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2010Das Jahr der Vielfalt

Ob am Amazonas, am Mekong oder in der Tiefsee: Forscher haben im Jahr 2010 Tausende neuer Arten aufgespürt. Andere Wissenschaftler machten sich auf die Suche nach dem hellsten Stern oder nach dem kleinsten Atompartikel.

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Biodiversi… – was? Ein Grossteil der Bevölkerung verstand wohl nicht, wovon Bundesrat Moritz Leuenberger sprach, als er am 12. Januar das «Jahr der Biodiversität» ausrief. Inzwischen sieht die Sache anders aus:

Einen positiven Einfluss auf die Umwelt bescherte auch die Wirtschaftskrise. So liessen die USA im Mai verlauten, der CO2-Ausstoss des Landes sei 2009 um sieben Prozent zurückgegangen. Auch aus der Schweiz gab es Positives zu vermelden: Nach jahrelangem Zögern setzte der Bundesrat eine Verordnung zum Schutz der letzten artenreichen Wiesen und Weiden in Kraft. Zudem ist derzeit eine Strategie zum Schutz der biologischen Vielfalt in ­Arbeit; nächstes Jahr soll sie dem Bundesrat vorgelegt werden. Überhaupt nicht ins «Jahr der Biodiversität» passte dagegen der Entscheid des National­rats, den Schutz des Wolfs zu lockern.

Erschütterung und Erheiterung

Für Zerstörung und Leid sorgten dieses Jahr mehrere ungewöhnlich grosse Natur- und Umweltkatastrophen. Am 12. Januar ereignete sich in Haiti eines der schlimmsten Erdbeben aller Zeiten. Rund 300 000 Menschen kamen ums Leben, über eine Million verloren ihr Zuhause. Am 20. April explodierte im Golf von Mexiko die Ölbohrplattform «Deepwater Horizon»: An die 700 Mil­lionen Liter Öl flossen ins Meer – die Folgen für die Umwelt sind noch nicht abzuschätzen. Im Sommer stand zeitweise ein Fünftel Paki­stans unter Wasser, und in Russ­land brannten wochenlang die Wälder.

Andere Meldungen wiederum sorgten für Erheiterung. So liess uns die Wissenschaft wissen, dass die urzeitlichen Säbelzahntiger keine Machos waren, dass Affen gerne fernsehen oder dass es Austern gibt, die auf Bäume klettern können. Forscher fanden die Versteinerung eines Krokodils, das einer Hauskatze ähnlich sah, andere Wissenschaftler entdeckten eine Affenart, deren Nasenlöcher nach oben gerichtet sind – wenn es regnet, muss das Tier häufig niesen. Manchmal zeigt sich die Biodiversität auch von der humorvolle Seite.

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(Bild: Brett Eloff/Lee Berger/Uni Witwatersrand)

  • 8. April: Anthropologen machen publik, dass sie in Südafrika zwei rund zwei Millionen Jahre alte Skelette gefunden haben, die womöglich das Bindeglied zwischen dem ersten Menschen und seinem affenähnlichen Vorfahren sind. Sie geben der neuen Art den Namen Australo-pithecus sediba (Bild).

  • 12. Juli: Physiker des Paul-Scherrer-Instituts messen den Radius des Protons nach. Er beträgt nur 0,84184 Femtometer und ist damit kleiner als bisher angenommen (ein Femtometer entspricht 10-15 Metern). Nun müssen mehrere zentrale Theorien und Konstanten neu definiert werden.

  • 21. Juli: Astronomen entdecken einen Stern, der alle Rekorde sprengt: Er leuchtet zehn Millionen Mal heller als die Sonne und ist 265 Mal schwerer. Damit dürfte der Feuerball gemäss gängigen Theorien gar nicht existieren.

  • 6. Oktober: Ein glatzköpfiger Vogel, ein Fisch mit Vampirzähnen und eine sieben Meter hohe fleischfressende Pflanze: Das sind drei von 145 neuen Arten, die Forscher laut einem Bericht des WWF innert nur eines Jahres am Mekong-Fluss in Südostasien entdeckt haben.

  • 26. Oktober: Ein weiterer WWF-Report listet alle Arten auf, die seit 1999 im Amazonas-Regenwald entdeckt wurden: 1200 bisher unbe­kannte Arten, darunter 216 Amphibien-, 55 Rep­tilien-, 16 Vogel- und 39 Säugetierarten. Das entspricht einer Neuentdeckung an jedem dritten Tag.

Ein ganzes Universum voll bizarrer Schönheit – das fanden Forscher vor, als sie sich in den Ozeanen der Welt auf die Suche nach unbekannten Arten machten. Mehr als 2700 Wissenschaftler waren an dieser bislang grössten Inventur namens «Census of Marine Life» beteiligt. Am 12. Oktober 2010, nach zehn Jahren, stellen sie ihre Funde vor: rund 1200 bis dahin unbekannte Arten, darunter eine kleine Tiefseekrabbe der Gattung Neolithodes (Bild). Weitere 5000 Arten sind ebenfalls «neu», warten aber noch auf eine ausreichende Beschreibung. Und auch das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem noch immer unbekannten Panoptikum der Meeresbe­wohner:Die Ozeanologen schätzen, dass in den Meeren über eine Million Arten höherer Lebewesen leben – der Wissenschaft ins Netz gegangen ist erst ein Viertel.

(Foto: Cern)

  • 30. März: Im Teilchenbeschleuniger (Bild) am Cern bei Genf lassen Physiker Protononen-strahlen mit bislang unerreichter Energie von je 3,5 Teraelektronenvolt kollidieren. Ziel ist es, ein Teilchen namens Higgs-Boson nachzuweisen, das bisher nur theoretisch beschrieben wurde.

  • 6. Mai: Anthropologen melden, dass etwa ein bis vier Prozent des menschlichen Erbguts vom Neandertaler stammen. Damit ist bewiesen, dass sich Neandertaler und moderner Mensch gepaart haben. Das Neandertaler-Genom ist bereits zu 60 Prozent entschlüsselt.

  • 7. Juli: «Solar Impulse», das Solarflugzeug von Bertrand Piccard, startet zu seinem bisher längsten Flug: Über 26 Stunden bleibt das Flugzeug in der Luft. Dabei gelangt es auf eine Höhe von 9235 Metern über Meer.

  • 27. Juli: Das Welterbekomitee der Unesco streicht die Galapagosinseln von der Roten Liste der gefährdeten Naturdenkmäler. Das Gremium ist zum Schluss gekommen, dass der Archipel mit seiner einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt nicht mehr unmittelbar bedroht ist.

  • 28. Oktober: Die Solar Millennium AG informiert, dass sie in Kalifornien noch im Jahr 2010 mit dem Bau des weltgrössten Solarkraftwerks beginnen will. Es wird mit 1000 Megawatt Leistung mehr Strom produzieren als etliche AKW. Gleichzeitig wird in der Mojave-Wüste der Grundstein für ein weiteres Solar-Grosskraftwerk mit einer Leistung von 370 Megawatt gelegt.
(Foto: Nasa)

Zum 20. Geburtstag des Hubble-Weltraumteleskops veröffentlicht die US-Raumfahrtbehörde Nasa im April diese atemberaubende Auf­nahme aus dem Carina-Nebel.

Das Bild mit dem Titel «Mystische Berge» zeigt riesige Säulen aus heissen Gasen und Staub. In der 7500 Lichtjahre entfernten Region entstehen laufend neue Sterne.
Die heisse Brutstätte wird vom Licht naher Sterne angestrahlt, junge Sterne innerhalb der Gas­wolke stossen Teilchenströme aus.

Unser Auge im Weltall, wie das Hubble-Teleskop auch genannt wird, ist eine beispiellose Erfolgs­geschichte. Es hat mit seinen beein­druckenden Bildern bei Laien das Interesse am Kosmos neu entfacht und die Astronomen begeistert. In seinem bisher 20 Jahre währenden Einsatz hat es rund eine Million Beobachtungen durchgeführt und etwa 600'000 Bil­der geschossen und zur Erde gefunkt. Dank Hubbles Auf­nahmen spezieller Sterne – der Cepheiden – kennen wir auch das Alter des Universums genauer als zuvor: Gemäss den Berechnungen, die auf diesen Aufnahmen basieren, entstand das All vor 13,6 Milliarden Jahren.

Mit Hubble sind tiefere Blicke ins All möglich als jemals zuvor. So gelang auch die Beobachtung der ältesten bekannten Galaxie: Ihr Licht ist seit 13,1 Milliarden Jahren unterwegs und wurde erstmals mit Hubble registriert. Im Herbst konnte diese Beob­achtung mit dem «Very Large Tele­scope» in Chile bestätigt werden.
(Stefan Stöcklin)

(Foto: Sandor H. SZabo/Keystone)

  • 12. Januar: Ein verheerendes Erdbeben verwüs­tet Teile von Haiti. 250'000 bis 300'000 Menschen sterben; 1,2 Millionen werden obdachlos. Mitte Februar: In der Antarktis kracht ein gigantischer Eisberg in eine Gletscherzunge. Dabei bricht ein neuer Eisberg von der Grösse Luxemburgs ab – ein Jahrhundertereignis.

  • 20. März: Der isländische Vulkan Eyjafjöll bricht aus und legt durch seine Aschewolke zeit­weise den Flugverkehr in Westeuropa lahm. 20. April: Eine Explosion auf der Bohrplattform «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko verur-sacht die grösste Ölkatastrophe aller Zeiten: Bis zur Versiegelung des Bohrlochs am 15. Juli strömen rund 700 Millionen Liter Öl ins Meer.

  • 26. Juli: Erste Berichte über riesige Wald- und Moorbrände in Russland treffen ein. Insgesamt brennen rund 700 Feuer auf 190'000 Hektaren. Auch Atomanlagen geraten in Gefahr.

  • 27. Juli: In Pakistan kommt es zu massiven Überschwemmungen. Ein Fünftel des Landes steht unter Wasser, über 1700 Menschen sterben, 18 Millionen werden obdachlos.

  • 4. Oktober: In einem Aluminiumwerk in Ungarn bricht der Damm eines Auffangbeckens. Giftiger Bauxitschlamm ergiesst sich über mehrere Dörfer (Bild) und verseucht 40 Quadratkilometer Land. Neun Menschen sterben.
(Foto: Adi Weda/EPA/Keystone)

Die Geister des Merapi schlagen wieder zu – und diesmal mit voller Wucht: Seit 80 Jahren waren die Ausbrüche des Vulkans auf Java nicht mehr so intensiv wie am 26. Oktober. Rund zwei Dutzend Dörfer werden zerstört; über 300 Menschen sterben, rund 400'000 müssen fliehen. Zeitweise bedrohen die Glutwolken die Vorstädte der Millionenstadt Yogyakarta, die nur 20 Kilometer entfernt liegt. Besonders heimtückisch sind die für den Vulkan typischen «Nuées ardentes», rund 900 Grad heisse Wolken aus Asche und Gasen, die mit rasender Geschwindigkeit die Hänge hinunterrasen.

Der Merapi gilt als aktivster und gefährlichster Vulkan Indonesiens. Seit 1548 ist er 68 Mal ausgebrochen. Im Glauben der Einheimischen ist der «Feuer­berg» auch Hort von Geistern und Dämonen.

Veröffentlicht am 2010 M11 26