1. Home
  2. Politik
  3. Ausdruck einer tiefen Angst

StandpunktAusdruck einer tiefen Angst

«Make America great again»: Donald Trumps Versprechen sprach genügend Leute an. Bild: Getty Images

Donald Trumps Sieg zeigt, welche politische Macht die Zukunftsängste der Bevölkerung entfalten können. Eine Einordnung der US-Wahlen von Chefredaktor Andres Büchi.

von Andres Büchi

Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, sagt der Volksmund. Das war auch hier der Fall: Man hörte die Warnungen wohl, malte düstere Szenarien vor einer Präsidentschaftswahl, die den USA nur die Alternative zwischen zwei Kandidaturen liess, die beide so wenige Wähler überzeugen konnten wie nie zwei andere Rivalen zuvor. Doch dieses Ergebnis hat kaum jemand erwartet.

Niemals in der Geschichte der USA startete ein Präsident mit so wenig Zustimmung wie Donald Trump in sein Amt, nie zuvor war das Land so gespalten, wenn man den Umfragen in Amerika glauben will.

Aber was wollen und können wir überhaupt noch glauben? Einmal mehr haben sich die allermeisten Medienkommentatoren, Politauguren und Gegenwartsanalytiker geirrt. Donald Trump ist der neue US-Präsident. Das gesamte politische und journalistische Establishment muss zur Kenntnis nehmen, dass es die Ängste, die Unsicherheiten von breiten Kreisen in der Bevölkerung unterschätzt hat.

Das Vertrauen in die Eliten ist weg

Zum zweiten Mal nach der Brexit-Abstimmung zeigt sich, dass die sich immer schneller entwickelnde Globalisierung und Digitalisierung grosse Teile der westlichen Welt derart tief verunsichert, dass sie den Glauben an die Eliten verloren haben; den Glauben daran, dass der von ihnen vorgezeichnete Weg zu stets mehr global vernetztem Denken und Wirtschaftswachstum auch für sie und ihren individuellen Alltag Erfolg versprechend ist.

Wenn der beispiellos gehässig geführte Wahlkampf schon ein Zeichen dafür war, dass sich die Zukunftsaussichten weltweit verdüstert haben und es keine einfachen oder überzeugenden Rezepte mehr gibt, wie wir zu einem friedlicheren und sozial verträglicheren Miteinander zurückfinden könnten, dann ist die Botschaft der Trump-Wahl klar: Weiter so wie bisher soll und darf es nicht gehen.

Viele Menschen in den USA und in Europa wollen eine grundsätzlich andere Politik. Eine, die die lokale und regionale Bevölkerung und deren unmittelbare Interessen wieder stärker in den Vordergrund stellt. Eine Politik, die den eigenen Garten zuerst bewirtschaftet und diesen auch möglichst schützt gegen all das, was aus der grossen Welt an vermeintlichen und echten Bedrohungen ins eigene Leben herüberschwappt.

Die eigenen Interessen zuerst

Man mag das populistisch nennen, man mag solcher Politik vorwerfen, sie sei egoistisch, menschenverachtend gar, wenn es etwa darum geht, andern nicht die gleichen Chancen einzuräumen. Aber es bleibt eine menschliche Eigenschaft, dass spätestens dann, wenns ums eigene Überleben geht, sich jeder selbst der Nächste ist.

Diese normale, aber eher hässliche Seite der Menschen, blenden wir gerne aus, weil wir uns besser sehen möchten, als wir sind. Solange es darum geht, eine ideale Welt zu konstruieren, eine, in der jeder seine Chance hat, dann stimmen wir gerne zu, solange wir dafür möglichst keine individuellen Opfer bringen müssen. Sobald wir uns selber aber in unserer Zukunft bedroht fühlen, wollen wir nur noch eines: möglichst schnellen Schutz.

In diesem Wunsch nach Sicherheit und Aufgehobenheit hat Donald Trump die Mehrheit der US-Wähler erreicht. Dieses Ur-Bedürfnis nach einer klareren, einfacheren, überschaubareren Welt hat auch beim Brexit-Entscheid der Briten mitgespielt. Wenn man sich bedroht fühlt, und einer als Verteidiger einspringt, fragt man nicht nach der Wahl der Waffen.

«Viele Menschen glauben nicht mehr daran, dass diese ideale Welt erreichbar ist. Sie fühlen sich vielmehr verraten.»

Andres Büchi, Chefredaktor

Donald Trump hat dies klarer erkannt als die meisten Intellektuellen, Kosmopoliten, Medien- und Kultureliten. Trumps Wahlkampf war simpel, rüde, rücksichtslos, aber sehr klar in seiner Botschaft: Amerika kommt für ihn zuerst und «we will make America great again». Die Botschaft sprach jeden an: die Abgehängten, die Älteren, die Provinzler genauso wie manche Intellektuelle, die am Weiter-wie-bisher-Lösungsansatz zweifelten. Hillary Clinton und ihre Mehr-desselben-Kampagne überzeugte die Wähler vor diesem Hintergrund nicht mehr.

Natürlich gab sich Trump populistisch, wenn er undifferenziert gegen fast alles Fremde wetterte, das man bloss fernhalten müsse wie die Einwanderer aus Mexiko durch eine grosse Mauer, und schon werde alles besser. Aber das gängige Rezept, alles, was nicht ins gutgläubige Credo der einen freien und gerechten Welt für alle passt, als dumpfe, fehlgeleitete und kurzsichtige Abschottung zu verurteilen, greift zu kurz.

Viele Menschen glauben nicht mehr daran, dass diese ideale Welt erreichbar ist. Sie fühlen sich vielmehr verraten. Verraten von den grossen Konzernen, die ihre Gewinne maximieren und ihre Angestellten dort rekrutieren, wo sie am günstigsten sind. Verraten von der Politik, die ihre Anliegen im Interesse einer angeblich wichtigeren globalen Wirtschaft opfert.  Verraten von einer Finanzelite, die ihr Geld in Sicherheit bringt, während die Zurückgebliebenen die Rechnung dafür bezahlen.

Die Hoffnung auf einen andern Weg

Das alles hat Trump erkannt und gezielt angesprochen. Nur hat auch er keine Lösung anzubieten. Bloss die Hoffnung, dass endlich jemand einen neuen, andern Weg einschlagen will.

Was Trump angesprochen hat – die Angst, die Wut, die Unsicherheit in grossen Teilen der Bevölkerung – wird durch seinen Wahlsieg nicht verschwinden. Das Vertrauen in den Lauf der grossen Welt wird stets davon abhängen, inwiefern es gelingt, Vertrauen in sich selbst zu gewinnen, in sein überschaubares Umfeld, ins eigene Land, in die Politik der Interessen für die eigene Bevölkerung

Donald Trump wird beweisen müssen, ob er das Vertrauen der Amerikaner in die Politik und die Zukunft wieder stärken kann.  Nur: Diese Zukunft wird trotz allem eine globalisierte sein. Trump wird sie nur gestalten können, wenn er auch international verlässliche Partner findet. Deren Vertrauen wird auch er zuerst gewinnen müssen.

In seiner ersten Rede nach der Wahl gab er sich wohl auch deshalb unerwartet staatsmännisch. Den Menschen anderer Länder wolle er die Partnerschaft mit den USA anbieten, nicht die Feindschaft: «Wir werden uns mit allen andern Ländern verstehen, die willens sind, sich mit uns zu verstehen», sagte Trump, «wir werden grossartige Beziehungen pflegen.» Und er versprach, die teils marode Infrastruktur in den USA wieder zu festigen, Arbeitsplätze nach Amerika zurückzuholen, jedem Amerikaner eine Chance zu geben.

Das sind grosse Versprechungen und eine klare Ansage. Er wird daran gemessen werden.

Veröffentlicht am 2016 M11 09