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RentenPensionskassen zahlen zu viel

Unsichere Aussichten: Wer jung ist, muss mit einer tieferen Rente rechnen.

Die Pensionskasse soll zusammen mit der AHV den Rentnern den gewohnten Lebens­standard sichern. Das funktioniert schon heute nur auf Kosten der Jungen.<br /><br />

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Vorsorgeexperte Martin Janssen sieht schwarz: «Unser Pensionskassen­system wird gegen die Wand fahren.» Die heute neu fixierten Renten seien im Schnitt einen Drittel zu hoch, sagt der Zürcher Finanzprofessor. «Die Pensionskassen versprechen Leistungen, die sie gar nicht mehr finanzieren können. Doch das will niemand hören.» Man schwei­ge lieber und sitze das Problem aus – nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. Warum das niemand zur Kenntnis nehmen will? Weil jene, die heute in Pension gehen, noch immer mit einer anständigen Rente rechnen können.

Das bestätigt eine Beobachter-Umfrage bei grossen Vorsorgeeinrichtungen: Frisch Pensionierte kommen mit AHV und ihrer zweiten Säule auf eine Rente, die gut 60 Prozent ihres letzten Lohns entspricht. Damit sollte die «Sicherung des gewohnten Lebensstandards» gewährleistet sein, wie es der Bundesrat bei der Einführung der be­ruflichen Vorsorge 1985 formuliert hatte.

Wer vor der Pensionierung 60'000 Franken Jahreslohn erhält, erreicht das 60-Prozent-Ziel selbst bei Kassen, die nur Minimal­renten zahlen. Bei 100'000 Franken Lohn wird dieser Anspruch aber nicht immer ein­gelöst. Bei einzelnen Kassen kom­men die Pensionierten nur noch auf eine Rente, die 55 Prozent ihres letzten Lohns entspricht. Noch weniger bekommt, wer nach dem 50. Altersjahr eine kräftige Lohnerhöhung erhält, bei einer Kasse im Beitrags­primat versichert ist und die Lohn­erhöhung nicht nachfinanziert (siehe Tabelle weiter unten)

Der Zerfall der Renten hat längst begonnen

Der Vergleich zeigt auch: Es kommt da­rauf an, bei welcher Pensionskasse man ver­sichert ist. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Kassen sind enorm. Bei einem 60'000-Franken-Lohn erhält man im besten Fall 34'063 Franken Rente (bei der Swisscom-Pensionskasse ComPlan), im schlech­testen Fall dagegen nur 17'200 Franken.

Fazit: Bei guten Kassen müssen sich die heute frisch Pensionierten kaum Sorgen machen. Zählt man AHV- und PK-Gelder zusammen, erhalten sie zwischen 50'000 und 57'000 Franken Rente im Jahr. Auch Besserverdienende kommen gut weg – trotz grossen Unterschieden zwischen den Kassen. Swisscom-Rentner, die zuletzt 100'000 Franken verdienten, ­bringen es gar auf fast 85 Prozent ihres letzten Lohns. Alters­kollegen, die gleich viel verdienen, aber bei einer bescheideneren Kasse versichert sind, erhalten dagegen einen Drittel weniger.

Der Beobachter-Vergleich bestätigt die Ergebnisse einer breitangelegten Studie von Swisscanto. Bei ihren Berechnun­gen ging die Fondsgesellschaft der Kantonalbanken von einem Verdienst von 80'000 Franken aus. Ergebnis: 16 Prozent der Kassen zahlen heute weniger als 32'000 Franken BVG-Rente. Umgekehrt zahlen 29 Prozent der Kassen BVG-Renten zwischen 40'000 und 60'000 Franken. «Es gibt Kassen mit relativ beschei­denen, aber auch solche mit sehr grosszügigen Leistungen», folgert Othmar Simeon, Leiter Personalvorsorge der Swiss­canto-Gruppe. «Insgesamt ist unser Vor­sorge­­system heute gut aufgestellt.»

Simeons Befund mag heute noch zutreffend sein. Doch gilt das auch für die ­Zukunft? Erhalten künftige Rentner genug, um ihren Lebensstandard zu halten? Vom Beobachter befragte Pensionskassenverantwortliche sind skeptisch – insbesondere für alle, die erst nach 2020 in Pension gehen. «Tendenziell werden ihre Renten tiefer sein. Weil die Lebenserwartung weiterhin steigt, werden bei gleichbleibenden Beiträgen und gleichen Kapitalerträgen die Leistungen niedriger ausfallen», prophezeit Christoph Ryter, Präsident des Schwei­zeri­schen Pensionskassenverbands (ASIP). Das heisst: Die Leistungen bleiben nur gleich hoch, wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Zukunft höhere Beiträge zahlen.

Der Zerfall der Renten hat aber längst eingesetzt. Nur schon, weil der Mindestzins von ursprünglich vier auf aktuell noch zwei Prozent gekürzt wurde. Allein dadurch sind die hochgerechneten Renten in den letzten fünf Jahren um 10 bis 15 Prozent geschrumpft. Die Folgen davon sieht jeder Versicherte, wenn er seine Pensionskassenausweise von 2003 und 2009 vergleicht.

Ein Börsenboom bringt keine Rettung

Die aktuelle Krise verstärkt diesen Trend noch zusätzlich. Gemäss der Swisscanto-Umfrage von Mitte Mai befinden sich rund 60 Prozent der privatrechtlichen und 90 Pro­zent der öffentlich-rechtlichen Pensionskassen in Unterdeckung. Ihr Kapital reicht im Moment nicht mehr, um alle versprochenen Leistungen zu finanzieren. Deshalb drängt der Bund auf Sanierungsmassnahmen. Viele Pensionskassen wählen dabei den Weg des geringsten Widerstands. Wenn überhaupt, verzinsen sie das Sparkapital nicht einmal mehr zum bundesrätlichen Mindestzins. Mit Langzeitfolgen für die Versicherten: Zwei Jahre ohne Zins schmälern die Rente um bis zu vier Prozent.

Aber selbst ein paar Spitzenjahre an der Börse reichen nicht, um das Vorsorge­sys­tem wieder ins Lot zu bringen. Denn die heute den Rentnern versprochenen Leistun­gen sind schlicht zu hoch. Sie können aus den Spargeldern gar nicht bezahlt werden. Ein Grund: Um die Renten zu bestimmen, rechnen die meisten Pensionskas­sen mit einer jährlichen Verzinsung von 3,5 bis 4 Prozent. Dies geht an den Realitä­ten der Finanzmärkte vorbei. Von 2000 bis Ende 2008 erzielten die Pensionskassen im Schnitt Jahresrenditen von unter einem Prozent.

Um diese Lücke zu schliessen, sind die Pensionskassen gezwungen, immer höhere Risiken einzugehen. Gemäss den Berechnungen von Swisscanto muss eine Durchschnittskasse heute eine Rendite von 4,2 Prozent pro Jahr erwirtschaften, nur um die Rechnung ausgeglichen und den Deckungs­grad konstant halten zu können. 14,5 Prozent der Kassen müssen sogar mehr als fünf Prozent Rendite erzielen.

«Das ist gefährlich», sagt der Vorsorgeexperte Martin Janssen. Denn: «Wer über fünf Prozent erzielen will, muss praktisch voll in Aktien und andere Risikoanlagen investieren.»

Das halten die Gewerkschaften für Panik­mache. Rita Schiavi von der Unia: «Es ist reine Spekulation, wenn man behauptet, dass die benö­tigte Rendite im langjährigen Durchschnitt nicht mehr zu erwirtschaften ist.» Allerdings: Auch die Gewerkschaften spekulieren, wenn sie auf derart hohe durchschnittliche Anlagerenditen bauen. Sie vertrauen auf das Prinzip Hoffnung.

Um existenzsichernde Renten für alle zu garantieren, haben die Unia und andere Organisationen das Referendum gegen die vom Parlament beschlossene Sen­kung des Umwandlungssatzes ergriffen – und mit über 200'000 Unterschriften eingereicht. Wenn man für 100'000 Franken Sparkapital ab 2015 nur noch 6400 statt 6800 Franken Rente erhalte, sei «die gewohnte Lebensweise für un­tere und mittlere Einkommen im Alter nicht mehr garantiert», argumentiert Schiavi.

Wer soll das bezahlen?

Fragt sich nur, wer das finanzieren soll. Bloss auf bessere Zeiten zu hoffen ist dem Bundesamt für Sozialversicherungen zu wenig. So destabilisiere man letztlich das gesamte Vorsorgesystem. Die Erwerbstätigen werden so gezwungen, die Finanzierungslücke zu schliessen, die wegen der zu hohen Renten entsteht. Die Solidarität zwischen den Generationen steht vor einer harten Bewährungsprobe. Je länger man den Umwandlungssatz hoch hält, desto grösser werden die Lücken. Die Zeche dafür zahlen die Jungen.

Pensionierung heute

Pensionierung 2020

Rente bei letztem Jahreslohn von Fr. 100'000.–Rente bei letztem Jahreslohn von Fr. 60'000.–Vorauss. Höhe der Rente
ComPlan / Swisscom56'77134'063tiefer
Post55'31326'224tiefer
Migros53'826   31'122     gleich
Credit Suisse
50'848   25'321   gleich
Aarg. Pensions- kasse (APK)
47'216    27'300     tiefer
Coop
46'150    27'690   
Personal- vorsorge Kanton Zürich (BVK)      
45'636   21'636   gleich*
Alcan
45'215 23'716tiefer
SBB44'808    20'808     tiefer
BVG-Minimum27'74017'200tiefer**
Lesebeispiel: Swisscom-Angestellte, die im letzten Jahr vor der Pensionierung 100'000 Franken verdienten, erhalten von ihrer Pensionskasse pro Jahr 56'771 Franken Rente.

* sofern der Vorsorgeplan so bleibt wie heute
** Berechnungen und Prognose: Axa Winterthur

Quelle: Umfrage Beobachter

Veröffentlicht am 26. Mai 2009