Eine Umfahrung wäre «zu teuer»: Das Zürcher Naturschutzgebiet Neeracherried wird weiterhin von Strassen durchschnitten. Bild: Schweizer Vogelschutz

UmweltNatur im Würgegriff

Die Schweiz schützt ihre Landschaften, Pflanzen- und Tierarten bloss auf dem Papier. Die Natur – eine Ressource, deren Wert verkannt wird.

von Daniel Benz und Thomas Angeli

Wer die Bekassine stört, hört ein raues, heiseres «Ääätsch». Diesen Ton gibt der Schnepfenvogel mit dem langen Schnabel von sich, wenn er aufgeschreckt zum Zickzackflug abhebt, um sich dann in sicherer Distanz wieder in die Deckung der Sumpflandschaft fallen zu lassen. Im Neeracherried, einem seiner letzten Schweizer Lebensräume, wird er oft gestört. Denn mitten durch sein «Wohnzimmer» führt eine vielbefahrene Strasse.

Vielleicht deshalb war sich das notorische Streitkabinett für einmal einig: Im März 2007 beschloss der Zürcher Kantonsrat einstimmig, die Wehntalerstrasse in diesem Abschnitt «schnellstmöglich» aufzuheben und durch eine Umfahrung zu ersetzen. Das wurde im kantonalen Richtplan entsprechend festgesetzt. In Naturschutzkreisen herrschte eitel Freude, würde doch damit eines der bedeutendsten Flachmoore der Schweiz nicht länger zerschnitten und so eine wichtige Brutstätte bedrohter Vögel entlastet. Das waren die Worte.

Die Taten sehen drei Jahre später so aus: Die täglich von 12'500 Fahrzeugen befahrene Strasse wird saniert, bleibt aber bis auf Weiteres, wo sie ist. Die Zementierung des Ist-Zustands ist das Resultat einer «Zweckmässigkeitsbeurteilung» des kantonalen Amts für Verkehr. Diese hat ergeben, dass eine Umfahrung oder gar Untertunnelung der geschützten Riedlandschaft zu teuer sei und die umliegenden Siedlungsgebiete im ansonsten gesichtslosen Agglomerationsgürtel nördlich der Stadt Zürich durch Verkehr und Lärm übermässig beeinträchtige.

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«Ein Sieg der Kurzfristigkeit»

Die Beeinträchtigungen der Natur sind da zweitrangig, obwohl solche «bei jeder sich bietenden Gelegenheit rückgängig gemacht werden müssen», wie die nationale Flachmoorverordnung unmissverständlich vorschreibt. Dass die Gesetzgebung für den Moorschutz nur toter Buchstabe sein soll, dass selbst ein Parlamentsbeschluss kein Gewicht hat, wenn es um den Schutz von Flora und Fauna geht, stösst Stefan Heller sauer auf: «Das wäre ein Sieg der Kurzfristigkeit gegen ein langfristiges Denken», sagt der Kopräsident des Zürcher Vogelschutzes. Seine Organisation, die sich um den Schutz des 105 Hektaren grossen Neeracherrieds kümmert, klärt zurzeit die politischen und rechtlichen Möglichkeiten ab, um die Eliminierung der Strasse aus dem Flachmoor doch noch zu erwirken. Von zusammenhängenden, offenen Flächen würden laut Heller etliche gefährdete Vogelarten «massiv profitieren». Doch die Bekassine und anderes seltenes Federvieh werden sich gedulden müssen.

Möglicherweise warten sie aber auch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Denn was sich im Fall Neeracherried hinter dem technokratischen Wortungetüm «Zweckmässigkeitsbeurteilung» verbirgt, ist in der engen, dicht bebauten Schweiz ein allgegenwärtiger Kampf mit ungleichen Spiessen: der Zielkonflikt zwischen dem Schutz und der Nutzung von landschaftlich wertvollen Gebieten, bei dem die Natur mit irritierender Regelmässigkeit den Kürzeren zieht.

«Landschaft ist in den Augen vieler immer noch im Übermass vorhanden und hat somit keinen eigentlichen Wert», versucht Klaus Ewald, emeritierter Professor für Natur- und Landschaftsschutz an der ETH Zürich und Autor des Buchs «Die ausgewechselte Landschaft», das frappante Ungleichgewicht zu erklären. «Nur die wenigsten Menschen realisieren, dass es nicht reicht, wenn es um einen herum grün ist.» Denn dieses Grün sei oft bloss noch ein Überbleibsel einer einst intakten Natur: «Es sind nur noch kahle Flächen, die durch landwirtschaftliche Monokulturen geprägt sind» (siehe «Artikel zum Thema»).

Es braucht nicht selten einen zweiten Blick, um zu erfassen, dass «grün» nicht gleich «grün» ist. So bestehen etwa Niederstamm-Obstplantagen, wie sie auf Tausenden von Hektaren vorwiegend in der Ost- und der Nordwestschweiz die Landschaft prägen, zwar meist aus militärisch ausgerichteten, ökologisch verarmten Baumreihen – aber eben aus Bäumen. Und da Bäume in der allgemeinen Wahrnehmung grün sind und grün per Definition als gut gilt, ist auch die Landschaft intakt.

Über einen solch naiven Blick können Fachleute nur den Kopf schütteln. Michael Schaad etwa, beim Schweizer Vogelschutz zuständig für den Bereich Hochstamm-Obstbäume. «Niederstammplantagen sind ästhetische und ökologische Wüsten», sagt der Biologe dezidiert. «Hochstammbäume hingegen prägen die Landschaft und geben ihr Struktur.» Schaad schwärmt von der «Hoschtet», dem Baumgarten aus Hochstämmern, der früher die Bauernhäuser umgab und diese in die Landschaft einbettete, oder von den Baumpflanzungen, die bis an die Waldränder reichten und damit den scharfen Übergang vom Wald zum Wiesland mildern konnten.

14 Millionen solcher Hochstammbäume zählte man in der Schweiz noch in den fünfziger Jahren. Heute sind es noch rund zwei Millionen, und ihre Zahl wird immer kleiner: Pro Tag verschwinden 300 Exemplare – aus verschiedensten Gründen. So mussten in den vergangenen Jahrzehnten hektarenweise Hochstamm-Baumgärten Überbauungen weichen. Wurde andernorts neu angepflanzt, dann meist mit Niederstämmern: Ihr Obst lässt sich viel einfacher ernten – und ihre grossen Früchte sind bei den Konsumentinnen und Konsumenten beliebter als die kleineren Hochstammfrüchte. So konnten 2008 die Baselbieter Obstbauern knapp ein Drittel ihrer Hochstamm-Tafelkirschen nicht verkaufen, da sie nicht die im Handel gefragten Grössen «Extra» oder «Premium» aufwiesen.

Im schlimmsten Fall, so rechnet man bei der Branchenorganisation Hochstamm Suisse, könnte in den nächsten fünf Jahren allein im Baselbiet fast die Hälfte der heute noch 110'000 Hochstammbäume für immer verschwinden. Für Vogelschützer Michael Schaad ein Schreckensszenario: «Damit würden wichtige Lebensräume für Vögel, Insekten und weitere Lebewesen verlorengehen.» Gartenrotschwanz, Trauerschnäpper und Grünspecht etwa brüten oft in den Baumhöhlen der kräftigen Stämme. In den Astgabeln bauen Distelfinken und der selten gewordene Rotkopfwürger ihre Nester, und zwischen den Bäumen finden Schwalben und Grauschnäpper ihre bevorzugten Insekten.

Erhaltung der Vielfalt: Die Schweiz trödelt

Das Untergangsszenario für die althergebrachten Baumarten steht exemplarisch für die Situation der Artenvielfalt in der Schweiz. Das laufende «Jahr der Biodiversität» bietet Anlass zu einer Bilanz: Seit 1900 sind von rund 10'000 untersuchten Tier- und Pflanzenarten – insgesamt existieren in der Schweiz rund 50'000 – bisher zwar «nur» deren 236 verschwunden. Knapp 3'500 Arten gelten aber als bedroht – von «verletzlich» bis «akut gefährdet». Manche von ihnen kommen nur noch an isolierten Standorten vor, tragen aber zur Gesamtartenzahl bei – selbst wenn ihr Bestand klein und die genetische Vielfalt gering ist.

Die Verarmung der Lebensformen geht einher mit dem Rückgang zusammenhängender Ökosysteme. Dramatisch fällt er bei den Trockenwiesen und -weiden aus, auf die gut 900 der heimischen Tier- und Pflanzenarten angewiesen sind: Seit den siebziger Jahren sind 30 bis 40 Prozent ihrer Fläche verschwunden, seit 1900 gar 95 Prozent (siehe Infografik «Ökosysteme in Bedrängnis» (PDF, 3,9 mb) – fast die Hälfte der dort vorkommenden Arten ist gefährdet.

Diese Entwicklung zu stoppen ist gemäss dem 1992 ausgehandelten Uno-Übereinkommen über die biologische Vielfalt ein internationaler Auftrag. Doch hierzulande wird getrödelt: Vor drei Jahren rügte die OECD die Schweiz offiziell wegen ihrer nachlässigen Haltung. Erst diesen Herbst will das Bundesamt für Umwelt dem Bundesrat die überfällige Biodiversitätsstrategie vorlegen, die aufzeigen soll, wie der Artenreichtum erhalten werden kann; voraussichtlich 2011 kommt das Geschäft ins Parlament. Auch bei der Verpflichtung für den Schutz hochwertiger Landschaften hinkt die Schweiz hinterher: Sie gehört zu den wenigen Ländern, die die – massgeblich von Schweizern ausgearbeitete – europäische Landschaftskonvention aus dem Jahr 2000 noch immer nicht ratifiziert hat.

Nicht dass es an Reglementen fehlen würde, im Gegenteil. Die Schweiz verfügt im Bereich Natur- und Umweltschutz über eine breite Palette an Leitbildern sowie über eine griffig formulierte Gesetzgebung. Problematisch ist aber, dass deren Umsetzung bei den Kantonen liegt. «Blickt man auf den Vollzug, muss von einem Notstand gesprochen werden», schreibt denn auch Klaus Ewald. Er führt das im Wesentlichen auf die unantastbaren Eigentumsrechte zurück: Um ein Schutzziel durchzusetzen, müsste zumeist in fremdes Eigentum oder in Nutzungsrechte eingegriffen werden, doch die dazu nötigen Befugnisse würden dem Naturschutz nur selten zugestanden.

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Kantone unterlaufen Pflichten des Bundes

Dass nicht nur Eigentum, sondern auch Natur und Landschaft schützenswert sind, ist in der Schweiz eine relativ junge Erkenntnis. Erst 1977 lag die erste Fassung des «Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung» vor. Heute enthält dieser BLN-Katalog 162 Objekte – ein stattliches Paket, aber ein leichtgewichtiges. «Das BLN-Inventar ist nicht viel mehr als ein Papiertiger», meint Klaus Ewald. Es krankt an einem ganz gravierenden Mangel: Es ist eine Liste – mehr nicht.

Was das heisst, zeigt die Arealstatistik des Bundes: Zwischen 1983 und 1995 (neuere Zahlen sind nicht verfügbar) nahm die Siedlungsfläche in den «geschützten» BLN-Gebieten um 10,5 Prozent zu. Denn verbindlich ist der Schutz der inventarisierten Objekte nur für den Bund – ausser, höhere, nationale Interessen stünden dem Schutz entgegen. Will jedoch eine Gemeinde oder ein Kanton eine Strasse durch ein BLN-Gebiet realisieren, so ist das grundsätzlich möglich, denn für sie ist die Schutzeinhaltung rechtlich nicht vorgeschrieben.

Ein Evaluationsbericht der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle geht denn auch mit dem BLN-Inventar hart ins Gericht: «Trotz einiger positiver Trends im Laufe der neunziger Jahre ist das übergeordnete Schutzziel des BLN bisher nicht erreicht worden», heisst es dort. Die Rede ist auch von «unklar formulierten Zielen», fehlenden finanziellen Anreizinstrumenten und «über zwanzig verschiedenen Bundesstellen», die mitreden würden.

Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL), sieht sich durch diese Erkenntnisse der Kommission bestätigt, auch wenn er selber nicht so hart urteilt: «Ohne das Inventar würde es um den Landschaftsschutz noch schlechter stehen», sagt er. «Es gibt durchaus Kantone und Gemeinden, die den Schutz von BLN-Gebieten ernst nehmen und auch durchsetzen.» Klar, dass Rodewald mehr möchte: eine klare Definition, was der festgeschriebene «grösstmögliche Schutz» denn eigentlich enthält, und auch eine Aufnahme von weiteren Gebieten ins Inventar. «Aber dafür hat man beim Bund zurzeit kein Musikgehör.»

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Die Wiesen verarmen schleichend

Schwach ist die Position dieser als besonders wertvoll taxierten Gegenden vor allem dann, wenn sich ihr Schutzziel mit Interessen der Landwirtschaft kreuzt. Das zeigt sich aktuell in der Unterengadiner Gemeinde Ramosch, wo eine Gesamtmelioration mitten im BLN-Gebiet Piz Arina den grossen Pflanzenreichtum gefährdet (siehe Seite 40). Wie negativ selbst in einem weniger sensiblen Gebiet die biologische Bilanz solcher Bodenveränderungen zugunsten einer effizienteren Bewirtschaftung ausfallen kann, haben Wissenschaftler in bisher einmaliger Weise am Beispiel von Wintersingen BL aufgezeigt: Zwischen 1983, als dort die Melioration gestartet wurde, und einer Nachkontrolle 1994 gingen im meliorierten Gebiet die Magerwiesen um 71 Prozent und die Feuchtstandorte um 41 Prozent zurück. Das Verzwickte daran: Es ist auch heute noch lieblich schön in Wintersingen. Die Verarmung von Lebensräumen verläuft schleichend und daher unbemerkt – eine friedliche Zerstörung von Ressourcen, deren Wert oft verkannt wird.

Klicken Sie auf die Grafik (PDF, 3,9 mb), um sie vergrössert anzuzeigen oder herunter zu laden (je nach...

Auf die Natur setzen: New York machts vor

Um deutlich zu machen, dass Natur kein Gratisgeschenk ist, das man opfern kann, wenn kurzfristiger Ertrag lockt, haben sich in der jüngeren Vergangenheit die Ökologen mit den Ökonomen verbündet. Mittels Monetarisierungsstudien wird versucht, die Leistungen naturnaher Ökosysteme plakativ in Geldbeträgen zu beziffern. Davor verschliesst man sich auch beim Bundesamt für Umwelt nicht: «Es ist höchste Zeit, dass wir uns den Nutzen, den wir aus der Biodiversität ziehen, deutlicher vor Augen führen», sagt Andreas Hauser, Leiter der Sektion Ökonomie. Schweizer Beispiele sind bislang aber noch rar (siehe nachfolgende Box).

Das schlagendste Exempel, welche Werte die Natur schafft, stammt aus den USA: Nachdem sich die Trinkwasserqualität der Stadt New York in den neunziger Jahren stetig verschlechterte, plante die Stadt den Bau einer Aufbereitungsanlage. Kostenpunkt: acht Milliarden Dollar, dazu jährliche Betriebskosten von 300 Millionen. Als Alternative entschied man sich dann aber dazu, im Wassereinzugsgebiet in den Catskill Mountains weitflächig Land aufzukaufen und Renaturierungsmassnahmen zu verwirklichen. Statt einer technischen Ersatzlösung übernimmt heute wieder das natürliche Ökosystem die Wasserreinigung. Gespart hat man so, auf ein Jahrzehnt gerechnet, neun Milliarden Dollar.

Den Wert von Landschaft oder Flora und Fauna zu kennen ist das eine, für deren Schutz auch wirklich Geld lockerzumachen etwas ganz anderes. Immerhin konnten die Schweizer Landschaftsschützer Anfang Juni für einmal jubeln: Der Nationalrat beschloss ohne grössere Diskussionen, den 1991 geschaffenen Fonds Landschaft Schweiz für die Periode 2011 bis 2020 mit weiteren 50 Millionen Franken zu äufnen. Für SL-Geschäftsleiter Raimund Rodewald ist das ein wichtiger Schritt: «Der Fonds kann mit Beiträgen Projekte anstossen und Zeichen für andere Geldgeber setzen. Wenn der Fonds in ein landschaftsschützerisches Vorhaben investiert, dann ist das eine Art Gütesiegel.»

Bei aller Freude über das Geld aus Bern räumt aber auch Rodewald ein, dass 50 Millionen für zehn Jahre nicht viel mehr sind als ein Tropfen auf einen heissen Stein. In einer Studie hat die Stiftung Landschaftsschutz 2001 die Unterstützungsgelder unter die Lupe genommen. Fazit: Von den jährlich über neun Milliarden Franken Bundessubventionen, die in irgendeiner Form «raumrelevant» sind, haben über 90 Prozent potentiell schädliche Auswirkungen auf Natur und Landschaft. Darunter fällt nach Lesart der SL auch der grösste Teil der Landwirtschaftssubventionen.

Der Staat unterstützt die Zerstörung

Wie Bundesgelder die Landschaftszerstörung ankurbeln, zeigt beispielhaft die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Mit derzeit rund 265 Millionen Franken pro Jahr unterstützt der Bund seit 2008 die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Die Hälfte der Mittel ist für die Förderung von Kleinwasserkraftwerken reserviert, was die Fantasie der Elektrizitätsunternehmen beflügelt. Plötzlich werden Projekte, die man wegen mangelnder Rentabilität vor Jahrzehnten begraben hat, wieder aus der Schublade geholt, weil sie dank der KEV plötzlich Profite versprechen.

Den Preis für den Ökostrom zahlt ausgerechnet die Natur: Von den über 600 Gesuchen für Kleinwasserkraftwerke, die seit 2008 eingingen, stehen gemäss einer Evaluation des Bundesamts für Umwelt bei mindestens 68 die Zeichen auf Umweltzerstörung. Wo Fördermittel winken, wird ohne Rücksicht auf die Landschaft geplant – in geschützten Feuchtgebieten, in Laichgebieten von nationaler Bedeutung oder mitten in BLN-Objekten. Zur Stromproduktion in der Schweiz würden diese Anlagen gerade einmal 0,2 Prozent beitragen.

So klein die Strommenge, so gross die Empörung bei den Naturschützern. «Jedes Wasserkraftwerk hat Auswirkungen auf die Ökologie und die Landschaft», sagt Hans Fritschi von Pro Natura Berner Oberland. In seiner Gegend stehen sich die Kraftwerksingenieure in den Bachbetten gegenseitig auf den Zehen herum. Ob am unberührten Färmelbach im Simmental, im malerischen Reichenbachtal oder am Sousbach bei Lauterbrunnen – derart viele Kleinwasserkraftwerke sind im Oberland für die Förderung mit KEV-Geldern angemeldet, dass der Kanton erst mal einen Stopp verfügt hat. Erst wenn in einer kantonalen Wassernutzungsstrategie festgelegt ist, welche Gewässer genutzt werden dürfen, wollen die Behörden Konzessionsgesuche weiter bearbeiten.

Sieht hübsch aus, ist aber ein biologisch verarmter Lebensraum: Wiese bei Ramosch GR, auf der nur wenige...

Einer kämpft am Wasserfall

Walter Steuri, Präsident des Vereins «Bachläger-Wasserfall» in Grindelwald, ist froh über diesen Zeitgewinn. Geht es nach dem Willen der Bernischen Kraftwerke und des lokalen Elektrizitätswerks, ist der Wasserfall nicht mehr lange zu bewundern. Ihr Projekt sieht vor, das Wasser oberhalb des Falls zu fassen und über eine Druckleitung in eine Zentrale zu leiten. Der Milibach, der heute über 170 Meter und mehrere Stufen zu Tal stürzt, verkäme so zum Rinnsal.

Bis vor zwei Jahren dachte kein Mensch daran, das Wasser am Bachläger zu nutzen. Dann kam die KEV, und seither ist das Naturschauspiel bedroht. Eine «widersinnige Gesetzgebung» sei das, wettert Steuri. Der pensionierte Grindelwaldner ist alles andere als ein grüner Natur-Nostalgiker. Sein Geschäft war der Tourismus. Als Direktor der Jungfraubahnen sorgte er jahrelang dafür, dass die Touristenmassen ins Gletscherdorf kamen, in die «unberührte Landschaft, die für so ein fragwürdiges Kraftwerk sicher nicht geopfert werden darf».

Steuri weiss bei seinem Kampf für einmal nicht nur Naturschützer auf seiner Seite. Auch andere Grindelwaldner scheinen den Wert der Landschaft erkannt zu haben. So haben 1667 Leute eine Petition gegen das Projekt unterschrieben. An vorderster Front mit dabei: Grindelwald Tourismus und der Hotelierverein. So verbleibt für den Bachläger-Wasserfall statt Restwasser zumindest ein Rest Hoffnung.

Die Zerstörung der Natur fällt nicht nur ökologisch ins Gewicht, sondern auch ökonomisch. Um dies bewusst­zumachen, wird mittels Monetarisierungsstudien versucht, den Wert bestimmter Ökosystemleistungen in Geldwerten zu beziffern.

Je nach Fragestellung werden ganz unterschiedliche Erhebungsmethoden angewendet, etwa Befragun­gen zur Zahlungsbereitschaft für ­einen ökologischen Mehrwert oder Kos­ten­abschätzungen, wenn eine Leistung der Natur mit techni­schen Mitteln ersetzt werden müsste.

Hier einige Schweizer Beispiele solcher «Preisschilder» für natürliche Ressourcen:

149 Franken
würde jede Person im Jahr bezahlen, um naturnahe Wasserläufe wiederherzustellen.

9940 Franken
«spart» ein Lawinenschutzwald pro Hektare und Jahr, indem er das Risiko vermindert.

425 Franken
würde ­jeder ­Fischer im Jahr zusätzlich verdienen, wenn in Flüssen die Restwassermenge erhöht würde.

69'000 Franken
würde die Zürcher Kantonsbevölkerung pro Hektare und Jahr ausgeben, um intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen zu schonend genutz­ten Wiesen und Weiden zu machen.

10,5 Milliarden Franken
beträgt die Schätzung für den jährlichen Erholungsnutzen, den der gesamte Schweizer Wald leistet.


Quelle: Ecoplan-Studie «Der Natur mehr Wert geben» (2010)

Veröffentlicht am October 03, 2013