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Elektronik: Viel Schrott landet im Ausland und im Hinterhof

Nur ein Drittel der 110'000 Tonnen Elektronikschrott, die jährlich anfallen, werden gesetzeskonform entsorgt. Der grosse Rest findet einen Weg ins Ausland – oder irgendwohin. Ein neues Finanzierungssystem soll den Wildwuchs eindämmen.

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Die gute Nachricht vorweg: Mit einem Rücklauf von 5,6 Kilo Elektronikschrott pro Einwohner kann sich die Schweiz europaweit sehen lassen. Eine Richtlinie des Europäischen Parlaments strebt eine Quote von vier Kilo pro Einwohner an. «Aus unserer Sicht ist dies ein klarer Erfolg», meint Michel Monteil, Adjunkt im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal).

Und jetzt die schlechte Nachricht: Von den jährlich rund 110'000 Tonnen Elektronikschrott wurden letztes Jahr laut Stiftung Entsorgung Schweiz (S.EN.S) nur 38'800 Tonnen gesetzeskonform entsorgt. «Es muss davon ausgegangen werden, dass neben dem Export von funktionstüchtigen Geräten noch erhebliche Mengen über nicht kontrollierte Wege entsorgt werden», hält die S.EN.S nüchtern fest. Die Stiftung hat mit dem Segen des Buwal in den letzten Jahren ein gesamtschweizerisches Entsorgungssystem für Elektro- und Elektronikgeräte auf privatwirtschaftlicher Basis realisiert.

Nach wie vor ist die Sammelquote erschreckend tief – obwohl seit 1998 die Verordnung über die Rückgabe, Rücknahme und Entsorgung von elektrischen und elektronischen Geräten in Kraft ist. Sie verpflichtet einerseits Konsumentinnen und Konsumenten zu einer Rückgabe der ausgedienten Geräte. Anderseits besteht auch eine Rücknahmepflicht von Herstellern, Importeuren und Handel.

Doch beim Vollzug hapert es. Wohin jene 70'000 Tonnen Elektroschrott wandern, die an keiner Sammelstelle abgegeben werden, weiss niemand. Und wie viel geht zum Beispiel in Form noch funktionstüchtiger Geräte ins Ausland? «Keine Ahnung», sagt S.EN.S-Geschäftsführer Robert Hediger. Auch das Buwal tappt im Dunkeln: «Diese Mengen werden statistisch nicht erfasst.»

Gerade bei Exporten von Occasionsgeräten besteht aber eine riesige Grauzone. Dass all diese Geräte dereinst gemäss in der Schweiz üblichen Standards entsorgt werden, ist eine Illusion. Ausserdem wandern längst nicht nur funktionstüchtige Geräte über die Grenze. Ausländische Schrotthändler sind auch an kaputter Ware interessiert. Doch was unter Plastikfolien verschweisst die Schweizer Grenzen passiert, wird selten überprüft. So bestätigt Buwal-Adjunkt Monteil: «Es ist sehr schwierig, beim Export so genannt funktionstüchtiger Geräte an den Zollstellen entsprechende Kontrollen durchzuführen.»

Zum Teil wird die begehrte Ware auch schlicht geschmuggelt, wie Christoph Solenthaler, Chef einer St. Galler Entsorgungsfirma, erzählt: «Es ist ein offenes Geheimnis, dass Grossgeräte, speziell in Grenzregionen, unter einer Schicht Schrott versteckt ins Ausland verschoben werden.»

Das Nachsehen haben dabei Entsorger und Verwerter wie Solenthaler. Grossgeräte – unter anderem Waschmaschinen und Tumbler – sind wegen ihres hohen Metallanteils für die Recycler viel interessanter als elektronische Kleingeräte; letztere bestehen vor allem aus nicht verwertbarem Kunststoff. Die S.EN.S-Zahlen für 2000 sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache: Während bei den Grossgeräten ein Rückgang von vier Prozent zu verzeichnen war, legten die Klein- und Elektronikgeräte um 23 Prozent zu.

Dabei ist es nicht nur der Export, der zum Rückgang bei den Grossgeräten geführt hat. Seit das Gesetz die fachkundige Entfernung aller schadstoffhaltigen Komponenten und Bauteile («Schadstoffentfrachtung») vorschreibt, landet immer mehr Schrott «bei günstigeren Anbietern ausserhalb des S.EN.S-Entsorgungssystems, die es mit der Schadstoffentfrachtung nicht so genau nehmen», steht im aktuellen S.EN.S-Fachbericht.

Mitverantwortlich für das Schrottproblem ist aber auch der Wildwuchs bei der Finanzierung. Ausser bei der Entsorgungsvignette für Kühlgeräte war es bisher bei allen anderen elektrischen und elektronischen Geräten den Herstellern und dem Handel überlassen, wie sie die Entsorgung finanzierten. Entsprechend verschieden sind die Lösungen: Konsumentinnen und Konsumenten bezahlen heute die Entsorgung entweder versteckt im Produktepreis, offen ausgewiesen als vorgezogene Entsorgungsgebühr oder direkt bei der Abgabe des Geräts – und das alles zu sehr unterschiedlichen Tarifen.

Doch jetzt ist Besserung in Sicht – versprechen zumindest die Hersteller und Importeure. Als Eckpfeiler des neuen Recyclingsystems sind vorgezogene Entsorgungsgebühren für alle Geräte vorgesehen, inklusive ein kontrolliertes Recycling. Nicht ganz freiwillig, hat ihnen doch das Buwal letztes Jahr einen deutlichen Fingerzeig gegeben: «Sollte der Erfolg des Recyclings wegen der unübersichtlichen Finanzierung gefährdet sein, könnte der Bund generell eine vorgezogene Entsorgungsgebühr vorschreiben.»

Erfreulich selbstkritisch setzt sich der S.EN.S-Fachbericht mit der Qualität des bisherigen Recyclings auseinander. Demnach erfüllen zwar alle 20 Betriebe mit S.EN.S-Lizenz die Anforderungen, doch zeigen die Kontrollen verschiedene Schwachstellen auf: So tun sich Entsorgungsbetriebe, die nicht ISO-14001-zertifiziert sind, mit dem Nachweis schwer, dass sie ihre Stoffflüsse auch tatsächlich im Griff haben und die Ware gesetzeskonform entsorgen. Ende 2000 war erst die Hälfte der lizenzierten Betriebe entsprechend zertifiziert. Zudem wiesen zwei Betriebe bei ihren Datenaufzeichnungen grosse Abweichungen auf.

Ein weiteres Problem sind die schwarzen Schafe unter den 250 offiziellen S.EN.S-Sammelstellen. Denn nicht alle halten sich an die vertragliche Pflicht, die eingesammelten Geräte nur an lizenzierte Verwerter weiterzugeben. So landen ab und zu Kühlschränke und anderes in dubiosen Hinterhofbetrieben – gegen gutes Geld. Diesen unsauberen Nebengeschäften wird nun ein Riegel geschoben: Seit August kontrolliert ein Securitas-Team alle Sammelstellen.

Veröffentlicht am 10. September 2001