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UmweltgifteDie Zeit der Ausreden ist vorbei

Die Zeit der Ausreden ist vorbei
Verdreckter Fluss in Luoyang: Den Aufstieg Chinas zum weltgrössten Kleiderproduzenten sieht man den Gewässern an. Bild: China Photopress/Laif

Kleiderhersteller gehören zu den grössten Umweltverschmutzern. Eine Schweizer Firma weist jetzt den Weg zu mehr Sauberkeit.

von Martin Vetterli

Der Gelbe Fluss schimmert mal in Grün, mal in Rot, an vielen Stellen ist er ökologisch tot: Den Aufstieg Chinas zum weltgrössten Kleiderproduzenten sieht man seinen Gewässern an. Die Analysen von Wasserproben lesen sich wie die Einkaufsliste für Chemikalien, die man zum Färben und Veredeln von Textilien ­benötigt. Man findet Weichmacher, Flammschutzmittel, Azofarben, PFC, Chlorbenzole, Schwermetalle wie Chrom und Kadmium – einfach alles.

Die Lage ist ernst, das weiss inzwischen auch die Regierung. Zwei Drittel von Chinas Flüssen sind mit Chemi­kalien kontaminiert, 60 Prozent der Trinkwasserreserven der Grossstädte ernsthaft verschmutzt. 320 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Die Firmen stellen die Produktion um

«Kleider herzustellen ist ein schreck­li­ches Geschäft für Chinas Umwelt», folgerte die Umweltorganisation Greenpeace vor vier Jahren, nachdem sie die Deltas des Jangtse und des Perl­flusses akribisch auf Chemikalien ­untersucht hatte. In einer Kampagne forderte sie die grossen Marken und Händler deshalb ultimativ auf, bei der Kleiderherstellung auf den Einsatz gefährlicher Chemie zu verzichten.

Die Kampagne hat gewirkt. Verschiedene Konzerne haben die Greenpeace-Forderungen aufgenommen und versuchen, auf eine umweltfreundlichere Produktion umzustellen. Nicht allen ist das gut bekommen. Der Sportartikelhersteller Puma etwa wurde hart abgestraft: Die Investitionen in die Ökologie machten die Produkte teurer – und diese liessen sich nicht im gewünschten Umfang verkaufen. Das Problem: Was der Umstieg auf grüne Chemie bringt, liess sich nicht in griffige Slogans packen.

«Nur schon an der Herstellung eines ganz normalen Hemds sind bis zu 140 Firmen beteiligt.»

Inzwischen haben sich 31 Modemarken von Adidas bis Zara verpflichtet, bis 2020 auf Risikochemikalien zu verzichten. Die grosse Mehrzahl der Kleiderhersteller liess die Kritik jedoch abperlen. Die Produktion sei zu komplex, die Lieferkette zu lang, um sie ­genau überwachen zu können. Kunststück: Nur schon an der Herstellung eines ganz normalen Hemds sind bis zu 140 Firmen beteiligt.

Die Greenpeace-Initiative aufgenommen hat auch der St. Galler Peter Waeber, aber auf andere Weise. Der Gründer und Kopf der St. Galler Chemie-Kontrollfirma Bluesign hat dazu mit den grossen Chemikalienherstellern zusammengearbeitet. Das Resultat ist ein neuartiges Internet-Tool, das auf einer Liste von 5600 sicheren ­Chemikalien beruht. Die Brands erhalten damit zum ersten Mal die Möglichkeit, bei bester Qualität ökologisch verantwortlich zu produzieren, ihre Lieferkette zu überwachen und Ein­spar­potenziale zu erkennen. Waeber sagt selbstbewusst: «Es gibt damit ­keine Entschuldigung mehr, nicht auf eine nachhaltige Produktion umzustellen. Wir geben ihnen das Instru­ment in die Hand, mit dem sie das tun können.»

China ändert seine Umweltpolitik

Bluesign ist eine bekannte Grösse in der Textilwelt. Zu den Kunden zählt in der Outdoor­industrie ­alles, was Rang und Namen hat, von der Öko-Vor­zeigemarke Patagonia bis zur welt­weiten Nummer eins Nike. Und mit Archroma, Dystar und Huntsman hat man die Chemie-Weltmarktführer im Boot. Zusammen verkaufen die drei weltweit gegen 40 Prozent der Chemikalien für Kleider. ­Damit der Umstieg auf grüne Chemie ­gelingt, brauche es auch härtere Umweltgesetze in den Herstellerländern, sagte Huntsman-Textile-Chef Paul Hulme. Das zeichne sich zumindest in China ab. Die Verschmutzung der Flüsse ist dort derart gravierend, dass die Regierung ihre Politik ändern musste: Erst wenn die Entsorgung teurer werde, zahle es sich für die Firmen auch finanziell aus, ­etwas für die Umwelt zu tun.

Veröffentlicht am 2015 M07 21