Beobachter: Herr Roch, in den letzten Monaten sind Sie zum «Monsieur Luchs» geworden. Haben Sie sich noch mit anderen Themen beschäftigt?

Philippe Roch:
(lacht) Eigentlich war nicht vorgesehen, dass das Thema Luchs so hohe Wellen wirft. Aber ich habe mich durchaus noch mit anderen Themen beschäftigt, etwa mit der Umsetzung des Umweltschutzgesetzes, der Gen-Lex, den Energieabgaben – und in den letzten Monaten natürlich auch intensiv mit den Folgen des Sturms «Lothar».


Beobachter: «Lothar» und die Aufregung um die Wiederansiedlung des Luchses kamen für Sie ja wie gerufen. Das Buwal tut sich sonst schwer damit, der Öffentlichkeit Umweltanliegen näher zu bringen.

Roch: Wir tauchen häufig in den Medien auf. Trotzdem ist es schwierig, umweltpolitische Fragen direkt an die Öffentlichkeit zu tragen. Wir müssen unsere Geschäfte erst vom Bundesrat absegnen lassen, bevor wir damit vor das Publikum treten. Aber wir prägen die Politik auch indirekt, weil wir für die anderen Bundesämter die Anlaufstelle für Umweltschutzfragen sind. Das verlangt von uns viel Uberzeugungsarbeit. Davon hört man in den Medien nichts.


Beobachter: Mit dem Umweltbewusstsein der Schweizerinnen und Schweizer ist es nicht mehr weit her. Laut einer Umfrage betrachten nur noch 18 Prozent der Bevölkerung die Umwelt als das grösste Problem. 1995 waren es noch 31 Prozent. Was haben Sie denn falsch gemacht?

Roch: Ich habe zwei Erklärungen für dieses Phänomen. Um es zuerst positiv zu formulieren: Umweltschutz ist heute ein viel alltäglicheres Thema als noch vor zehn Jahren. Deshalb denken die Leute nicht primär an Umweltschutz, wenn sie zu ihren Sorgen befragt werden.


Beobachter: Und was ist die negative Erklärung für das geschwundene Umweltbewusstsein?

Roch: Es gibt eine Veränderung in der Gesellschaft, die mir ernsthafte Sorgen macht: Das ist der Hedonismus, diese wieder aufgekommene Konsumfreundlichkeit.

Viele Leute haben doch nur noch das Geld im Kopf – sie wollen Mobilität, Ferien und so weiter. Die Werte, die unsere Beziehung zur Natur prägen, kommen da oft viel zu kurz. Gerade das Beispiel des Luchses zeigt mir allerdings, dass die Leute trotzdem noch fähig sind, die Schönheiten der Natur zu spüren und auch zu verteidigen.


Beobachter: Im Buwal-Strategiepapier von 1999 betonen Sie die Eigenverantwortung jedes Einzelnen als wichtiges Instrument für den Umweltschutz. Sie scheinen aber zu zweifeln, ob dieses Konzept beim Publikum schon angekommen ist.

Roch: Es gibt sehr positive Resultate, zum Beispiel im Bereich Abfall: Dort liegt die Recyclingquote von Verpackungen und Batterien bei 80 Prozent. Das ist doch ein konkreter Beweis dafür, dass die Bevölkerung bereit ist mitzumachen, wenn wir vernünftige Lösungen präsentieren können.


Beobachter: Anderseits hat aber die Abfallmenge im vergangenen Jahr um mehr als vier Prozent zugenommen, der Benzinverbrauch um 3,3 Prozent, der Stromverbrauch um 3,2 Prozent…

Roch: Bis vor kurzem ist man davon ausgegangen, dass man die Umweltverschmutzung durch technologische Fortschritte in den Griff bekommen kann. Jetzt sind wir an einem Punkt, wo wir uns Fragen nach den Grenzen des Wachstums stellen müssen, Fragen zu unserem Energiekonsum und zur Mobilität etwa. Technische Verbesserungen werden in Zukunft nicht genügen, um die Umweltzerstörung zu stoppen.

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Beobachter: Heisst das denn, dass Umweltpolitik wieder vermehrt über Verbote gemacht wird?

Roch: Ich hoffe nicht. Ich finde es viel besser, wenn man den Konsens sucht und freiwillige Ziele definiert. Verbote sind manchmal notwendig, aber was wir durch Freiwilligkeit und Konsens erreichen, ist immer effizienter. Es kommt glücklicherweise immer häufiger vor, dass innerhalb eines internationalen Konzerns weltweit einheitliche Umweltmassstäbe gelten. So können Umweltprobleme viel schneller gelöst werden als via die Politik. Auf politischer Ebene sind internationale Umweltabkommen sehr schwierig auszuhandeln.


Beobachter: Gerade das CO2-Gesetz, das demnächst in Kraft tritt, zeigt aber, dass mit der Wirtschaft ausgehandelte Kompromisse stark zu Lasten der Umwelt gehen. Die Fachleute waren sich ja einig, dass der CO2-Ausstoss um 20 Prozent gesenkt werden muss und nicht bloss um 10 Prozent, wie jetzt beschlossen wurde.

Roch: Ich bin überzeugt, dass wir, wenn die Menschheit überleben will, eine Reduktion zwischen 50 und 80 Prozent brauchen. Aber das ist wirtschaftlich und politisch nicht möglich. Mit dem CO2-Gesetz haben wir allerdings eine historische Wende erreicht: Bisher wurde die Forderung nach einer Reduktion immer als Angriff auf die Grundwerte des Staats betrachtet. Jetzt haben wir – auch dank der Zusammenarbeit mit den Wirtschaftsverbänden – erstmals eine Reduktion im Gesetz festgeschrieben.


Beobachter: Möglicherweise ist ja die Wirtschaft auch zu solchen Zugeständnissen bereit, weil die vorgesehenen Sanktionen sehr schwach sind.

Roch: Meiner Ansicht nach hat die Wirtschaft die Reduktion befürwortet, weil sie sieht, dass sie dieses Ziel erreichen kann. Umweltschutz hat etwas mit Vernunft zu tun. Das zeigt sich am Beispiel der chemischen Industrie: Wer umweltgerecht arbeitet, erzielt auch eine bessere Rendite.

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Beobachter: Die Industrie ist ein Aspekt, das individuelle Verhalten ein anderer. In den letzten Jahren haben ja der Verkehr und der Schadstoffausstoss enorm zugenommen.

Roch: Der Verkehr bleibt für mich ein Sorgenkind. Auch die eigentlich gute Politik von Bundesrat und Parlament wird da keine Kehrtwende schaffen.


Beobachter: Man könnte es doch mit einem Benzinpreis von fünf Franken pro Liter versuchen, wie Sie ihn bei Ihrem Amtsantritt gefordert haben.

Roch: Klar wäre das eine Möglichkeit. Mittlerweile müsste man wegen der Inflation aber bereits sechs Franken verlangen. Für das Benzin wäre das der einzig vernünftige Preis. Aber das ist sozial und politisch unmöglich – wenigstens im Moment.


Beobachter: Im Herbst stimmen wir über ein ganzes Paket von Energievorlagen ab. Allen ist gemeinsam, dass sie Förder- oder Lenkungsabgaben enthalten. Was erhoffen Sie sich von diesen Abgaben?

Roch: Zum Ersten ein Signal. Wir müssen endlich lernen, dass die Ressourcen einen Preis haben – nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen ökologischen. Ziel ist eine Reduzierung des Energieverbrauchs und eine Preiserhöhung, die durch soziale Vorteile kompensiert wird. Zweitens wird dank der Förderabgabe Geld für die Förderung der rationellen Energienutzung und der erneuerbaren Energien zur Verfügung stehen. Ich denke insbesondere an Holz; das ist eine einheimische Energiequelle, die nur ungenügend genutzt wird…


Beobachter: …nach «Lothar» sind Sie ja geradezu verpflichtet, das zu sagen.

Roch: Holz ist so oder so eine gute einheimische Energiequelle.


Beobachter: Mit der Förderung der Holzenergie schafft man das CO2-Problem aber noch nicht aus der Welt.

Roch: Im Vergleich zu Öl ist Holz CO2-neutral. Dazu kommt die Solarenergie, die bisher viel zu wenig gefördert wurde. Mit der Abgabe wollen wir – und das ist der dritte Punkt – die Industrie auf diesem Gebiet fördern. Es gibt da einen riesigen Markt, und die Schweiz macht zu wenig, weil wir bisher nur sehr kleine Subventionen hatten.

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Beobachter: Stromlobby und Wirtschaftsvertreter wehrten sich aber mit Händen und Füssen gegen die Abgabe. In diesen Kreisen scheint die Solarenergie nicht eben ein populäres Anliegen zu sein.

Roch: Richtig. Die Schweizer Industrie war in dieser Beziehung zu wenig innovativ, wenn man von einzelnen Pionierunternehmen absieht. Es fehlt oft der Wille zu langfristigen Investitionen. Dabei zeigt gerade das Beispiel des kleinen Dänemark, dass sich solche Investitionen auszahlen: Dort hat man sehr viel in die Windenergie investiert. Jetzt ist Dänemark die erste Adresse in der Welt für die Produktion von Windgeneratoren. Die Schweiz als Spitzenland für Feintechnologie hätte also durchaus eine Chance.


Beobachter: Sie klingen jetzt vorsichtig optimistisch. Anderseits haben Sie vorhin auch gesagt, der Energieverbrauch müsste weltweit um 50 bis 80 Prozent abnehmen, damit die Erde überhaupt eine Uberlebenschance hat.

Roch: Es gibt genügend pessimistische Szenarien: Die Wälder werden alle kaputtgehen, die Landwirtschaftsgebiete werden zu Wüsten, für viele Menschen wird es nicht genügend Wasser geben, und die Nahrungsmittel werden knapp. Da bleibt keine Chance mehr für die Menschheit.


Beobachter: Dann könnten Sie ja eigentlich gleich zurücktreten.

Roch:
Wenn man die Entwicklung der Erde vom Urknall bis heute anschaut, ist nie der wahrscheinlichste Fall eingetreten, und deshalb bin ich optimistisch: Die Aussichten stehen schlecht, aber wir haben jetzt die richtigen Instrumente, um etwas dagegen zu tun. Mit Visionen, Zielen und Willen können wir selbst scheinbar Unmögliches erreichen.

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