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Cargo-TramIch bin auch ein Müllschlucker

Bild: Getty Images

In Zürich muss niemand verzweifeln, der einen vollen Keller, aber kein Auto hat: Das Cargo-Tram holt Sperrgut und Metall in den Quartieren ab. Und nebenbei sorgt es für soziale Kontakte und handfeste Wutanfälle.

von Beat Grossrieder

Die Presse schnauft und ächzt, doch auch mit diesem einstmals guten Stück wird sie fertig: Die hydraulischen Metallgreifer drücken das Badezimmerschränkchen tiefer und tiefer in den Container hinein, bis ein lautes Knacken und Krachen den Übergang vom Möbel zum Kleinholz verkündet. Sogleich folgt das nächste Objekt: ein Bücherregal. Die Mitarbeiter von ERZ Entsorgung und Recycling Zürich haben an diesem Donnerstag im September alle Hände voll zu tun, denn bald steht der nächste offizielle Zügeltermin an, der 1. Oktober.

Eine Kuhglocke mit Edelweiss-Stickereien. Ein Wäscheständer. Ein Coca-Cola-Sonnenschirm. Eine dunkelgraue Polstergruppe. Ein Bürostuhl mit fehlender Rückenlehne. Ein Wurzelstock.

Bis zu elf Tonnen Abfall pro Tag
Es scheint, als wäre die halbe Stadt auf den Beinen, um lästiges Sperrgut und Metallwaren zu entsorgen. In der Stadt Zürich braucht man dafür nicht alles in ein Auto zu laden und in die Recyclinganlage zu fahren. Da 40 Prozent der Stadtbewohner kein Auto haben, fährt das Cargo-Tram zu den Leuten in die Quartiere hinaus. An diesem Tag steht es in Seebach, der Endstation der Nummer 14.

Ein Fuder Dachlatten. Ein geflochtener Früchtekorb. Ein Fischernetz an einem langen Stab. Ein schwarzes Metall-CD-Regal in Form des Eiffelturms. Ein Plastik-Spielzeugbagger. Ein zerzauster Plüschleopard.

Das Cargo-Tram gibt es seit April 2003. Zuerst bediente es versuchsweise vier Endstationen, heute sind es deren neun. 2006 kam das E-Tram hinzu, das Elektroschrott wie Staubsauger, Bügeleisen, Fernseher, Küchengeräte et cetera entsorgt. «Pro Sammeltag nimmt das Cargo-Tram, verstärkt durch einen Lastwagen, bis zu elf Tonnen Abfall auf, rund 200 Personen nützen die Dienstleistung jeweils», informiert ERZ-Sprecherin Diana Sbalzarini. Vier bis sechs Mitarbeiter von ERZ und den Verkehrsbetrieben VBZ stehen den Entsorgungswilligen mit Rat und Tat zur Seite.

Ein Vogelkäfig. Ein Zelt. Ein mobiler Plastik-Kindersandkasten in Form einer Schildkröte. Ein rostiges Ölfass. Ein Beil. Ein Katzenklo mit Inhalt.

Dabei muss die Kundschaft vor allem eine Spielregel beachten: Das Angebot ist kostenlos, darf aber «ausschliesslich von Fussgängern, Radfahrern und Benutzern des öffentlichen Verkehrs genutzt werden», wie es auf dem Cargo-Flyer heisst, der in jeden Haushalt verschickt wird. Im Klartext: Wer seinen Ramsch mit dem Auto anliefert, wird abgewiesen. Wer aber ohne PW kommt, kann vor Ort einen Handwagen ausleihen und so viel Ware anschleppen, wie er oder sie will.

Ein Bügelbrett aus weissem Metall. Ein Handrasenmäher. Ein rostiger Töffliauspuff. Zwei Hockeyschläger. Ein Benzinkanister aus Blech. Bauschutt.

Schummeln gilt nicht

Um diese Regeln durchzusetzen, bietet ERZ jeweils einen Securitas-Mann auf. Der Uniformierte patrouilliert bei den Parkplätzen in der Nähe und schaut, dass niemand mit dem Auto vorfährt und den Müll einfach noch die letzten Meter zum Tram trägt. Wer es dennoch versucht, wird aufgefordert, sich auszuweisen; Einwohner von Zürich erhalten dann einen Gutschein und können ihren Ballast gratis beim nächsten Recyclinghof abladen. Auswärtige aber müssen ihren Krempel wieder mitnehmen und die Entsorgung selber organisieren und bezahlen.

Ein Fotostativ. Zwei zusammenklappbare Campingstühle. Ein Toilettenschüsselaufsatz für Kleinkinder. Eine in durchsichtige Plastikfolie eingeschweisste Matratze. Ein Herrenfahrrad. Ein Paar Skier mit Schuhen.

«Zu Beginn der Aktion mussten wir jedes Mal bis zu 150 Fahrzeuge abweisen, ab und zu war sogar die Polizei da», sagt Peter Berner, der Prozessverantwortliche fürs Cargo-Tram. Heute seien es jeweils noch etwa 20, doch manche davon reagierten nach wie vor sehr verärgert. Der Securitas-Angestellte nickt vielsagend, und auch einer der ERZ-Arbeiter, Miloslav Cosic, bedauert das aggressive Auftreten der Abfallsünder. «Viele haben wohl sonst Probleme und lassen ihren ganzen Frust an uns aus.» Tatsächlich kommt es im Verlauf des Nachmittags in Seebach zu mehreren bühnenreifen Wutanfällen von Automobilisten, die partout nicht einsehen wollen, dass sie unerwünscht sind. «Amtsschimmel!», «hirnrissige Paragrafenreiterei!» und Ähnliches mehr muss sich das Cargo-Team anhören.

Zwei Teppichrollen. Eine Theaterkulisse. Ein Hometrainer. Ein gusseiserner Rokokotisch. Eine Schlafzimmergarnitur aus schwarzem Furnierholz. Drei Blumenkisten aus Eternit.

«Zu einem Treffpunkt geworden»

Doch auch andere, freudigere Begegnungen sind zu beobachten: So kommen Quartierbewohner regelmässig zum Cargo-Termin, um heimlich zu schauen, ob sie etwas Brauchbares finden (Tauschhandel ist offiziell nicht gestattet). Sie holen sich beim nahen Kiosk Kaffee, setzen sich auf eine Bank, schauen zu. Andere nutzen die Gelegenheit, um Bekannte zu treffen und zu plaudern. «Manche Leute, vor allem Betagte, freuen sich, dass im Quartier etwas los ist», sagt Peter Berner und begrüsst eine Frau, die jedes Mal kommt und gerne plaudert – eine Stammkundin. Für einige sei das Tram «zu einem Treffpunkt geworden», meint Berner, «sie sind richtig froh, wenn wir alle zwei Wochen vorbeikommen.»

Eine Kühlbox. Eine Yuccapalme aus Plastik. Ein Wagenheber. Ein Rollbrett. Zwei Fussbälle. Ein Abfallkübel Patent Ochsner.

Veröffentlicht am 2006 M10 19