Zurück zur Natur», lautet das Motto. Viele Kranke und (noch) Gesunde haben keine Lust mehr, beim Heilen und Vorbeugen mit der chemischen Keule zuzuschlagen. Sie legen Wert auf pflanzliche Medikamente. Sanfte Wirkung und weniger Nebenwirkungen, das sind die Vorteile vieler Pflanzenmittel (Phytopharmaka) gegenüber den synthetischen Produkten.

Nutzloses Kopieren
Die «klassischen», chemisch orientierten Arzneimittelkundler waren in der Vergangenheit oft auf dem Holzweg. Ihr Trugschluss: Sofern erst die wirksame Substanz einer Heilpflanze bekannt sei, lasse sich mit einem chemisch identischen Kunstprodukt stets dieselbe Heilwirkung erzielen. Deshalb wurde versucht, die Schöpfung der Natur im Labor beliebig zu kopieren.

Zwar war dieses Unterfangen in Einzelfällen von Erfolg gekrönt, doch Untersuchungen pflanzlicher Heilmittel belegen immer wieder: Erst die Mischung machts. Die ausgewogene Zusammensetzung einer Vielzahl von – zum Teil unbekannten – Inhaltsstoffen zeichnet das Wirkungsprofil einer Pflanze aus.

Gleichermassen abgehoben wie die Vision einer sterilen Chemie-Heilkunde mutet aber das andere Extrem an: gegen alle möglichen Leiden stets eine Art botanische Privatapotheke bereitzuhalten, mit Gartenbeeten voller Heilpflanzen, hauseigenen Trockenkammern und allwöchentlichen Ausflügen in den Kräuterwald.

Diesem Ideal können nur sehr wenige Konsumentinnen und Konsumenten nacheifern, ausserdem gehören vertiefte Kenntnisse der Pflanzenwelt dazu. Wenig empfehlenswert ist auch der Einkauf von pflanzlichen Mittelchen beim fliegenden Händler oder bei dubiosen Anbietern, wo «Wundermixturen» gegen Krebs und Herzkrankheiten womöglich zwischen Bohnerwachs und Unterwäsche feilgeboten werden.

«Zurück zur Natur» hat also seine Grenzen: Wer pflanzliche Medikamente anwendet, sollte sicher sein können, dass diese keine schädliche Wirkung ausüben, nicht zu viel und nicht zu wenig Wirkstoffe enthalten und korrekt verarbeitet sind. Gerade die Verarbeitung spielt bei Pflanzenmitteln nämlich eine Hauptrolle.

Längst überholt ist die Vorstellung, eine Heilpflanze müsse lediglich geerntet, getrocknet und verpackt werden, bevor sie auf den Ladentisch kommt. Damit die Qualität eines Phytopharmakons stimmt, hat der Verarbeitungsprozess strengen Richtlinien zu folgen.

Das fängt bei der Ernte an: Nicht jede Pflanze enthält Wirkstoffe in derselben Zusammensetzung. Dies ist ähnlich wie beim Wein, wo die verschiedenen Jahrgänge ja auch sehr unterschiedlich ausfallen. Standort, Sonnenscheindauer, Regenmenge, Parasitenbefall: All dies prägt die Heilkraft einer Pflanze. In der freien Natur gibt es unendlich viele Faktoren, die das Wachstum und damit auch die Wirkstoffproduktion der Pflanze beeinflussen. Um diesem Problem beizukommen, mischen professionelle Hersteller verschiedene Ernten miteinander. Noch bessere Kontrolle erhält man, wenn man Heilpflanzen unter kontrollierten Bedingungen anbaut.

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Es braucht einige Mühe, um den Pflanzen ihre Inhaltsstoffe zu entlocken. Laboranten ziehen alle Register ihrer Kunst:

Sie extrahieren und filtrieren, dekantieren und destillieren. Kommerziell hergestellte pflanzliche Medikamente entstehen also ebenso in grossen Tanks und Labors wie synthetische Heilmittel.

Von den ursprünglichen Wurzeln oder Blättern bleibt bis am Ende nur noch ein Konzentrat übrig. Beim Johanniskraut, einer Pflanze, die gegen Gemütsschwankung und Depression hilft, entsteht aus 600 Gramm Frischmaterial eine Trockenmasse von rund 30 Gramm. Daraus lassen sich 120 Tabletten pressen.

Entscheidend für die spätere Qualität eines pflanzlichen Heilmittels: In allen Phasen der Bearbeitung nehmen Chemiker immer wieder genaue Analysen vor. Kleine Proben werden in ihre Bestandteile aufgetrennt und gewogen. Meist dienen die wichtigeren, in grösseren Mengen vorhandenen Inhaltsstoffe als Leitsubstanzen. Anhand dieser lassen sich die späteren Phytopräparate am besten «standardisieren», das heisst, auf stets dieselbe Menge der Leitsubstanz einstellen.

Strenge Qualitätsrichtlinien bei der Herstellung und die Standardisierung der Präparate haben die Akzeptanz pflanzlicher Heilmittel stark gesteigert. «Seit geraumer Zeit verzeichnet die Phytotherapie einen deutlichen Aufschwung», so Professor Beat Meier, Präsident der Schweizerischen Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie.

Wachsender Markt dank Qualität
Allein in Deutschland werden inzwischen Phytopräparate im Wert von mehr als zwei Millionen Mark umgesetzt. In den USA stieg ihr Umsatz binnen fünf Jahren auf das Fünffache. Besonders erfreulich: «Gerade bei Bagatellerkrankungen oder chronischen Erkrankungen greifen auch Schulmediziner verstärkt zu pflanzlichen Präparaten», sagt Apothekerin Beate Fessler in ihrem Naturheilmittelführer.

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Neben den grossen Herstellern von standardisierten Phytopharmaka gibt es aber auch ein riesiges Angebot von «handgemachten» Pflanzenheilmitteln. Diese werden vor allem in Apotheken und Drogerien, von Ärzten mit entsprechender Zusatzausbildung oder Naturheilkundlern angeboten. Seit 1. Juli 1999 wird die Phytotherapie als komplementärmedizinische Behandlung über die Grundversicherung rückerstattet, sofern ein entsprechend ausgebildeter Arzt behandelt.

Pikantes Detail: Die Ärztekammer, die über die offizielle Weiterbildung der Ärzte zu befinden hat, hat die vom KVG geforderte Schaffung eines Fähigkeitsausweises abgelehnt. Begründung: Die Behandlung mit pflanzlichen Heilmitteln gehöre sowieso zur Tätigkeit eines jeden Arztes.


Weiterführende Infos

Internet

Bücher

  • Beate Fessler: «Der Naturheilmittelführer.» Südwest, München 1999, Fr. 27.50

  • Jörg Zittlau: «Heilpflanzen unserer Heimat.» Ludwig, München 1997, 33 Franken; ausführliche Informationen zum Anbau und zum Sammeln von Heilpflanzen

  • Spektrum Wissenschaft «Spezial»: «Pharmaforschung.» Heidelberg 1997, Fr. 16.80

  • Mannfried Pahlow: «Heilpflanzen aus der Apotheke.» Edition Medpharm, 1996, Fr. 12.80
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