Lärm im Opernhaus: Wieviele Menschen sind betroffen?

3_00_bp_oper.jpgZürcher Opernhaus, im Januar. Gespielt wird «Boris Godunow». Die Mezzosopranistin steht in der Rolle der Schankwirtin hinter einem Grill. Plötzlich springt ein Funke auf ihr Kleid es fängt Feuer. Die Sängerin erleidet Verbrennungen zweiten Grades und muss rund zwei Wochen im Spital bleiben.

Stadttheater Bern, November 1999. Gerade laufen die letzten Proben zur Oper «Tosca». Am Schluss des Stücks stirbt der Heldentenor unter den Schüssen vieler Vorderlader. Dabei erleidet der Sänger einen Gehörsturz und bleibt monatelang arbeitsunfähig. «Eine zu laute Explosion», wird der inszenierende Intendant Eike Gramss später sagen.

Hauptbahnhof Zürich, im vergangenen September. In der grossen Halle spielt ein Orchester auf. Hoch qualifizierte Musiker und Musikerinnen, die sonst in der Tonhalle konzertieren, zeigen im Bahnhof ihr Können. Ein «effektvoller Auftritt», berichtete die Lokalpresse. Was sie verschwieg: Die Ambulanz musste etliche Musiker notfallmässig ins Spital einliefern, nachdem Tschaikowskys Kanonen ohrenbetäubend gedonnert hatten.

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Bühnen sind schlecht gesichert

Die Bühne ist ein gefährlicher Ort. Inzwischen weniger wegen des Gedankenguts, das da verbreitet wird, sondern vor allem wegen der Arbeitsbedingungen. «Das heutige Theater ist eine permanente Baustelle», sagt der freie Regisseur Sebastian Dietschi.

Und sie müsste besser gesichert sein. Zwar gibt es heute viel weniger Theaterbrände als früher. Dafür haben die Strapazen für die Ohren zugenommen. Der Trend zu immer spektakuläreren Aufführungen für ein zunehmend verwöhntes Publikum hat seinen Preis. «Beethoven schrieb für eine Belegschaft von 40 Leuten», sagt ein Musiker, «heute spielen wir mit 80.»

Dirigenten unterschätzen Risiken

Der Künstler möchte lieber ungenannt bleiben wie die meisten, mit denen der Beobachter gesprochen hat. «Solidarität gibt es nicht», sagt ein Bühnenarbeiter, und ein Funktionär ergänzt: «Musiker setzen sich bewusst diesen Risiken aus. Tun sie es nicht, warten hinter ihnen Hunderte, die gern in die Lücke springen». Es sei da halt «auch Angst im Spiel», heissts immer wieder. Und: «Solange es denen, die das Sagen haben, nicht laut genug sein kann, ändert sich nichts.»

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Kommt hinzu, dass etliche Häuser «nicht für heutige Ansprüche eingerichtet sind», sagt Regisseur Sebastian Dietschi. Ein anderer Spezialist «bitte keine Namen» bringts musikalisch auf den Punkt: «Es entstehen Konflikte zwischen den Ansprüchen des Dirigenten und den Sicherheitsbedürfnissen der Musiker.»

Aber nicht nur der Druck von Dirigenten oder enge Orchestergräben sind problematisch. Uberdurchschnittlich laut sind auch viele Werke vor allem aus dem späten 19. Jahrhundert wie etwa Bruckner, Mahler oder Wagner. Gefahr droht in erster Linie dort, wo viele Bläser auf ihre schmetternden Einsätze warten, und bei Knallereien auf der Bühne.

Das ist auch der Suva zu Ohren gekommen. Auf Anregung des Zürcher Opernhauses hat sie in letzter Zeit umfangreiche und detaillierte Messungen unternommen. Deren Resultate sollen laut Beat Hohmann, Bereichsleiter Akustik bei der Suva, so bald wie möglich Veranstaltern und Verbänden bekannt gegeben werden.

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Das hört Jürg Keller gern. Die Belastung der Ohren sei ein «Dauerbrenner», sagt der kaufmännische Direktor der Tonhalle Zürich, «das Problem ist erkannt». Zwar hat man in der Tonhalle, deren Akustik weltberühmt ist, fürs Uben schallschluckende Vorhänge installiert. Doch obwohl gesetzliche Grundlagen vorhanden sind, fühlt sich niemand für das Lärmproblem zuständig.

Während die Lautstärke in der Unterhaltungsmusik ein Thema ist, seit es Rockmusik gibt, darf im klassischen Bereich weiter gelärmt werden. Wer dafür zuständig ist, scheint meist unklar. Er sei «nie darüber informiert worden, dass er Vorschriften verletze», sagt etwa der Berner Intendant Eike Gramss. Und die Pressestelle des Kantons Bern meint nach Rücksprache etwas hilflos: «Es könnte sein, dass bei uns die Koordinationsstelle für Umweltschutz dafür verantwortlich ist.»

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Die Defizite im Vollzug gesetzlicher Bestimmungen sind verständlich: «Bis jetzt sprach man vor allem von der Sicherheit auf der Bühne», sagt Jürg Keller. Der Lärmpegel war weniger wichtig und der Gedanke ans Spielen mit Gehörschutz «geradezu absurd», wie ein Musiker festhält. Das dürfte sich nun ändern: nicht nur aufgrund der Bemühungen der Suva, sondern auch wegen der sich häufenden Vorkommnisse.

Grenzwerte werden überschritten

Auf dem Tisch des Zürcher Anwalts Ernst Brem landen immer mehr Dossiers von hörgeschädigten Künstlern. «Eigentlich müssten auf der Bühne alle einen Helm tragen und im Orchestergraben einen Gehörschutz», sagt der Jurist.

Eine Einschätzung, die auch die Suva bestätigt. «Sowohl bezüglich Dauerbelastung als auch Pegelspitzen werden im Orchestergraben die Grenzwerte überschritten», sagt Suva-Akustiker Beat Hohmann. «Auch Sängerinnen und Sänger müssten wissen, dass die Schallbelastung durch die eigene Stimme problematisch ist.»

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Der Handlungsbedarf ist also allgemein anerkannt. «Rechtlich haben wir genug Grundlagen, sie müssten nur eingehalten werden», sagt Marianne Sonder Stauffer, Sekretärin des Schweizerischen Musikerverbands. Bis kantonale Amtsschimmel allerdings ein Musikgehör dafür entwickeln, dass Kulturtempel Sicherheitsbeauftragte brauchen, die nicht nur gut hinschauen, sondern auch genau hinhören, könnte es noch etwas dauern.

Doch Hoffnung ist erlaubt. Zum einen werden sich Direktoren angesichts der zunehmenden Zahl lärmgeschädigter Künstler kaum auf Dauer taub stellen können. Zum anderen dürfte sich auch der ökonomische Unsinn der momentanen Praxis herumsprechen. Es liegt ja kaum im Interesse der Öffentlichkeit, wenn einerseits Millionen an Subventionen Richtung Kunst fliessen und andererseits gleich nochmals die Allgemeinheit zur Kasse gebeten wird via IV-Leistungen für Hörschäden.

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Lärmbelästigung: Soviele Menschen sind betroffen

Der Schweizerische Bühnenverband (SBV) ist die Arbeitgeberorganisation der subventionierten Berufstheater. In den 30 Schweizer Theatern arbeiten rund 3000 Voll- und Teilzeitbeschäftigte.

Ingesamt stehen in diesen Häusern 15000 Sitzplätze zur Verfügung. Jährlich lassen sich laut SBV-Statistik weit über 1,5 Millionen Zuschauer von Musik, Tanz und Theater unterhalten.

Die Schauspielhäuser sind unterschiedlich strukturiert. Nur acht bieten gleichzeitig die drei Sparten Sprech-, Musik- und Tanztheater können also auch als Opernhäuser bezeichnet werden.

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