Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger ist bekannt für abenteuerliche Ideen. Bild: Philippe Rossier / «Blick»

SeebrückeUmleitung über den Zürichsee?

In Zürich ist Platz knapp. Darum will der oberste Baumeister Filippo Leutenegger für drei Jahre eine schwimmende Autobrücke in den See setzen – um eine Zufahrtsstrasse zu erneuern.

von René Ammann

Praktischerweise hat es sich an der engsten Stelle der Limmat in Zürich ein Findling bequem gemacht. Auf seinen Kopf stellte man im frühen Mittelalter einen Pfeiler. Das war die Geburt der Rathausbrücke. Bis vor 200 Jahren war die «Gmüesbrugg», wie Eingeborene sie nennen, nicht nur die erste, sondern auch die einzige.

Inzwischen zählt das Zürcher Tiefbauamt 112 Brücken, und wenn es nach seinem Leiter Filippo Leuten­egger geht, wird es bald eine weitere geben. Drei Jahre lang soll sie vor dem Chinagarten und dem Strandbad Tiefenbrunnen schwimmen und täglich 40'000 bis 50'000 Autos buckeln.

In seinen drei Jahren als Stadtrat verblüfft Leutenegger sein Wahlvolk immer wieder mit kühnen Einfällen. Von seinen 20 oder 100 Ideen könne der Zürcher Düsentrieb vielleicht nur eine umsetzen, sagte er jüngst kleinmütig. Dann fasste er nach: «Die hat es dann aber wirklich in sich.»

Ein paar Kostproben: Der Weg vom Bahnhof Tiefenbrunnen zu den Kliniken über der Stadt ist zu gäch? Ein schmuckes Seilbähnli schafft Abhilfe. Das Polybähnli vom Central zu den Hochschulen ist putzig, aber ächzt unter der Last der vielen Studenten? Eine gedeckte Rolltreppe löst das Problem. Kein Platz für einen Veloweg vom Bellevue zum Schauspielhaus? Zeit für einen Velobalkon über der Strasse!

Und warum nicht elektrische Gütertransporter ohne Chauffeur nachts durch die Gassen surren lassen? Oder eben die schwimmende Brücke auf dem See bauen, um eine der meist­befahrenen Strassen des Landes zu sanieren? Das soll für die zwei Kilometer 85 Millionen Franken kosten.

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Und was ist mit den Enten?

«Wolkenkuckucksheime» schimpfen Gegner Leuteneggers Visionen. Wegen der Seebrücke feilen Quartiervereinspräsidenten bereits an den Formulierungen ihrer Einsprachen und Rekurse, Schwimmer und Segler holen tief Luft. Und was ist mit den Enten?

Stadtrat Leutenegger aber eilt allen voraus. So eröffnete er jüngst das weltweit erste «Fundbüro für Immaterielles». Es liegt im Herzen Zürichs, gleich neben dem Fundbüro für verlorene Handys, Schirme und Handschuhe. Wer seinen Glauben an die Menschheit oder an sich selber verloren hat oder eine alte Liebe gefunden, kann sich melden. Möglich, dass auch die schwimmende Brücke vor Zürichs Ufern auf dem «Fundbüro für Immaterielles» ein Zuhause finden wird.

Zürichs erste Brücke übrigens brach im Jahr 1375 zusammen. Nonnen und Mönche wollten gleichzeitig zum Lindenhof hochsteigen, und keine Gruppe mochte der anderen den Vortritt lassen. Im Stau der Pilger samt den Särgen der Stadtheiligen auf den Schultern gab die Brücke nach. Manche der schreienden Nonnen und Mönche wurden aus dem kalten Wasser gerettet, acht ertranken in der Limmat.