Es waren herrliche letzte Tage auf Patmos. Noch einmal sassen wir auf der Terrasse des Hauses hoch über dem Meer. Noch einmal sahen wir dem endlosen Sonnenuntergang zu, wie ihn hier nur der Spätherbst und die hohe Luftfeuchtigkeit zustande bringen: orange und tiefgelbe Lichtschwaden, die in brennendem Purpur und flackerndem Blauviolett erstarben. Nada, unsere Gastgeberin, schaute auf das Farbenspiel und sagte unvermittelt: «Jetzt schmecken die Auberginen drüben in Izmir am besten.»

Alle in der Runde schwiegen und wunderten sich, mit welcher Leichtigkeit unsere sonst so kultivierte Gastgeberin den Sprung vom erhabenen Naturschauspiel zum profanen Essen schaffte. Da lieferte sie uns schon die Erklärung. «Die letzten Auberginen des Jahres in der Türkei, im Hinterland von Izmir, sind von tiefvioletter Farbe, keinesfalls schwarzviolett wie bei uns.» Sie zeigte mit dem Finger auf den Horizont und den Sonnenuntergang. «Das mag für euch banal sein für mich ist es das keineswegs. Dieser tiefviolette Sonnenuntergang erinnert mich an jene Auberginen, die uns unser Koch Mustapha jeweils gekocht hat.»

Noch immer schwiegen wir in der Runde, bis Bertie, ein Engländer, sagte: «Ich dachte immer, dass die Türken eure Erzfeinde sind oder waren. Nun kommst du plötzlich und schwärmst begeistert von türkischen Auberginen.»

Trockenfrüchte aus Nahost

Nada lachte. «Ich weiss, ihr denkt, dass Griechen und Türken seit ewig und auf ewig verfeindet sind. Was man jedoch nie vergessen darf: Sie haben eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Kultur.»

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Nadas Grossvater war Früchtehändler. Er hatte die besten Trockenfrüchte der Gegend importiert und exportiert. Sein Betätigungsfeld war der ganze Raum des ehemaligen Osmanischen Reichs. So verkaufte er etwa die kleinsten, aromatischsten Weinbeeren aus seiner Heimatstadt Korinth sowie die saftigsten getrockneten Feigen aus Smyrna, wie das heutige Izmir einst hiess. Die goldgelben, saftig-weichen und zuckersüssen Sultaninen suchte er sich auf seinen ausgedehnten Reisen in den Nahen Osten zusammen. In Syrien und Palästina kaufte er die feinsten Datteln der Gegend, die Wochen später am Piräus aus den Handelsschiffen entladen wurden.

Siegeszug kalifornischer Produkte

Logischerweise hatte seine Firma auch einen Sitz in Smyrna. Dort wohnte die Familie während des Spätherbstes und des Winters, wenn der Hausherr in den Nahen Osten auf Geschäftsreise ging. Hier kochte Mustapha für die Familie, und nach den Erzählungen muss dieser Koch sein Metier perfekt beherrscht haben.

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Als sich die politische Lage nach dem Ersten Weltkrieg änderte, veränderten sich auch die Lebensbedingungen der Griechen auf dem türkischen Festland. Smyrna musste geschlossen werden. Nadas Grossvater führte seine Geschäfte nun von Athen aus. Den Handel mit seinen ehemaligen Partnern wickelte er nur noch brieflich ab.

Irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg kamen auch diese Geschäftsbeziehungen zum Erliegen. Die Qualität der türkischen Trockenfrüchte hatte ohne das Wissen der alten Geschäfts- und Handelsherren derart gelitten, dass sie von den kalifornischen Produkten verdrängt wurden.

Köstliche türkische Küche

Mit nach Athen war jedoch Mustapha gekommen. Dort kochte er bis ins hohe Alter von 80 Jahren für Nadas Familie. Stets nach türkischer Manier, denn die griechische Küche ist keine weltbewegende kulinarische Angelegenheit ganz im Unterschied zu jener der türkischen Nachbarn. Diese kann ohne Übertreibung zu den köstlichsten der Welt gezählt werden.

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Als Mustapha endgültig in die Türkei, nach Izmir, zurückkehrte, blieben nicht nur seine Rezepte in Athen zurück auch die entstandenen familiären Bande blieben erhalten. Im kleinen Grenzverkehr von Izmir nach Patmos gelangten während Jahren selbst die viel gerühmten Auberginen zu Nada. Und weil Köche und Köchinnen jeder Nationalität inzwischen Mangelware waren, erlernte Nada das Zubereiten von Pathcan Kebabi notgedrungen selbst.

Was ihr heute allerdings fehlt, sind die Früchte von Izmir. Die Sorte mit jenem Violett, das die Sonnenuntergänge auf Patmos so einzigartig macht, gibt es nämlich inzwischen nicht mehr.

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