; in ganz Europa erfreut sich die Möglichkeit, Meeressäuger hautnah zu erleben, grosser Popularität. So fuhren die europäischen Anbieter 2008 mehr als 800'000 Kunden aufs Meer; und nur gerade die Schotten lockten mit rund 250'000 Besuchern mehr Leute an als die Isländer.

500'000 Besucher möglich

In rund zehn Jahren erwartet Birna Lind Björnsdottir, Marketingmanagerin bei North Sailing, zwischen einer viertel und einer halben Million Walbeobachter – «vorausgesetzt, das Töten der Wale hört auf». Björnsdottir glaubt, dass der Walfang potentielle Besucher von einer Islandreise abhält. Das war auch ein Grund, warum sich 2008 rund 40 Reisebüros an die isländische Regierung wandten und einen Stopp des Walfangs forderten. «Whale watching», so das Argument der Reiseanbieter, sei für alle Beteiligten lukrativer als der Walfang. Vom Schutz der Natur würde nicht nur der Tourismus, sondern auch die lokale Bevölkerung profitieren.

Dennoch regt sich in Island selber wenig Opposition gegen den kommerziellen Walfang. Nur knappe 20 Prozent der Bevölkerung sind laut einer SAF-Umfrage gegen Waljagd. Demgegenüber stehen 65 Prozent der Isländer, die den Walfang befürworten. «Und das aus Gründen des Stolzes», sagt Heimir Hardarson, Juniorchef von North Sailing und selber vehementer Gegner des Walfangs.

Islands Walfänger können nicht nur auf den Rückhalt der Bevölkerung zählen, im Gegensatz zu ihren japanischen Kollegen können sie praktisch vor der Haustür jagen – dort, wo auch die Touristen unterwegs sind. «Minkwale sind die am einfachsten zu beobachtenden Wale», erklärt Hardarson das Dilemma, «sie werden aber auch am meisten gejagt.»

Das führt immer wieder zu absurden Situationen, wie Rannveig Gretarsdottir, Geschäftsführerin der Reykjaviker Walbeobachtungsfirma Elding, erzählt: «In Island werden Minkwale ausschliesslich in der Faxafloi-Bucht getötet.» In dieser Bucht werden auch Walbeobachtungstouren durchgeführt. Seite an Seite liegen im dortigen Hafen Walfänger- und Walbeobachter-Boote. «Das hatte bereits Auswirkungen auf unsere Touren», sagt Gretarsdottir. Sie befürchtet, dass die Waljagd in der Bucht ihr Geschäft in den Ruin treiben könnte. Die Firma beschäftigt im Sommer 50 Leute, im Winter immerhin noch 20.

Für diese Jobs könnte die Walfangindustrie keinen Ersatz bieten: Da sie weltweit geächtet ist und das Fleisch der harpunierten Wale ausser in Japan und natürlich in Island nirgends verkauft werden kann, beschäftigt sie lediglich 100 bis 150 Personen, und auch die jeweils nur für ein paar Monate im Jahr. Der finanzielle Nutzen ist ebenfalls gering: Laut der isländischen Naturschutzvereinigung bringt das nach Japan exportierte Walfleisch nur gerade 3,5 Millionen Dollar ein. Eine geringe Ausbeute dafür, dass Island mit seiner Walfangpolitik den eigenen Ruf ruiniert.

Diese politischen Auseinandersetzungen sind den 100 Walbeobachtern auf der «Gardar» egal. Sie kehren nach etwas mehr als drei Stunden zufrieden in den Hafen von Husavik zurück. Um eine schöne Erfahrung reicher, wie Bibbi sagt: «Sie durften echte Wale hautnah und in der Wildnis erleben.»

Veröffentlicht am 26. November 2010