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Interview Renate Schubert«Familien mit Kindern sind umweltbewusster»

Bild: Nathalie Bissig

Energie sparen? Das finden alle gut. Doch Verhaltensänderungen zugunsten der Umwelt fallen den meisten Menschen schwer. Warum, weiss die ETH-Ökonomin Renate Schubert.

von Üsé Meyer

Beobachter: Renate Schubert, wenn wir sehen, wie Donald Duck am Ast sägt, auf dem er sitzt, finden wir das amüsant. Dass wir im Umgang mit der Umwelt dasselbe tun, scheint uns nicht bewusst zu sein.
Renate Schubert: Absolut. Dabei zeigen Studien ja gerade, dass wir – um einen globalen Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad zu verhindern – unseren CO2-Ausstoss in kurzer Zeit drastisch reduzieren müssen.

Beobachter: Sind wir dumm, naiv oder einfach äusserst gut im Verdrängen?
Schubert: Die Krux beim Klimaproblem ist: Man siehts nicht, man fühlts nicht und man riechts nicht. Es ist im alltäglichen Leben kaum präsent. Also glaubt man, dass es so schlimm nicht sein kann, und schiebt das Problem in die Zukunft. Ausserdem wäre man halt auch gezwungen, seine Gewohnheiten ein wenig zu ändern – und wer tut das schon gern?

Beobachter: Warum haben wir solche Mühe damit, unser Verhalten zu ändern?
Schubert: Zum Teil liegt es schlicht daran, dass viele gar nicht genau wissen, was sie tun könnten – beziehungsweise was sie vermeiden müssten. Andere denken, dass es das Klima ja nicht rettet, wenn nur sie allein etwas machen – und lassen es darum sein.

Beobachter: Eine Theorie besagt, dass Menschen stark von der Erwartung einer Belohnung oder eines Gewinns angetrieben werden. Wie hoch müsste denn der Gewinn sein, damit wir bereit sind, unser Verhalten zu ändern?
Schubert: Empirische Studien zeigen, dass wir einen Schaden doppelt so stark empfinden wie den Nutzen bei einem vergleichbar grossen Gewinn.

Beobachter: Das hört sich reichlich theoretisch an.
Schubert: Hier, ich schenke Ihnen meine Kaffeetasse. Nehme ich Ihnen diese nun wieder weg, ist das für Sie grässlich. Damit Sie sich wieder gleich gut fühlen wie zu Beginn, muss ich Ihnen nun zwei Tassen schenken. So verhält es sich auch mit einer Verhaltensänderung: Der Mensch ist nur bereit, etwas zu ändern, wenn der Verlust, den er dadurch erleidet, mit einem viel grösseren Gewinn wettgemacht wird.

Beobachter: Wie stark hängt die Bereitschaft zur Veränderung von der Persönlichkeit ab?
Schubert: Das ist schwierig zu sagen. Wir wissen, dass Frauen geneigter sind als Männer, in Sachen Umweltschutz etwas zu tun. Das könnte daran liegen, dass Frauen im Durchschnitt mehr an ihrem Umfeld interessiert sind und Wert darauf legen, dass es allen gutgeht – da gehört eine intakte Umwelt dazu.

Beobachter: Macht es einen Unterschied, ob man Kinder hat?
Schubert: Um bei Ihrem Bild zu bleiben: Man sägt ja auch am Ast, auf dem die Kinder und Kindeskinder sitzen. Darum: Familien mit Kindern sind schon eher energie- und umweltbewusst.

Beobachter: Da sind dann die Eltern Vorbilder...
Schubert: ...und umgekehrt tragen die Kinder auch immer mehr den Umweltgedanken in ihre Familien. Aber klar, der Vorbildeffekt hat einen sehr grossen Einfluss auf die Menschen. Auch im Job. Man weiss aus US-Studien, dass Firmenchefs, die nur noch einen kleinen Hybridwagen fahren, von den Angestellten nachgemacht werden. Unabhängig davon, ob denen die Umwelt besonders am Herzen liegt, finden sie es plötzlich schick. Auch Prominente haben eine starke Vorbildfunktion und können Trends setzen.

Beobachter: Ein vermeintliches Vorbild kann es aber auch schwer haben. Kürzlich thematisierten die Medien, dass Bastien Girod, Nationalrat der Grünen Partei, zwar vorbildlich mit dem Velo zur Arbeit fahre, dort aber schändlicherweise den Lift benutze.
Schubert: Solch moralinsaures Zeugs sollte man in dieser Diskussion tunlichst vermeiden. Das kann einem die Lust nehmen, irgendetwas zu tun.

Beobachter: Schwierig macht es manchmal auch die Verhältnismässigkeit: Um etwa den Stand-by-Verbrauch zu eliminieren, ist der Aufwand ziemlich hoch und die Stromersparnis tief.
Schubert: Das ist nach wie vor ein Problem. Weil die Energiepreise zu tief sind, ist das Sparpotential oftmals zu klein, um eine Verhaltensänderung herbeizuführen.

Beobachter: Also müssten die Strompreise künstlich verteuert werden?
Schubert: Nicht einmal künstlich. Man müsste nur beginnen, die gesellschaftlichen Kosten durch den Klimawandel in die Preise für fossile Energie mit einzurechnen.

Beobachter: Sind die Menschen nur über den Preis zur Räson zu bringen?
Schubert: Nicht nur. Der soziale Vergleich spielt auch eine erstaunliche Rolle, wie Studien zeigen. Wenn ich weiss, wie viel Energie mein Nachbar verbraucht, beeinflusst das stark mein eigenes Verhalten: Das triumphale Gefühl, wenn ich es schaffe, besser dazustehen als er, ist dann sozusagen meine Belohnung.

Beobachter: Wir brauchen also einen Energiepranger?
Schubert: Dieses Verhalten steckt nun mal tief in uns allen drin. Anderseits haben wir es mit einem klassischen Dilemma zu tun: Wenn ich nicht sicher bin, dass alle anderen auch etwas machen – warum soll ich dann der oder die einzige Dumme sein? Darum wäre es wichtig, eine Situation zu schaffen, in der man weiss: Alle machen etwas, alle engagieren sich.

Beobachter: Da kommt dann auch wieder die Vorbildfunktion zum Tragen.
Schubert: Genau, dann muss Bastien Girod halt doch die Treppe raufrennen. (Lacht)

Beobachter: Unergiebige Klimagipfel und die Unfähigkeit von Regierungen, Umweltziele zu erreichen, sind auch nicht gerade förderlich.
Schubert: Hier gibt die Politik keine gute Unterstützung.

Beobachter: Wie viele Umweltkatastrophen brauchen wir noch, damit ein Umdenken einsetzt?
Schubert: Die Kommunikationsforschung zeigt, dass etwa der Effekt eines Waldbrands in den Köpfen gerade mal zwei, drei Wochen anhält. Und was weit weg passiert, tangiert uns noch weniger. Natürlich können wir froh sein, dass wir noch keinen dauerhaften Leidensdruck haben. Den könnte man höchstens durch die Erhöhung der Energiepreise erzeugen. Denn wie gesagt: Persönliche Investitionen in die Energieeffizienz rechnen sich bei tiefen Preisen kaum. Zudem fällt der Nutzen solcher Investitionen erst in ein paar Jahrzehnten an – und man weiss, dass im Entscheidungsprozess Nachteile in der Gegenwart viel stärker gewichtet werden als erwartete Vorteile in der Zukunft. Man muss aber in die Zukunft denken wollen – nur dann haben Effizienzinvestitionen eine Chance.

Beobachter: Verzweifeln Sie als Wissenschaftlerin nicht manchmal an der Natur des Menschen?
Schubert: Das hilft ja nichts. Zum Glück ist uns mittlerweile klar, dass Ökonomen und Psychologen zusammenarbeiten müssen, um die Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. So hoffe ich sehr, dass wir die Säge noch weglegen werden, bevor der Ast ganz durch ist.

Renate Schubert, 57, in Wiesbaden (D) geboren, ist seit 1992 Professorin für National­ Ökonomie an der ETH Zürich und hat dort 2006 das Institute for Environmental Decisions (IED) gegründet – das einzige «Zentrum für Umweltentschei­dungen» in Europa. An der ETH beschäftigt sich Schubert unter anderem mit Forschung im Umwelt­ und Energiebereich. Ausserdem ist sie in Deutsch­land seit 2000 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Veröffentlicht am 2012 M09 21