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PensionskassenHohe Rendite = grosses Risiko

Manuel Ammann ist Finanzmarktprofessor an der Universität St. Gallen und Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen. Bild: Universität St. Gallen

Pensionskassen müssen das Alterskapital nur noch mit 1,5 statt wie bisher mit 2 Prozent verzinsen, hat der Bundesrat beschlossen. Das ist weniger, als man bei einem Säule-3a-Konto der Post erhält. Was läuft da falsch? Finanzmarktprofessor Manuel Ammann gibt Auskunft.

von Martin Müller

Beobachter: Auf dem Säule-3a-Konto der Postfinance erhalte ich 2 Prozent Zins – bei der Pensionskasse wird mein Alterskapital aber nur noch mit 1,5 Prozent verzinst. Warum?
Manuel Ammann: Die Post macht ein Marketingangebot: Sie hofft, damit Kunden zu gewinnen, die dann auch rentablere Geschäfte mit ihr machen. Pensionskassen hingegen können nur verteilen, was sie erwirtschaften, und sie sollen das Geld ihrer Versicherten sicher anlegen. Eine der sichersten Anlagemöglichkeiten sind Ob­ligationen der Eidgenossenschaft. Diese werfen bei zehn Jahren Laufzeit derzeit nur gut 1 Prozent Rendite ab.

Beobachter: Pensionskassen beschäftigen hochbezahlte Fachleute, die zigmal mehr Anlagemöglichkeiten haben als ich. Warum schaffen die es nicht, eine höhere Rendite zu erzielen als ich mit einem Postkonto?
Ammann: Auch Fachleute können keine Wunder vollbringen. Höhere Renditen wären nur möglich, wenn man grössere Risiken eingeht. Das können sich die wenigsten Pen­sions­kassen leisten.

Beobachter: Wozu brauchen Pensionskassen überhaupt so viele Anlageexperten? Sie könnten einfach in günstige Indexprodukte investieren, dieimmer genau gleich rentieren wie die Börse insgesamt.
Ammann: Auch wer mit Indexprodukten investiert, braucht viel Know-how für die Anlagestrategie und für die Umsetzung. Nicht alle Pensionskassen haben dieses Know-how. Aber es ist richtig: Pensionskassen sollten möglichst kostengünstig anlegen. Der passive Anlagestil bietet in dieser Hinsicht Vorteile.

Beobachter: Einige Fachleute empfehlen den Pensions­kassen, mehr in Schweizer Immobilien zu investieren, weil diese als sehr sicher gelten und dennoch 4 bis 6 Prozent Rendite abwerfen.
Ammann: Nur weil eine bestimmte Anlageklasse im Moment attraktiv erscheint, heisst das nicht, dass sie es bleibt. Der Schweizer Immobilienmarkt ist begrenzt, zusätzliche Investitionen treiben die Preise hoch. Als Teil eines breit diversifizierten Portfolios sind Immobilien aber sicherlich eine sinnvolle Anlage.

Beobachter: Der frühere Preisüberwacher Rudolf Strahm spricht von «Selbstbedienungsladen», weil viele Pensionskassen haufenweise teure Vermögensverwalter anheuern.
Ammann: Dieser Vorwurf ist mir zu pauschal. Es gibt sehr effiziente Pensionskassen, die ihre Kostenstruktur im Griff haben, und es gibt solche, die noch grosses Einsparpotential haben: einerseits bei den direkten Verwaltungskosten, aber mindestens ebenso viel bei den Vermögensverwaltungskosten, also den Honoraren für externe Mandate und den Kosten der Finanzprodukte, in die investiert wird.

Beobachter: Politiker, Gewerkschafter, Arbeitgeber, alle wollen es ständig besser wissen. Kann es sein, dass bei den Pensionskassen einfach zu viele dreinreden?
Ammann: Vermutlich ja. Aber das hat einen Grund. Pensionskassen waren ursprünglich freiwillig. Seit daraus das Zwangssparen geworden ist, hat der Schutz der Versicherten einen höheren Stellenwert. Die Überreglementierung ist die negative Auswirkung dieses Schutzgedankens.

Beobachter: Ist denn das organisierte Zwangssparen im heutigen Umfeld überhaupt noch sinnvoll?
Ammann: Bis zu einer gewissen Lohngrenze sicher, weil es um die Sicherung der Existenz geht. Hohe Löhne kollektiv zu versichern ist hingegen weniger sinnvoll. Dort müsste die Vorsorge individuell erfolgen.

Beobachter: Die Zinsen sind tief, weil die Nationalbanken massenhaft Geld auf den Markt werfen, um die Schuldenkrise zu bewältigen. Zahlen jetzt Sparer und Rentner die Zeche dafür?
Ammann: Tiefe Erträge sind so lange kein Problem, als die Inflation tief ist und die Kaufkraft erhalten bleibt. Die früheren Erwartungen von 6 oder 7 Prozent Rendite pro Jahr sind aber in den nächsten Jahren nicht mehr realistisch.

Beobachter: Um die heutigen Renten finanzieren zu können, müssten die Pensionskassen 3,5 Prozent Rendite erwirtschaften. Weil das nicht geht, findet eine Umverteilung statt: Heutige Beitragszahler subventionieren die Rentner, deren Renten eigentlich zu hoch sind.
Ammann: Das ist so, und das ist eine der intransparenten Umverteilungen, wie sie leider oft vorkommen in der zweiten Säule. Die Kassen reden in diesem Zusammenhang von «Solidarität», aber das ist meines Erachtens beschönigend, denn das Pensionskassensystem basiert ja darauf, dass jede Generation ihre Renten selbst erwirtschaftet.

Veröffentlicht am 2011 M11 08