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UmweltschutzNeue Naturparks - wer profitiert?

Fast ein Dutzend Naturparks sind in der Schweiz geplant. Doch viele Projekte sind umstritten: Fördergelder des Bundes und Prestige seien oft wichtiger als der Naturschutz, sagen Kritiker.

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«Die schwerwiegenden landschaftlichen und ökologischen Eingriffe sind mit dem Naturpark-Label des Bundes nicht zu vereinbaren.» Die klare Botschaft stammt von Rolf Keller, dem Präsidenten der Pro Natura Graubünden, und betrifft ein Projekt für zwei neue Wasserkraftwerke in den Gemeinden Bergün und Filisur. Dort wollen die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) die Albula und zwei Nebenflüsse fassen und Energie gewinnen. Das Problem: Beide Kraftwerke liegen im Herzen des geplanten Naturparks Ela, also in jenem weitläufigen Gebiet zwischen Tiefencastel, Savognin, Bivio und Bergün, das dereinst von Bundesbeiträgen profitieren will und das eidgenössische Label «Park von nationaler Bedeutung» erhalten möchte. Dieses neue Label beantragen derzeit fast ein Dutzend Regionen, die sich vom Bund Finanzhilfe erhoffen, falls sie das vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) gesetzte Ziel erfüllen: «Erhaltung, Pflege und Aufwertung des natürlichen, landschaftlichen und kulturellen Erbes».

Freizeit-Action im Schutzgebiet

Neue Stauwerke im Naturpark? Das NOK-Vorhaben ist nicht die einzige Knacknuss, mit der sich der «Parc Ela» beschäftigen muss. Das ehrgeizige Projekt gilt als «der grösste Naturpark der Schweiz», befindet sich im Territorium von 21 Gemeinden und bewirbt sich sogar als Unesco-Weltkulturerbe. Ela ist mit einer Fläche von rund 600 Quadratkilometern dreieinhalbmal so gross wie der alte Nationalpark, der dieser Tage sein neues Besucherzentrum eröffnet (siehe Box unten). Doch im Gegensatz zum Nationalpark sagen sich im «Parc Ela» nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht: Das Gebiet ist bewohnt, wird von Strassen und Bahnlinien durchkreuzt und bietet viele Arbeitsplätze, vor allem im Tourismus.

Unter anderem befindet sich das Skigebiet Savognin im Einzugsraum von Ela, und gerade dort hegen Promotoren munter Ausbaupläne: So gibt es Ideen, die Skipisten zu erweitern und ein neues Hotelresort mit bis zu 2000 Betten zu bauen; ein erstes Projekt wurde von der Gemeindeversammlung Riom-Parsonz im Herbst 2007 jedoch abgelehnt. Abgesehen hat man es vor allem auf jugendliche Skifans: Savognin bietet laut Eigenwerbung «Platz genug zum Rippen, Carven, Jibben»; Freestyler können «Böschungen rocken, was das Zeug hält», und Freerider «Powderhänge neben den Pisten absurfen». Auch fürs Après-Ski ist gesorgt: «Am Abend treffen sich alle guten und bösen Jungs und Mädchen in der Hausbar oder Disco.» Überhaupt geht für Touristen im Ela-Gebiet immer mehr die Post ab: Mittelalterfeste, Gastrowochen, Exkursionen, Gletscher- und Musikevents halten Urlauber und Ausflügler bei Laune.

Grünes Parklabel bringt Touristen

Besteht da nicht die Gefahr, dass die unberührte Natur den Kürzeren zieht? «Wir wollen bewusst die wirtschaftliche Entwicklung fördern», so Projektleiter Dieter Müller vom Ela-Management in Tiefencastel, «zugleich wollen wir Natur und Landschaft schützen; das kann natürlich zu Spannungen führen.» Der Aufbau des Parks und die Kandidatur fürs Bundeslabel sei ein langwieriger Prozess, bei dem viele Interessen gegeneinander abzuwägen seien. Eines aber habe das Ela-Projekt geschafft: Die Dörfer der Region kooperieren. Alle 21 Gemeinden haben kürzlich darüber abgestimmt, bis Ende 2010 jährlich pro Einwohner einen Beitrag von 17 Franken (insgesamt rund eine Million Franken) ans Projekt zu zahlen, rund eine Viertelmillion pro Jahr wird der Kanton aufwerfen. Da muss auch etwas zurückfliessen: Stelle man die Natur absolut in den Vordergrund, meint Müller, müsste man aus dem Gebiet einen neuen Nationalpark machen, wo kein Wirtschaftswachstum möglich ist. «Dann steht einfach alles unter Schutz, fertig.»

So wie Ela üben andere Projekte den Spagat zwischen Naturschutz und Wirtschaftsförderung. Derzeit prüft das Bafu zehn Gesuche. Acht der zehn Projekte betreffen neue «regionale Naturparks» - neben Ela sind dies die Projekte Chasseral (BE/NE), Diemtigtal (BE), Gantrisch (BE/FR), Thunersee-Hohgant (BE), Thal (SO) und Binntal (VS) sowie die Biosfera Val Müstair (GR). Der Naturpark Sihlwald (ZH) kandidiert für die Anerkennung als «Naturerlebnispark», und das seit 2001 als Unesco-Biosphäre ausgezeichnete Entlebuch hat soeben die Anerkennung als «regionaler Naturpark» erhalten.

Ein Grund für den Parkboom: das revidierte Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG). Nachdem es im Dezember 2007 in Kraft getreten war, gingen Anfang 2008 die ersten Gesuche für das Parklabel beim Bafu ein. Unter den Anwärtern sind auch «Regio plus»-Projekte, die in den letzten Jahren vom Bund mitgetragen wurden. Dank dem NHG sollen nun neue Parks von nationaler Bedeutung geschaffen werden. Der Bund hat dafür jährlich wachsende Unterstützungsbeiträge reserviert, im Jahr 2011 sollen zehn Millionen Franken fliessen. Weitere Gelder in Millionenhöhe sind von den Kantonen und Gemeinden sowie Sponsoren zu erwarten. Das Ziel der Anwärter ist das markengeschützte grüne Parklabel des Bafu - für Tourismusregionen sicher ein wichtiger Trumpf, um noch mehr Gäste anzulocken.

So sind ausser den zehn eingereichten Vorhaben «noch einmal ein gutes Dutzend weitere Projekte in Vorbereitung», wie Christine Fehr von Pro Natura informiert. «Den Regionen geht es oft mehr ums Geld und ums Prestige als um die Natur, das ist normal», meint Fehr. Es sei wichtig, auf regionale Initiativen zu bauen, und die meisten Parkprojekte seien in den Regionen gut verankert und würden von engagierten Leuten getragen. Natur und Landschaft müssten aber profitieren, sonst sei der Einsatz von Naturschutzgeldern nicht gerechtfertigt. «Man kann nicht immer den Fünfer und das Weggli haben», meint Fehr. «Einen Park einfach um die Umweltsünden herum anzulegen ist zum Beispiel wenig sinnvoll.»

Das sagt ebenfalls die Pärkeverordnung. In der Kategorie «regionaler Naturpark», für die am meisten Gesuche eingingen, gilt gemäss Bafu als Voraussetzung für die Labelvergabe: «Das gesamte Gemeindegebiet ist grundsätzlich im Perimeter enthalten. Damit wird eine ganzheitliche nachhaltige Entwicklung sichergestellt.» Die Vorgabe soll verhindern, dass eine Region nur solche Gemeindegebiete in den Park aufnimmt, die naturnah sind - und Skipisten, Zweitwohnungen, Hotelbauten, Wasserkraftwerke oder anderes elegant ausspart. Exakt das ist beim bündnerischen Ela-Projekt aber teils der Fall: In dem eingereichten Perimeter sind das Skigebiet Savognin sowie jene Teilflächen, die in die Einzugsgebiete der Tourismushochburgen Lenzerheide und Arosa fallen, vom Parkperimeter ausgenommen.

Wie kommt das? «Die Prüfung des Dossiers läuft jetzt. Eine Übergangslösung für die Phase der Errichtung des Parks wurde vereinbart», sagt Bruno Stephan Walder, Chef Sektion Landschaften von nationaler Bedeutung beim Bafu. Also gibt es, wie bei Ela, für alle Parkprojekte Ausnahmen nach Belieben? Walder: «Die rechtliche Ausgangslage ist klar: Es gibt für den Betrieb nur dann ein Parklabel, wenn das gesamte Gemeindegebiet im Park eingeschlossen wird.» Im Klartext: Die Bündner werden für ihren Ela-Park, sobald der Versuchsbetrieb abgelaufen ist, wohl eine gesetzeskonforme Lösung finden müssen. «Die Massnahmen für die zukünftige Gestaltung des Parks legt die Region selber fest und vereinbart sie mit Kanton und Bund», sagt Walder, «dafür werden sie finanziell unterstützt.»

Papierkrieg für das «Parc Ela»-Projekt

Die Parkanwärter-Dossiers werden nun vom Bund geprüft, Experten aus Bern statten den Parkregionen «Evaluationsbesuche» ab. Entscheidend ist, heisst es beim Bafu, «ob die erforderliche Qualität von Landschaft und Natur gegeben ist, ob das Parkprojekt in der Region verankert ist und ob die geplanten Projekte insgesamt machbar sind». Im September wird wohl entschieden, wer das Label erhält und wie hoch der Geldsegen ausfallen wird.

Eins ist beim «Parc Ela»-Projekt klar: Auf die leichte Schulter nahmen die Initianten ihre Kandidatur nicht. Um alle Vorgaben zu erfüllen, mussten Projektleiter Dieter Müller und seine Helfer einen Managementplan ausarbeiten: 1200 Seiten umfasste das Gesuch, das die Bündner schliesslich abschickten; für jede der 21 Gemeinden mussten im Anhang rund 40 Excel-Tabellen ausgefüllt werden. «Meiner Meinung nach war das unverhältnismässig», sagt Müller enerviert. Und denkt man an den Papierverbrauch, muss man schon fast von einer Umweltsünde sprechen.

Nationalpark: 150'000 Besucher pro Jahr

Bereits 1914 wurde das 170 Quadratkilometer grosse Areal im Gebiet zwischen Zernez, Scuol und Lavin eingeweiht. Heute strömen jährlich rund 150'000 Menschen in den Park, was eine direkte touristische Wertschöpfung von etwa zehn Millionen Franken und indirekte Einkünfte von etwa sieben Millionen Franken ausmacht.


Pläne, den Nationalpark zu vergrössern oder neue Nationalparks zu gründen, existieren schon lange. Doch weil die Natur in einer Kernzone gänzlich sich selbst überlassen werden muss und sehr strenge Vorschriften bestehen, sind solche Parks schwierig zu realisieren; in den letzten Jahren kam es nur zu kleineren Erweiterungen des bestehenden Nationalparks, 2001 scheiterte ein grösseres Ausbauvorhaben. Seit einigen Jahren drängt vor allem Pro Natura auf mehr Engagement: Die Organisation will bis 2010 «mindestens einen neuen Nationalpark». Zwei Anwärter, die bereits jetzt von Bund und Kantonen unterstützt werden, gibt es: Locarnese Vallemaggia (TI) und Parc Adula (TI/GR).

Veröffentlicht am 08. Mai 2008