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UmweltDie Regenwälder nicht vergessen!

Palmölplantagen statt Tropenwald: Rodung auf Sumatra, Indonesien Bild: Getty Images

Die Abholzung des Tropenwaldes ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Doch sie geht weiter. Der frühere Schweizer WWF-Generaldirektor Claude Martin warnt vor den Auswirkungen.

von Thomas Buomberger

Zur Person

Claude Martin, 70, war Generaldirektor der Naturschutzorganisation WWF International und an der Gründung des Weltforstrats FSC beteiligt. Er lebt im Kanton Waadt. 

Beobachter: «Rettet den Regenwald», hiess die Aufforderung an uns alle. Hat sie dem Wald etwas genützt?
Claude Martin: Auf globaler Ebene ist die Entwaldung seit den neunziger Jahren leicht zurückgegangen. Damals waren wir mit der stärksten Entwaldung konfrontiert, jedes Jahr wurde ein halbes Prozent abgeholzt. Heute liegt die Rate leicht darunter. Aber die regionalen Unterschiede sind gross. Vor allem in Südostasien werden weiterhin sehr grosse Gebiete abgerodet, etwa 0,8 Prozent pro Jahr.

Beobachter: Hat sich die Situation denn irgendwo verbessert?
Martin: Ja, in Brasilien. Bis 2004 hatte das Land sehr hohe Entwaldungsraten. Das hing mit der Umwandlung von Regenwaldgebieten in Viehweiden und Sojaplantagen zusammen. Dann kam ein erstaunlicher Prozess in Gang, der zu einer massiven Reduk­tion der Entwaldung geführt hat.

Beobachter: Wie kam der Rückgang zustande?
Martin: Drei Faktoren waren massgebend. Der Anbau von Soja und vor allem die Viehweiden wurden immer weiter ins Amazonasgebiet getrieben, was international laute Kritik ausgelöst hat. Die Nichtregierungsorganisationen, auch brasilianische, spielten dabei eine wichtige Rolle. Sie machten Druck, indem sie einzelne multinationale Konzerne ins Visier nahmen. Da eh nur ein halbes Dutzend Fleischproduzenten in diesem Gebiet im südlichen Amazonas, dem «Abholzungsbogen», tätig waren, war das relativ einfach. Zudem kannte man auch die Endabnehmer, darunter McDonald’s.

Beobachter: Und das genügte?
Martin: Die Kampagne schadete dem Image der Firmen unverzüglich. Die Konzerne entschieden innerhalb weniger Wochen, künftig nur noch anzubieten, was nicht von Viehweiden stammte, für die Regenwald verschwunden war. Die Kampagne bewirkte zudem, dass sich Investoren zurückzogen, brasilianische Banken etwa. Aber auch die Internationale Finanzkorporation – eine Schwesterfirma der Weltbank – vergab für die Umwandlung von Regenwald in Viehweiden keine Kredite mehr. Daraufhin erliess die brasilianische Regierung Gesetze zum Schutz des Waldes. Das allein hätte aber nicht gereicht. Hinzu kam die Entwicklung der Satellitentechnik: Die Besitzer mussten der Regierung die Positionsdaten ihres gesetzmässigen Territoriums geben. Dadurch war eine minutiöse Kontrolle via Satellit möglich, und man entdeckt illegale Rodungen sofort.

«Man sollte auf palmölfreie Produkte ausweichen.»

Claude Martin

Beobachter: Als Schweizer Konsument scheint man nichts gegen die illegalen Rodungen tun zu können …
Martin: Nun, man kann versuchen, im eigenen Land auf die Regierung politischen Einfluss zu nehmen im Hinblick auf internationale Abkommen. Ein Beispiel dafür ist Deutschland, das sich bei internationalen Vereinbarungen stark einbringt und diese mitprägt. Zudem macht es absolut keinen Sinn, Rindfleisch aus Ländern zu kaufen, wo es auf Kosten des Regenwaldes produziert worden ist. Man kann eine Rechnung machen: Ein Kilogramm Rindfleisch aus einem entwaldeten Gebiet hat einen so grossen ökologischen Fussabdruck, als würde man mit ­einem Auto quer durch Deutschland fahren. Die Wälder werden ja durch Feuer zerstört, um Weiden zu gewinnen. Das ist das eine. Und das andere: Die Produktion von Rindfleisch ist die absolut ineffizienteste Art der Herstellung von Nahrungsmitteln.

Beobachter: Dann ist die Fleischproduktion die hauptsächliche Ursache der Rodungen?
Martin: Nicht nur. Problematisch ist auch der ökologische Fussabdruck des Palmöls, das auf gerodeten Regenwaldböden erzeugt wird. Palmöl ist in einer Unzahl von Produkten enthalten. Da sollte man auf palmölfreie Produkte ausweichen – oder nur solche mit zertifiziertem Palmöl verwenden. Auch dass man nur FSC-zertifiziertes Tropenholz verwendet, ist eine absolute Notwendigkeit. Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen der herkömmlichen und der FSC-zertifizierten, also nachhaltigen Forstwirtschaft.

Beobachter: Brasilien gilt als ein positives Beispiel. Gibt es denn Länder, die weiter unbeirrt Regenwald roden?
Martin: Ja, Indonesien. Es weist eine sehr hohe Entwaldungsrate auf, insbesondere wegen der Umwandlung in Palmöl­plantagen. Von Indonesien war die ­internationale Gemeinschaft sehr enttäuscht, weil es Angebote gab zur Finanzierung von Waldschutzmassnahmen – etwa von Norwegen. Die ­Angebote blieben unerwidert – nicht zuletzt, weil das politische System schlicht korrupt ist.

Beobachter: Wie sehen Sie die Entwicklung für die nächsten 20 Jahre?
Martin: Es gibt einige Regierungen, aber auch Organisationen – etwa den WWF und Greenpeace –, die für die nächsten 10 bis 20 Jahre eine Netto-Entwaldung von null Prozent anstreben. Netto heisst: in der Bilanz, denn neben der Entwaldung gibt es auch eine natür­liche Wiederbewaldung. Das ist ein ­lobenswertes Ziel, aber ich bin da nicht sehr optimistisch. Ich glaube nicht, dass netto kein Regenwald mehr gerodet wird, wenn der kommerzielle Druck weiter zunimmt. Bis vor einigen Jahren hatten etwa die Länder Zen­tralafrikas noch einigermassen die Kontrolle über die Waldgebiete. Seit einiger Zeit wird aber die Entwaldung vorangetrieben durch die Kommer­zialisierung. Dieser Druck wird nicht abnehmen, weil es eine ungeheure Nachfrage gibt nach Rohstoffen, insbesondere nach Palmöl, Kakao und Kautschuk, aber auch nach seltenen Elementen wie Coltan.

Beobachter: Ist die Abholzung des Regenwaldes in irgendeiner Weise für den Klimawandel mitverantwortlich?
Martin: Regenwälder speichern CO2, das ist ein wichtiger Aspekt bei der Bekämpfung des Klimawandels – und wird auch ein Thema an der Klimakonferenz in Paris Ende dieses Jahres sein. Die Klimaveränderung hat bereits heute einen Einfluss auf die Lebenskraft der Regenwälder. Sie werden in Jahren, in denen vor der Pazifikküste Lateinamerikas der El-Niño-Effekt eintritt mit kräftigen Gewittern oder längeren Dürre­perioden, viel stärker exponiert und verlieren dadurch ihre Fähigkeit, überhaupt CO2 zu speichern. Sie können in den Trockenperioden sogar zu CO2-Produzenten werden.

Beobachter: Sind auch andere Wälder gefährdet?
Martin: Ja, auf Satellitenbildern sieht man, dass die Wälder Kanadas und Russlands fast noch stärker gefährdet sind als ­jene in den Tropen.

Buchtipp

Claude Martin: «Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können»; Verlag Oekom, 2015, 368 Seiten, CHF 31.90. Hier bestellen.

Veröffentlicht am 2015 M07 07