1. Home
  2. Umwelt
  3. Ökologie
  4. Ökobilanz: Banknoten

ÖkobilanzBanknoten

Banknoten
Heizen mit Geld: Fernwärmebezüger in Bern und Zürich wärmen sich jährlich an 80 Tonnen Banknoten. Bild: David Adair/Ex-Press

Papier, Druck, Unterhalt und Entsorgung: Wie ökologisch ist unser Geld?

von Alexandra von Ascheraden

Egal, welcher Geldwert auf einer Bank­note steht, ihre Herstellung hat 30 Rappen gekostet. Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von drei Jahren macht das zehn Rappen pro Jahr. Deutlich teurer ist ihr Unterhalt. Statistisch gesehen kommt jede Note pro Jahr eineinhalbmal bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vorbei. Transport, Sortieren, Echtheits- und Qualitätskontrolle sowie Lagerung kosten pro Jahr und Note 20 Rappen. Die Aufwendung für eine Banknote beläuft sich demnach auf 30 Rappen pro Jahr. Weil die Zahl der Noten sehr hoch ist, macht der Bargeldverkehr gut die Hälfte der Betriebskosten der SNB aus.

Diese vom Bund beauftragte, aber unabhängige Zentralbank deklariert in ihrem Umweltleitbild: «Wir sorgen dafür, dass unsere Banknoten aus umweltverträglichen Rohstoffen bestehen sowie möglichst umweltschonend konzipiert, produziert, verteilt, verarbeitet und entsorgt werden.» Um Worten Taten folgen zu lassen, hat die SNB eine Ökobilanz für die aktuelle Notenserie erstellt, streng nach ISO-Norm 14040. Die Erhebung erfolgte auf Basis der durchschnittlich 93 Tonnen druckfrischer Banknoten, die die Nationalbank jährlich bei der Druckerei Orell Füssli bezieht.

Allein 2012 kamen 69,7 Millionen druckfrische Noten im Nominalwert von 4,4 Milliarden Franken neu in Umlauf. Gleich­zeitig vernichtete die SNB 56,8 Millionen beschädigte oder zurückgerufene Noten. Zurzeit sind rund 358 Millionen Schweizer Banknoten mit einem Nominalwert von fast 55 Milliarden Franken im Umlauf. Was den Wert betrifft, machen die Tausendernoten den grössten Anteil aus; die Nach­frage danach hat überdurchschnittlich stark zugenommen. «In den letzten Jahren gab es ein relativ starkes Wachstum beim Noten­umlauf», sagt SNB-Sprecher Walter Meier. «Das hat wohl mit der Finanzkrise zu tun und mit der Neigung im In- und Ausland, Schweizer Banknoten vermehrt als Wertaufbewahrungsmittel zu verwenden.» In Zeiten tiefer Zinsen seien die «Kos­ten» für Bargeldhaltung eher gering, da man auf Bankeinlagen kaum Zins bekomme.

Die Papierproduktion und der Druck machen ein Drittel der gesamten Umweltbelastung einer Schweizer Banknote aus. Sie besteht aus Spezialpapier, das aus Kämmlingen und Linters hergestellt wird. Das sind kurze Fasern, die bei der Baumwollverarbeitung als Nebenprodukt anfallen. Baumwolle muss es sein, damit die Banknoten langlebiger sind. Verarbeitet wird der Rohstoff von der Firma Landqart, die auch Papier für Pässe und Visa produziert. Das Grundrezept der Papiermasse kennen nur drei Personen im Unternehmen in Landquart. Als Sicherheitsmerkmale arbeitet die Papiermaschine Wasserzeichen und Silberfaden ein. Nach dem Trocknen werden die Bögen geglättet und zur besseren Bedruckbarkeit mit Stärke ­behandelt.

Bei der Berechnung der Ökobilanz stellt die Baumwolle eine Schwierigkeit dar. Zwar verwendet man nur Abfälle aus der Baumwollverarbeitung, was sich durchaus gut macht. Allerdings können die durch den Transport in die Schweiz verursachten Emissio­nen nicht berücksichtigt werden, da nicht bekannt ist, woher das Material stammt. Die mit Anbau und Verarbeitung der Baumwolle verbundene Umweltbelas­tung, etwa durch Pestizide, schlägt trotzdem mit zehn Prozent der Gesamtbelas­tung zu Buche. «Wir prüfen den Einsatz ­biologisch angebauter Baumwolle», sagt Claudia Kopp, Umweltbeauftragte der SNB. «Das ist jedoch abhängig von der ­Verfügbarkeit und der Qualität. Vielleicht sind wir bei der Einführung der neuen Noten­serie so weit.» Die kommt frühestens 2015, denn die neuen Sicherheitsmerkmale massenproduktionstauglich zu machen, ist schwieriger als erwartet.

Gift von unseren Händen

Das Papier wird an die Sicherheitsdruckerei Orell Füssli in Zürich geliefert. Die Druckfarbe muss 18 verschiedenen Chemikalien trotzen, gegen Licht resistent sein und sogar dem Kochprogramm der Waschmaschine standhalten. Biofarben sind da nicht geeignet. Die verwendeten Farben und Lacke enthalten ein bis fünf Prozent Stoffe der Giftklassen 3 oder 4. Das summiert sich zu 400 Kilogramm pro Jahr. Die Siebdruckfarbe besteht sogar zur Hälfte aus Stoffen der Giftklasse 4 oder 5. Doch keine Sorge: Nach dem Eintrocknen sind Farben und Lacke nicht mehr toxisch.

Andere Giftstoffe bleiben bei der Zirkulation von Hand zu Hand an den Noten ­haften. Dank dieser Spuren kann man sogar Daten über Drogenkonsum erheben. Die Nationalbank sieht sich aber ausserstande, diese Kleinstmengen mit vernünftigem Aufwand abzuschätzen, und hat sie nicht in die Ökobilanz aufgenommen.

Auf jedem Druckbogen finden fünf ­Reihen mit je sieben absolut identischen Banknoten Platz. Eine Maschine verpasst ihnen die Seriennummer und macht sie so zu Unikaten. Ein Lack verlängert ihre Haltbarkeit. Dann werden sie überprüft und geschnitten, in Plastik verschweisst, in ­Kis­ten verpackt und an die Nationalbank in Bern geliefert. «Natürlich nutzen wir Lastwagen, die den neusten Euronormen entsprechen. Sie können aber nicht so umweltfreundlich sein, wie wir das gerne hätten. Sie müssen schliesslich gepanzert sein und haben einen Kraftstoffverbrauch, der ihrem hohen Gewicht entspricht», sagt Claudia Kopp. Sicherheit geht bei Bank­noten eben vor.

Im Laufe ihres Lebens kommt jede ­Note fünf- bis sechsmal «nach Hause» zur Nationalbank. Dort läuft sie durch den Sortierautomaten, der beschädigte und verschmutzte Noten aussondert und umgehend zerstört. Dieses Schicksal ereilt ­rund ein Fünftel aller kontrollierten Noten. Die Sortierautomaten werden, wie bei der Nationalbank üblich, mit Strom aus er­neuerbaren Quellen betrieben.

Der Anspruch auf tadellosen Zustand des Geldes und die gut schweizerische Sorgfalt schlagen sich in der Ökobilanz gewaltig nieder. Die «Pflege» ist für fast die Hälfte der Umweltbelastung verantwortlich. Wir erinnern uns: Die Produktion macht lediglich ein Drittel aus. Eigentlich verwunderlich, weil dafür grosse Maschinen eingesetzt werden. Allerdings: Das Papier ist binnen weniger Wochen hergestellt, und die neuen Banknoten sind innert weniger Monate gedruckt. Die Sortieran­lagen der SNB dagegen sind ganzjährig in Betrieb. Wie auch die Klimaanlagen der gesicherten Räume, in denen Lagerarbeiter gewichtige Lieferungen für die Banken zusammenstellen. Das hohe Gewicht wiederum sorgt für hohen Treibstoffverbrauch beim Transport.

In die Ökobilanz fliesst auch die Lebensdauer der SNB-Infrastruktur mit ein. Fahrzeuge werden nach fünf bis zehn Jahren ersetzt, Maschinen wie die Sortierautomaten erst nach bis zu 60 Jahren. Richtig nachhaltig sind die Tresore: Für sie wurde eine Lebensdauer von 100 Jahren veranschlagt.

Das Volumen der Treibhausgasemissio­nen für die jährlich neu gedruckten Banknoten beträgt etwa 1,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente. Ungefähr gleich viel wird bei der Verbrennung von 650 000 Litern «Heizöl extraleicht» freigesetzt; damit kann man ein Jahr lang 200 Einfamilienhäuser beheizen.

Das Fazit der Nationalbank: «Unsere Banknoten sind kein besonders umweltkritisches Produkt. Trotzdem entspricht die Umweltbelastung der Banknoten etwa zwei Dritteln der gesamten Umweltbelas­tung der Nationalbank.» Für diesen überraschend hohen Anteil seien die enorme Menge der umgesetzten Noten und der hohe Stromverbrauch, vor allem bei Lagerung und Verarbeitung, ausschlaggebend.

Wärme, Recycling oder Kompost?

Immerhin nehmen die Noten ein umweltfreundliches Ende. Der in die Sortierautomaten integrierte Schredder schneidet aussortierte Geldscheine in Papierstreifen, die so fein sind, dass Puzzle spielen aussichtslos wäre. Die Schnipsel werden gepresst und verbrannt. Banknoten haben ­etwa den gleichen Brennwert wie gewöhnliches ­Papier. In Bern und Zürich wärmen sich Fernwärmebezüger die Füsse an 80 Ton­nen Banknoten pro Jahr. Darin stecken rund 400'000 Kilowattstunden (kWh) Energie. Dank eines Wirkungsgrads von 80 Pro­zent werden in der Zürcher Kehrichtverbrennungsanlage Hagenholz rund 160'000 kWh Heizenergie freigesetzt. Damit lassen sich acht Einfamilienhäuser à 200 Quadratmeter Wohnfläche ein Jahr lang beheizen.

Bei der Energiezentrale Forsthaus in Bern konnte man sich auf Anfrage zwar erinnern, dass bis vor zehn Jahren regelmässig ein Geldtransporter der Nationalbank ausgemustertes Geld im Kehrichtbunker ablud. Der komme aber schon lange nicht mehr. SNB-Mediensprecher Walter Meier konnte das Rätsel doch noch lüften: «Die geschredderten Banknoten werden durch den städtischen Abfallentsorgungsdienst direkt bei der SNB abgeholt.» Das dürfte die Ökobilanz noch ein klein wenig verbessern, da der Kehricht nicht in einer Extra­fahrt mit schweren gepanzerten Fahrzeugen eingesammelt wird.

Bei der Erstellung ihrer Ökobilanz hat die SNB ausgerechnet, ob es günstiger ­wäre, die alten Noten wiederzuverwerten oder sie zu kompostieren, statt sie einfach zu verheizen. Ergebnis: Rein ökologisch betrachtet wäre das Ergebnis gleichwertig. So geht am Ende all unser Geld in der öffentlichen Kehrichtverbrennungsanlage in Rauch auf. Banknoten sind eben doch nur Papier.

Die Tausendernote ist die «grünste» Note

Die häufigste Banknote ist die Hunderternote. Sie macht mit 95 Millionen Stück gut ein Viertel aller zirkulierenden Scheine aus. An zweiter Stelle steht die Zwanziger­note mit 77 Millionen Stück und einem Anteil von gut einem Fünftel. Es folgen Zehner-, Fünf­ziger- und Zweihunderter­note. Nur neun Prozent, also 33 Millionen Stück, sind Tausendernoten, dennoch umfassen sie 60 Prozent des Nennwerts aller zirkulierenden Noten.

Da sie oft zur Wertaufbewahrung genutzt werden, liegen Tausendernoten in grosser Zahl in Tresoren oder Teedosen und bleiben wie neu. Erst nach über 14 Jahren im Umlauf ist ein Tausender so abgenutzt, dass er aussortiert wird. Tausendernoten sind daher die umweltfreundlichsten Scheine.

Die beliebteste Note hat die schlechteste Ökobilanz: Die Zwanzigernote muss nach bloss zwei Jahren ersetzt werden. Nur wenig länger macht es die Fünfzigernote. Die Zehner­noten überdauern fast drei, die Hun­derternoten knapp vier Jahre, ­bevor sie geschreddert werden und die Hände wärmen, durch deren Finger sie einst rannen.

Veröffentlicht am 2014 M02 10