Blüemli ist aufgeregt. Sie hebt Stroh auf, zerrupft es, baut damit ein weiches Nest und läuft unruhig im Stall umher. Bald gehts los. Die Wehen haben eingesetzt, und der schwere Bauch hat sich deutlich gesenkt.


Chantal nebenan hat die Geburt hinter sich. Zufrieden grunzend liegt sie auf ihrem Strohbett, während ihre zehn Jungen quietschend durcheinander purzeln und Mutters Zitzen suchen. In zwei Wochen werden die Kleinen das erste Mal einen Spaziergang machen und sich ihrer Lieblingsbeschäftigung hingeben: in der Erde wühlen.


Die Schweine der Familie Günter im bernischen Thörigen haben es gut. Sie haben genug Platz, viel Stroh, können jederzeit ins Freie und wachsen in Gruppen auf. Für die Biobauern eine Selbstverständlichkeit. «Tiere sind Lebewesen, die uns anvertraut sind. Wir haben kein Recht, sie auszubeuten», sagt Fiorella Günter. Tiere als Sache zu bezeichnen käme Günters gar nicht in den Sinn. Deshalb verstehen sie auch nicht, dass in der landwirtschaftlichen Fachpresse im Zusammenhang mit Tieren von «Tiermaterial» gesprochen wird.


Anders sieht das der Luzerner Landwirt und FDP-Nationalrat Karl Tschuppert: «Tiere sind für mich in erster Linie ein Produktionsfaktor.» Seine Schweine haben keine Namen. Auch er will aber gesagt haben, dass er die Tiere gut behandelt. «Sonst werfen sie zu wenig ab.» Tschuppert ist dagegen, dass die Tiere in der Verfassung explizit als Lebewesen aufgeführt werden sollen. «Sonst dürfen wir Bauern bald gar nichts mehr machen. Wir haben schon jetzt ein strenges Tierschutzgesetz.»

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Die Schweiz hat eine Tierschutzgesetzgebung. Doch diese nimmt grosszügig Rücksicht auf die Sachzwänge der modernen Landwirtschaft. Wer Tiere hält, muss zwar für deren Wohlbefinden sorgen, aber nur «soweit es der Verwendungszweck zulässt». Das kann vieles heissen.


Schweine müssen viel erdulden
Was heisst das zum Beispiel für die Schweine in Intensivbetrieben? Eingepfercht in trostlosen Buchten ohne Einstreu und ohne Auslaufmöglichkeit, vegetieren sie dahin. 0,65 Quadratmeter Platz räumt die Tierschutzverordnung einem 100 Kilogramm schweren Mastschwein ein. Meist leben die Tiere auf Spaltenböden, die den Mästern das Ausmisten ersparen.


Damit sich die Tiere vor lauter Langeweile nicht die Schwänze abbeissen, werden oft schon den Ferkeln die Ringelschwänzchen coupiert und die Eckzähne abgeklemmt. Und damit die gestresste Muttersau ihre Jungen nicht erdrückt, wird sie in einen engen Kastenstand gepfercht, wo sie sich kaum drehen, geschweige denn für die neugeborenen Ferkel ein Nest machen und eine natürliche Mutterbeziehung aufbauen kann.

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Zwar dürfen in Neubauten keine Vollspaltenböden mehr eingebaut werden, und ab 2007 sind die Kastenstände verboten – grundsätzlich. Das Gesetz sieht aber Ausnahmen vor, so dass Muttersauen auch in Zukunft während einer bestimmter Zeit in Kastenstände gesperrt werden dürfen.


Doch das ist nicht alles, was Schweine über sich ergehen lassen müssen: So gibt es Züchter, die ihren Tieren zwar Auslauf gewähren, ihnen aber einen Ring durch die empfindliche Nase jagen – ohne Betäubung. Das Ziel: Wenn sie beringt sind, können sie nicht mehr wühlen und machen den Boden weniger kaputt.


Kastration ohne Narkose

Jahr für Jahr werden in der Schweiz rund 1,4 Millionen männliche Ferkel kastriert – ohne Betäubung. Der Grund: Das Fleisch der Jungtiere könnte im geschlechtsreifen Alter zwischen fünf und sechs Monaten zu stinken beginnen.

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Grundsätzlich dürfen Schmerz verursachende Eingriffe am Tier laut Gesetz zwar nur unter Betäubung vorgenommen werden. Doch auch dafür gibt es Ausnahmen: Verursacht der Eingriff nur einen «geringfügigen» Schmerz, darf man auf eine Narkose verzichten. Das Kastrieren der Ferkel zählt dazu – sagen die Paragrafen. Auch junge männliche Kälber, Schafe, Ziegen und Kaninchen dürfen ohne Narkose kastriert werden.


Elektroschocktherapie für Kühe

«Bauern sind nicht interessiert an schlechter Tierhaltung, sondern am Uberleben. Man darf ihnen deshalb nicht einfach den schwarzen Peter zuschieben», betont Heinzpeter Studer von der Nutztierschutzorganisation KAG Freiland. Doch das Streben nach höchstmöglichem Gewinn führt zwangsläufig zu Tierquälereien.


In der Kuhhaltung ist die Elektroschocktherapie mit dem freundlichen Namen «Kuhtrainer» immer noch weit verbreitet. Fünf Zentimeter über dem Rücken der Kühe montieren viele Landwirte einen elektrisch geladenen Bügel. Sobald eine Kuh den Rücken wölbt, um einen Fladen fallen zu lassen, berührt sie den Aluminiumdraht, erhält einen 300-Volt-Schlag und macht instinktiv einen Schritt zurück. Folge: Der Kuhfladen fällt nicht aufs strohbedeckte Lager, sondern in den dahinter liegenden Kotgraben. Der Bauer muss weniger häufig die Mistgabel schwingen.

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Für die Kuh ist dieser Bügel jedoch eine ständige Bedrohung. Untersuchungen zeigen, dass nur gerade elf Prozent der Stromschläge die Kühe treffen, weil sie mal müssen. Alle anderen Elektroschocks plagen das Tier, wenn es sich lecken will, wenn es aufsteht oder lästige Fliegen abschüttelt. Zudem leiden Kühe wegen der Elektroschocks an Fruchtbarkeitsstörungen.


Auch von Auslauf und Bewegungsfreiheit können manche Kühe nur träumen. Zwar müssten die Bauern ihren Tieren insgesamt 90 Tage Auslauf pro Jahr gewähren, 30 Tage davon im Winterhalbjahr. Sonst erhalten sie keine Direktzahlungen. Doch gekürzt werden die Bundesgelder erst im Wiederholungsfall – falls ein Landwirt überhaupt erwischt wird.


«In Kantonen mit largen Kontrollen können fehlbare Bauern während Jahren durch die Maschen des Gesetzes schlüpfen», sagt Heinzpeter Studer. Das gilt auch für die Kälberhaltung: Bis ins Jahr 2002 dürfen Kälber immer noch einzeln angebunden werden. Der Spiel- und Bewegungstrieb der Jungtiere wird damit brutal unterbunden. Ab 2002 müssen sie in den ersten vier Monaten in Gruppen gehalten werden – bevor sie an die Kette kommen.

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Hühner auf Produktion getrimmt

Auf krasse Weise werden Hühner zu Produktionsmaschinen degradiert. Zwar ist die tierquälerische Batteriehaltung in der Schweiz verboten. Aber auch die zugelassene Bodenhaltung in übervollen Industriehallen ist alles andere als tiergerecht.


Masthühner etwa sind durch Zucht auf eine extrem hohe Fleischproduktion getrimmt. Ihre einzige Aufgabe ist es, sich in kürzester Zeit voll zu fressen. Gerade mal drei Zentimeter Fressplatz räumt die Tierschutzverordnung jedem Huhn ein. Nach fünf Wochen können sich die voll gestopften Hühner kaum mehr auf ihren dünnen Beinchen halten.


Weil auch Legehennen in Intensivbetrieben häufig eingepfercht werden, entwickeln sie Verhaltensstörungen: Die Tiere picken aufeinander herum – manchmal bis zum Tod. Aus diesem Grund werden die Hühner «touchiert»: Mit einer glühenden Metallplatte werden die Schnäbel gekürzt. Die Nerven liegen dann offen, das gegenseitige Picken tut weh, und es schmerzt beim Fressen und Putzen.

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Ein trauriges Schicksal ereilt die Hähnchen in der Legehennenzucht. Sie werden gleich nach dem Schlüpfen getötet: Vom Laufband, auf dem sie aussortiert werden, fallen sie in einen Kübel. Die untersten ersticken gleich, die anderen werden vergast oder zerhackt. Eine Narkotisierung vor dem Töten sieht das Gesetz nicht vor. Die Begründung: Hühner hätten eine verminderte Empfindungsfähigkeit.


Für Marianne Staub, die Präsidentin des Schweizer Tierschutzes, ist klar: «Es braucht strenge Vorschriften und motivierte Bauern, die tierfreundlich produzieren. Sonst werden weiterhin Tiere gequält.»

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