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Abstimmung«Die Vollgeld-Initiative passt zum Zeitgeist»

Die Vollgeld-Initiative will das Finanzsystem sicherer machen. Das ergibt Sinn, sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Es gebe aber bessere Möglichkeiten.

Sommer 2014, in Bern: Helvetia und Wilhelm Tell sammeln Unterschriften für die Vollgeld-Initiative.
von aktualisiert am 08. Mai 2018

Beobachter: Die Vollgeld-Initiative Endlich verständlich Darum geht es bei der Vollgeld-Initiative will unser Geld krisensicher machen. Wieso kommt sie jetzt, da die Wirtschaft eigentlich ganz gut läuft?
Tobias Straumann: Der Wirtschaft geht es nicht nur gut, die Finanzkrise wirkt bis heute nach. In der Schweiz haben wir nach wie vor Negativzinsen, und die Bilanz der Nationalbank ist aufgebläht. Zudem ist die Eurokrise nicht wirklich ausgestanden, viele fundamentale Probleme sind ungelöst. Alle wissen, dass bei der Geldpolitik einiges im Argen ist, und das drückt sich in solchen Vorstössen aus.

Beobachter: Sind denn so viele Leute verunsichert?
Straumann: Das ist mein Eindruck. Negativzinsen sind ja etwas Absurdes: Ich bekomme Geld, wenn ich mich verschulde. Und die UBS-Rettung wirkt bis heute nach. Sie ist ja erst zehn Jahre her, und viele erinnern sich noch gut daran. In diesem Sinn passt die Vollgeld-Initiative zum Zeitgeist.

Beobachter: Ist das Misstrauen gegenüber den Banken grösser als früher?
Straumann: Ja, definitiv. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren eine ruhigere Zeit für die Banken. Erst die Immobilienkrise der 1990er Jahre rüttelte die Schweiz richtig auf. Sie betraf vor allem Regional- und Kantonalbanken. In den 2000er Jahren begannen dann die Probleme mit den Grossbanken. Die Dotcomblase traf die Credit Suisse hart, und in der Finanzkrise folgte die Rettung der UBS. Seither geniessen die Grossbanken nicht mehr denselben Ruf wie früher. Das Misstrauen wird besonders spürbar bei der Diskussion um die hohen Boni und Löhne.

Portrait Straumann

«Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte sich: Eine Politisierung der Geldpolitik führt immer zu Inflation.»

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker und lehrt an den Universitäten Basel und Zürich.

Beobachter: Aber ist es nötig, unser Geldsystem grundlegend zu verändern?
Straumann: Es gibt unterschiedliche Meinungen. Aber das System funktioniert meiner Ansicht nach in dem Sinne gut, dass wir heute keine gravierende Deflation oder Inflation haben. Ein Problem sind jedoch die Schuldenzyklen. 

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Straumann: Die Finanzkrise brach ja auch deshalb aus, weil in der Aufschwungsphase zu viel Geld geschaffen und damit die Konjunktur verstärkt wurde. Wenn es der Wirtschaft gutgeht, kommt es zu einem Boom, wie wir ihn derzeit im Immobiliensektor erleben. Bei einem Abschwung verschärft das Bankensystem die Krise aber eher. Das Problem kennen wir schon lange. Es ist also richtig, dass man darüber nachdenkt, unser Geldsystem zu verändern. Das System ist sicher nicht kaputt, lässt sich aber durchaus reformieren.

Beobachter: Banken können selber Geld schöpfen. Die Initianten sehen darin den Ursprung zügelloser Geschäftspraktiken. Ist da etwas dran?
Straumann: Ja, das führt zu Übertreibungen, im Boom wie in der Krise. Seit der Goldstandard in den 1970er Jahren abgeschafft wurde, können Zentral- und Geschäftsbanken praktisch unbeschränkt Geld schaffen. Die Folge sind starke Schwankungen in der Kreditversorgung. Das wirkt eher destabilisierend.

Beobachter: Was kann man dagegen tun?
Straumann: Man muss sich überlegen, wie man verhindern kann, dass die Kredittätigkeit der Banken zu einem Systemproblem wird. Hier geht die Vollgeld-Initiative sehr weit. Sie untersagt den Banken die Geldschöpfung gleich ganz. Bisher versuchte man, die Sicherheit zu erhöhen, indem man die Eigenmittel- und Liquiditätsvorschriften verschärfte. Ich bin zwar der Meinung, dass die Vorschriften noch zu wenig streng sind, finde aber, dass dieser Weg sinnvoller ist.

Worum geht es bei der Vollgeld-Initiative?

Am 10. Juni stimmt die Schweiz über die Vollgeld-Initiative ab. Die Initianten wollen primär den Schutz der Gelder von Bankkunden erhöhen und dafür sorgen, dass Bankenrettungen nicht mehr nötig sind. Ihr Rezept: ein Verbot für Banken, selber Geld zu produzieren. Damit stossen sie jedoch auf wenig Gegenliebe: Die Kritiker warnen vor einem Hochrisiko-Experiment, das künftige Finanzkrisen auch nicht verhindern könne.

Aber um was geht es ganz konkret? Wir beantworten die zehn wichtigsten Fragen zur Vorlage.

Beobachter: Wenn nur noch die Nationalbank Geld schöpfen kann, wird sie dann nicht zu mächtig?
Straumann: Es ist bereits heute ein Problem, dass das kleine Entscheidungsgremium der Nationalbank eine so grosse Wirkung erzielen kann, wie etwa bei der Einführung und Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses. Die Nationalbankspitze, die mächtigste wirtschaftspolitische Institution, wird vom Bundesrat ernannt, nicht vom Volk gewählt. Das lässt sich gut begründen, weil die Nationalbank die Freiheit haben muss, auch unpopuläre Dinge zu tun. Aus demokratischer Sicht ist das aber nicht unproblematisch.

Beobachter: Könnte sich die Nationalbank besser gegen die Politik wehren, wenn sie mächtiger wäre?
Straumann: Nein. Früher war Geldpolitik kaum ein öffentliches Thema, heute wird jeder Entscheid breit diskutiert. Die Bevölkerung kann zwar nicht mitbestimmen, aber die öffentliche Diskussion hat durchaus Wirkung. Auf eine Nationalbank, die für die Kreditvergabe wichtiger und damit mächtiger wäre, würde das Parlament wohl bald Druck machen und mehr Mitsprache verlangen. 

Beobachter: Wäre das ein Problem?
Straumann: Die Erfahrungen einiger Länder nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen klar: Eine Politisierung der Geldpolitik führt immer zu Inflation. Denn im Zweifelsfall wollen es sich Politiker nicht leisten, zu restriktiv zu sein, schon gar nicht vor einer Wahl. Das führt zu Zielkonflikten, da Nationalbanken eher mittel- bis langfristig ausgerichtet sind.

Beobachter: Auf der einen Seite gibt es heute den Hype um Kryptowährungen, auf der andern den Wunsch nach krisenfestem Geld. Wie passt das zusammen?
Straumann: Beides ist Ausdruck des gleichen Symptoms. Nach dieser wirklich heftigen Finanzkrise herrscht immer noch Verunsicherung in der Bevölkerung. Darauf gibt es unterschiedliche Reaktionen, beide sind typisch für die Zeit nach einer grossen Finanzkrise. Immer wenn die Welt aus den Fugen geraten ist, kommt es zu politischen Gegenbewegungen. Es gibt gute Argumente für beide Stossrichtungen. Und es wäre nicht gut, wenn die Leute alles widerstandslos hinnähmen.

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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2 Kommentare

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ankhjav
Sie sagen – wie auch Bundesrat und Economiesuisse "das System funktioniert meiner Ansicht nach in dem Sinne gut, dass wir heute keine gravierende Deflation oder Inflation haben." – 50% höhere Immobilienpreise in 18 Jahren bei stagnierenden Realeinkommen bis weit in den Mitelstand hinein sind keine gravierende Inflation? Dass die Inflation bei den Mieten angetrieben sei durch Zuwanderung und Bevölkerungswachstum wird kaum so relevant sein, wie die weit über der realwirtschaftlichen Wertschöpfung liegenden enormen Mengen an neu geschöpftem Geld, die seit dem Ende der Gold-Anbindung und seit dem Ende des Trennbankensysems in diese Märkte fliessen – der Glaube, dass geld neutral sei, hat verhindert, dass solche Zusammenhänge wirklich bewusst werden. Das nennt sich Assetpreisinflation, z.B. Wertschriften (SMI): in 30 Jahren 300-500% Inflation. Diese Inflation erscheint zwar so nicht in der offiziellen Inflationsberechnung, ist aber trotzdem relevant, weil sich letztlich die meisten Kapitalgewinne irgendwann als Kosten oder Inflation in Konsumentenpreisen niederschlagen. Da fast 90% des neuen Geldes nur durch Schulden – und damit an die Zinseszins-Problematik gebunden – existiert, wächst der Anteil der gesamten Kapitalkosten in den Konsumentenpreisen exponentiell – 1975 ø ca. 15% und heute ø über 40% (Creutz). Deshalb sind rund 90% der Bevölkerung Netto-Zinszahler und nur ca. 1% fliessen letztlich netto diese Zinseinnahmen zu – so werden durch die gesamte Volkswirtschaft erarbeitete Wertschöpfung und Produktivitätszuwachs systemisch nach oben zu 1% hin umverteilt. PS Sie sagten: "Ich bekomme Geld, wenn ich mich verschulde" – haben Sie schon jemanden getroffen, der Schulden gemacht und Zinsen erhalten hätte?

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phit
Herr Straumann sollte eine Bank von innen kennenlernen, wie würde er denn z.,B. ein Akkreditiv abwickeln oder eine Garantie ausstellen? Weiter kennt er die praktischen Auswirkungen der Liq.- und Eigenmittelvorschriften nur aus dem Büchlein, praktisch etwas anders als unbeschränkte Geldschöpfung. Gruss PH

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