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Pensionskasse«Die zweite Säule wird systematisch ausgehöhlt»

Das System der Pensionskassen sei zwar gut durchdacht, werde aber miserabel gelebt, so Vorsorgeexperte Martin Janssen. Er hält die Renten für zu hoch: um 30 bis 40 Prozent.

Martin Janssen, 60, ist Professor für Finanzmarkt­ökonomie an der Universität Zürich und Gründer der Beratungsfirma Ecofin.
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Beobachter: Sie sind 60. Wie sieht Ihre persönliche Altersvorsorge aus?
Martin Janssen
: Ich habe eine eigene Firma und werde so lange arbeiten, wie ich kann. In der zweiten Säule bin ich nur obligatorisch versichert. Warum? Weil AHV und BVG im Prinzip der Volksabstimmung ­unterstehen – und die Renten letztlich vom Volkswillen abhängen. Das Volk könnte ja auch entscheiden, das Kapital der zweiten Säule umzuverteilen. Wir stehen mitten in diesem Prozess.

Beobachter: Jetzt malen Sie aber ganz schwarz.
Janssen: Überhaupt nicht. Die meisten Pensionskassen versprechen heute eine Rente auf der Basis einer fünfprozentigen Verzinsung des Sparkapitals. Das ist nur machbar, wenn man das Geld fast zu 100 Prozent in Aktien anlegt. Das birgt hohe Risiken. Und die tragen ausschliesslich die Erwerbstätigen und die Arbeitgeber.

Beobachter: Profitieren also die Rentner auf Kosten der Erwerbstätigen?
Janssen: Es wird im grossen Stil umverteilt. Die neu gesprochenen Renten sind heute um 30 bis 40 Prozent zu hoch. Das Vorsorgesystem wird so ausgehöhlt. Ausser es gibt hohe ­Inflation. Dann werden um­gekehrt alle Rentner schrittweise enteignet, weil ihre Rente jedes Jahr weniger wert wird.
Beobachter: Wenn wir aber zwei gute Börsenjahre haben, ist das doch alles kein Thema mehr.
Janssen: Das stimmt nicht. Berücksichtigt man die Lebenserwartung und die aktuellen Kapital­marktzinsen, liegt der Deckungsgrad der Pensionskassen aktuell bei vielleicht noch durchschnittlich 75 Prozent. Da brauchen Sie viele Jahre mit überdurchschnittlicher Rendite, um das auszugleichen.

Beobachter: Glauben Sie nicht mehr an unser vielgelobtes Drei-Säulen-System?
Janssen: Das System ist gut durchdacht, wird aber miserabel gelebt. Dabei gäbe es eine einfache Lösung: Jeder Rentner bekommt sein Alterskapital zu 100 Prozent und kann dann entscheiden, was er damit tut: Eine sichere Rente wird bis zum Tod mit 1,5 Prozent verzinst, eine schwankende Rente mit bis zu 4 oder 4,5 Prozent.

Beobachter: Wie hoch darf der Umwandlungsfaktor sein, um die zweite Säule realistisch ausfinanzieren zu können?
Janssen: Unter fünf Prozent. Alles andere bedeutet eine Umverteilung innerhalb der zweiten Säule, die man so systematisch aushöhlt. Das wissen wir seit 15 Jahren, verschieben das Problem aber ungeniert in die Zukunft. Weil sich alle vor der Wahrheit und einem Aufstand der Betroffenen fürchten.

Beobachter: Es gibt Pensionskassen, die ihren Versicherten eine Rente von 85 Prozent aus der ersten und zweiten Säule versprechen.
Janssen: Das können sich nur einzelne Gemein­wesen dank Steuergeldern, regulierte Branchen oder sehr innovative Firmen leisten. Für die Mehrheit ist eine Rente von bloss 50 Prozent realistisch.

Beobachter: Wird unser heutiges System kollabieren?
Janssen: Die heutigen Renten sind nicht in Gefahr. Auch neue Renten können noch lange finan­ziert werden. Ich schätze aber, dass das Pensionskassensystem jedes Jahr um etwa einen Prozentpunkt ausgehöhlt wird. In 25 Jahren wird der korrekt berechnete Deckungsgrad also nur noch bei rund 50 Prozent liegen.

Beobachter: Was heisst das für die heute 40-Jährigen?
Janssen: Viele werden im Rahmen der zweiten ­Säule faktisch enteignet. Sie sparen nicht für sich selber, sondern für die Rentner. 

Beobachter: Das kann es ja nicht sein. Was schlagen Sie vor?
Janssen: Das Beste wäre eine freie Pensionskassenwahl mit wohldefinierten Solidaritäten, ein strikt reguliertes System mit echtem Wettbewerb. Dieses liberale Modell hat aber wenig Chancen, weil es zu viele PK-Verantwortliche, Experten und Vermögensverwalter gibt, die mit dem heutigen System sehr gut leben und ihre Pfründe verteidigen. Mehr Chancen hätte eine etwas «mildere» Form: reine Rentnerkassen. Damit würde wenigstens die Umverteilung zwischen den Generationen unterbunden.

Beobachter: Sie leben mit Ihrer Firma ja auch von diesem System.
Janssen: Ja, aber wir versuchen, das mit Anstand zu tun. Wir versprechen keine unrealistischen Umwandlungssätze: Wer in Pension geht, wird am Markt ausfinanziert; die Rente wird dann also von einem Versicherungskonzern bezahlt. Unsere Erwerbstätigen tragen nur ihr eigenes Anlagerisiko und nicht auch noch jenes der Rentner. Wir wachsen deswegen leider langsamer als jene Sammelstiftungen, die das Kapital ­ihrer Versicherten für Werbung ausgeben.

Beobachter: Der Markt spielt also nicht richtig?
Janssen: Es gibt leider unerfreuliche Dinge. Am meis­ten stört mich, wenn Broker ihre Dienstleistungen «gratis» anbieten, tatsächlich aber mit Hunderten von Franken pro Versicherten und Jahr verdeckt entschädigt werden. Hier helfen nur mehr Transparenz und mehr Wettbewerb.

Veröffentlicht am 26. Mai 2009