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NachhaltigkeitDie jungen Weltverbesserer

«Wir arbeiten nur mit ­Firmen zusammen, bei ­denen der Gewinn nicht ­zuoberst auf der Liste steht.» Gianina Caviezel, Gründerin Oikos Consulting Bild: Daniel Ammann

Nachhaltiges Wirtschaften und HSG? Das passt durchaus zusammen: Ein Studentenverein berät an der St. Galler Wirtschaftskaderschmiede Firmen in Sachen Nachhaltigkeit – und hat regen Zulauf.

von Conny Schmid

Der 16. Mai ist in Gianina Caviezels Agenda rot markiert. Für die Wirtschaftsdoktorandin ist das ein Freudentag, denn am 16. Mai vor zwei Jahren erblickte ihr Baby das Licht der Welt; es ist der Geburtstag von Oikos Consulting.

«Oikos» bezeichnete bei den alten ­Griechen die Wirtschafts- und Haushaltsgemeinschaft, die Begriffe Ökonomie und Ökologie sind davon abgeleitet. Das von Caviezel ins Leben gerufene Projekt will beides vereinen und mit einer Dienstleistung verknüpfen. Oikos Consulting funk­tioniert wie eine Firma und berät andere Firmen, die sich in irgendeiner Form der Nachhaltigkeit verpflichtet haben.

«Ich habe mich schon früh für sozial und ökologisch verträgliche Wirtschaftsentwicklung interessiert; da liegt es nahe, das im Studium angeeignete Wissen entsprechend einzusetzen», erklärt die Bündnerin. Geholfen hat sicher auch ihr Job bei einer bekannten Consultingfirma, bei dem sie die Beratungsbranche kennenlernte.

Der Verein zählte im Nu ein Dutzend Leute

Erstaunlich ist aber: Caviezel studiert nicht irgendwo, sondern ausgerechnet an der Hochschule St. Gallen, der HSG. Diese gilt gemeinhin nicht unbedingt als Brutstätte für Ökobewusste, sondern eher als Kaderschmiede der Abzockerkaste. Offensichtlich aber zu Unrecht. Der Nachhaltigkeitsgedanke ist für die HSG nämlich nicht neu. Oikos Consulting ist ein Projekt des Vereins Oikos, der bereits vor 27 Jahren an der HSG gegründet wurde und mittlerweile an vielen Wirtschaftshochschulen weltweit präsent ist, um Studierende zu langfristigem, umsichtigem Denken zu animieren.

Anscheinend erfolgreich – Gianina Caviezels Idee fand an der HSG im Nu zahlreiche Anhänger. Schon nach wenigen Monaten hatte sie zehn Mitstreiter zur Seite, heute engagieren sich 50 Studierende als Berater oder im Vorstand. Wer mitmachen will, muss sich wie bei einer richtigen ­Firma bewerben und braucht Glück: Drei von fünf erhalten eine Absage. «Wir müssen unser Projekt zuerst stabilisieren, bevor wir weiterwachsen können», sagt die 27-jährige Geschäftsführerin.

Der Erfolg ihres Projekts hat nicht nur mit dem Zeitgeist zu tun. Die Studierenden profitieren von Oikos Consulting, weil sie als Berater von realen Firmen praktische Erfahrungen sammeln können. Für die Kunden auf der anderen Seite ist es eine günstige Gelegenheit, an frische Ideen zu kommen. Eine Beratung durch ein fünf- bis sechsköpfiges Team von Oikos Consulting läuft meist über etwa drei bis vier Monate und kostet 1500 bis 2000 Franken – ein Schnäppchen im Vergleich zu Profiberatern, die denselben Betrag für einen einzigen Arbeitstag verlangen. Das Angebot ist umfassend: Die HSG-Berater entwickeln Markteintrittsstrategien, erarbeiten Marketingkonzepte, unterstützen Firmen bei Businessplänen und vieles mehr.

Entsprechend gross ist die Nachfrage. Doch die Studierenden sind wählerisch. «Wir arbeiten nur mit Firmen zusammen, bei denen der Gewinn nicht zualleroberst auf der Liste steht und die sozial oder ökologisch nachhaltig handeln», sagt Gianina Caviezel. Einen fixen Kriterienkatalog gebe es nicht. «Wir besprechen alle Anfragen ausführlich im Team und lehnen auch manche ab, die nicht zu uns passen.» Immer wieder müsse man Firmen auch absagen, weil die Beratungen sich strikt auf die prüfungsfreie Zeit beschränken. «Die Uni steht an erster Stelle», begründet Caviezel.

«Man begegnet sich auf Augenhöhe»

Das bedeutet aber nicht, dass Studenten nicht trotzdem selber versuchen, Aufträge an Land zu ziehen. Manchmal sprechen sie potenzielle Kunden ohne Umschweife auf Mankos an. Etwa Tina Grässli, Inhaberin des Zürcher Strickmodelabels Xess+Baba. Sie hielt an der HSG einen Vortrag im ­Rahmen eines Nachhaltigkeitsseminars. Ihre Strickwaren werden in Italien und Deutschland produziert, was kurze Transportwege ermöglicht. Die Wolle ist Oeko-Tex-zertifiziert, vieles ist zudem beidseitig tragbar und langlebig. Nun sassen bei Grässlis Vortrag auch Oikos-Berater im Saal, und diesen fiel sofort auf, dass das Thema Nachhaltigkeit – mittlerweile ein gutes Verkaufsargument – beim Firmenauftritt viel zu wenig zum Ausdruck kommt. «Sie kamen nach dem Referat auf mich zu und sprachen mich einfach direkt darauf an», erzählt Tina Grässli.

Inzwischen haben die Studenten ein Team gebildet und Grässli schon nach zwei Meetings konkrete Verbesserungsvorschläge präsentiert. «Sie haben zwar nichts he­rausgefunden, was ich nicht gewusst hätte, aber es ist etwas anderes, wenn man es schwarz auf weiss hat», sagt Grässli. Nach sehr schlechten Erfahrungen mit einer etablierten Beratungsfirma findet sie für Oikos Consulting nur lobende Worte: «Weil beide voneinander profitieren können, begegnet man sich auf Augenhöhe. Das ist viel an­genehmer, als wenn man sozusagen als Hilfesuchender dasteht.» Die Studierenden seien offen, vorsichtig und gute Zuhörer. Man spüre, dass ihnen das Thema am ­Herzen liege. «Sie denken sich hinein und gehen sehr engagiert an die Sache heran.»

Das bestätigt ein anderer Oikos-Kunde, Marketing- und Verkaufsfachmann ­René Weiss aus Niederhasli ZH. Er will mit zwei Partnern ein Businessnetzwerk für die Cleantechbranche gründen. Auf der Webplattform von HubLink Networks sollen sich Anbieter neuer Technologien, Wissenschaftler, Politiker, Umweltorganisationen oder Investoren finden und austauschen. Der Zugang soll kostenpflichtig sein, dafür will Weiss durch ein Kontrollsystem mehr Sicherheit und Schutz vor Betrügern garantieren. Der ­Firmengründer wurde an einem Start-up-Event auf Oikos Consulting aufmerksam und liess die Studenten Ideen für den besten Markteintritt entwickeln. «Wir hofften aber auch auf Informationen, wie junge Menschen solche Netzwerke nutzen, was sie suchen, wie sie kommunizieren, worauf sie ansprechen», erklärt er.

«Wir haben enorm profitiert»

Erhalten hat er viel mehr: «Die Studierenden haben uns die Augen geöffnet.» So schlugen sie etwa vor, das Geschäftsfeld zu erweitern und als zusätzliche Dienstleistung eine Datenbank bereitzustellen mit Dokumenten zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Cleantechbereich, denn diese sind oft schwer zu finden und teuer. «Wir wollen sie zu einem Spezialpreis ins Abo integrieren. Die Studierenden machten uns klar, dass ohne Mehrwert kaum jemand bereit ist, für ein Online-Netzwerk zu bezahlen», erklärt Weiss. «Sie waren professionell, strukturiert und zeigten grosses Engagement. Wir haben enorm profitiert.»

In zwei Jahren schlossen die Oikos-Studenten 25 Projekte ab. Alle arbeiten ehrenamtlich mit Pensen zwischen 20 und 50 Prozent. Eine Konkurrenz für normale Berater sei man aber nicht. «Dafür sind wir viel zu klein. Ausserdem sprechen wir andere Kunden an, überwiegend Start-ups», sagt Gianina Caviezel. Das sehen die Gros­sen offenbar auch so: Vertreter etablierter Beratungsfirmen stehen den Studenten als Mentoren zur Seite. «Es sind Gleichgesinnte auf höherem Niveau», sagt Caviezel, «wir sind ihre Arbeitnehmer von morgen.»

Die Einnahmen werden gleich wieder investiert, und zwar ins Sozialleben: Man geht essen, unternimmt Ausflüge oder hält unter sich kleine Sportanlässe ab. Das, sagt Caviezel, gehöre genauso zur Nachhaltigkeit: «Eine familiäre Atmosphäre ist mir wichtig. Oikos Consulting soll für die Macher eine nachhaltige Erfahrung sein.»

Website des Studentenprojekts Oikos Consulting: www.oikos-international.org

Veröffentlicht am 2014 M06 23