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AutobahnTempo 80 gegen Stau?

Tempo 80 auf der Autobahn könnte bei Stossverkehr zum Standard werden. Bild: Monika Flockiger/Keystone

Die Schweizer Autofahrer stehen immer länger im Stau. Wie lässt sich dieses Problem sinnvoll bekämpfen?

von Reto Stauffacher

 

Es tut sich etwas in der Schweizerischen Verkehrspolitik: Erst vor Wochenfrist hat Bundesrätin Doris Leuthard ein Konzept für Mobility Pricing vorgestellt. Demnach soll die Benützung des Strassen- oder Schienenverkehrs zu Stosszeiten teurer werden als zu Randzeiten. Nun kommt aus Bern ein weiterer umstrittener Vorschlag: Tempo 80 auf der Autobahn. «Es ist sehr wirksam, in den Stosszeiten auf den Autobahnen die Maximalgeschwindigkeit konsequent auf 80 km/h zu reduzieren», sagt Jürg Röthlisberger, Direktor des Bundesamts für Strassen (Astra), im Interview mit Blick. «Wir wollen die Leute damit nicht plagen. Aber schon aufgrund der physikalischen Gesetze ist klar, dass der Verkehr so viel flüssiger ist, weil der Abstand zwischen den Fahrzeugen reduziert werden kann und auch weniger Unfälle passieren. Auf den Hauptverkehrsachsen müssen wir in Zukunft vermehrt zu diesem Instrument greifen.»

 

Als weitere Massnahme bringt Röthlisberger ins Spiel, die Pannenstreifen als zusätzliche Spur für den Verkehr freizugeben: «Diese geben wir zwar sehr ungern her, doch kurzfristig ist das die beste Lösung.» Ein Pilotversuch in Morges-Ecublens habe gezeigt, dass der Verkehrsfluss verbessert, die Unfallrate gesenkt und der Schadstoffausstoss reduziert werden konnte.

33 Stunden Stau pro Person

 

Der Grund für solche Massnahmen: Die Schweizer Autofahrer stehen immer länger im Stau – seit 2009 haben sich die Staustunden mehr als verdoppelt. Durchschnittlich 33 Stunden stand ein Autolenker vergangenes Jahr im Stau. Damit belegt die Schweiz in Europa den 5. Platz hinter Belgien, den Niederlanden, Deutschland und Luxemburg. Am Gubrist-Tunnel bei Zürich zum Beispiel staut sich der Verkehr an 355 Tagen im Jahr, am Baregg auf der A1 an 352 Tagen, in der Agglomeration von Genf an 285 Tagen. Als Stautag zählt dabei jeder Tag, an dem es einmal oder mehrmals Stau gibt oder wenn der Verkehr während mindestens einer Stunde nur mit Tempo 10 oder langsamer fliesst.

 

Das ist nicht nur ärgerlich für den Autofahrer, sondern auch sehr teuer: Die volkswirtschaftlichen Kosten, die der Stau jährlich verursacht, belaufen sich auf rund 1,6 Milliarden Franken. Höchste Zeit also, über Massnahmen zu diskutieren.

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Doch ist Tempo 80 auf Autobahnen die richtige Lösung? Eine dynamische Verkehrsregelung, welche bei hohem Verkehrsaufkommen zumindest vorübergehend das Tempo reduziert, wird auf der A1 rund um den Baregg-Tunnel bereits getestet. Mit Erfolg, wie das Astra mitteilt: «Der Verkehr fliesst regelmässiger und staut sich weniger». Schaut man auf die Zahlen, sieht es weniger gut aus: Der Stau hat sich seither lediglich auf hohem Niveau stabilisiert.

 

«Für kurze Strecken wie am Baregg ist das sicherlich eine gute Lösung», anerkennt SVP-Nationalrat und Verkehrsunternehmer Ulrich Giezendanner. Der Vorteil dieses Systems sei, dass das Tempolimit nur vorübergehend gelte. Nachts oder an den Wochenenden, wenn es weniger Verkehr hat, darf weiterhin mit 120 km/h gefahren werden. Doch Giezendanner wehrt sich vehement dagegen, solche Zonen auszubauen. Im Fokus müsse der Ausbau des Strassennetzes stehen. Das sieht auch Röthlisberger vom Astra so. Er betont allerdings: «Um alle Engpässe zu beseitigen, bräuchten wir rund 19 Milliarden Franken». Momentan verfüge man über 5,5 Milliarden, womit man das Dringendste machen könne. Er hoffe, dass das Geld nach und nach freigegeben werde. In Planung sind Erweiterungen bei Winterthur, Zürich und Genf sowie auf der A1.

 

Ähnlicher Meinung ist auch Christian Wasserfallen, FDP-Nationalrat und Präsident des Automobilclubs Schweiz (ACS): «Kurzfristig ist es die beste Lösung, die bestehenden Ressourcen besser zu nutzen. Längerfristig allerdings braucht es bauliche Projekte.» Dazu müsse man auch mal ein bisschen pragmatischer vorgehen und gewisse Vorhaben beschleunigen, denn: «Viele der Staustunden sind hausgemacht, weil man Spuren wegnimmt an zentralen Orten».

Veröffentlicht am 2016 M07 13