Beobachter: Gratulation, Herr Ritter. Sie ­haben gerade wieder einmal demonstriert, wie sehr Sie das Parlament im Griff haben.
Markus Ritter: Wir konnten in der Herbst­session im Nationalrat beim Zahlungsrahmen für die finanziellen Mittel der Landwirtschaft einen Etappenerfolg verbuchen. Aber das Geschäft muss noch in den Ständerat. Dort wird es sicher schwieriger.

Beobachter: Sie haben es geschafft, eine Kürzung der ­Direktzahlungen um 500 Millionen Franken zu verhindern. Ursprünglich wollte der ­Bundesrat den Bauern ja sogar 700 Millionen streichen.
Ritter: Richtig, und wir sind sehr froh, dass wir diese Kürzung abwenden konnten.

Beobachter: Im Grossen und Ganzen kann man also ­sagen: Kürzungen und weitere Einsparungen bei der Landwirtschaft sind für Sie ­absolut tabu.
Ritter: Bei den Direktzahlungen ist das so. Das hängt mit den Aufgaben zusammen, die wir Bauern im Rahmen der Agrarpolitik 2014–2017 erfüllen müssen. Wenn wir ­unseren Job gut machen und alle zufrieden sind, dann kann ich den Bauern nicht ­erklären, warum man jetzt die Direktzahlungen und damit ihr Einkommen kürzen will. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, dass sich auch die Umweltallianz gegen die Kürzung ausgesprochen hat.

Beobachter: Sie haben Greenpeace, den WWF…
Ritter: Und den Tierschutz!

Beobachter: ... und den Tierschutz auf Ihre Seite ­gebracht. Wie schaffen Sie das?
Ritter: Indem wir das tun, was wir sagen, und das sagen, was wir tun. Wir sind ehrlich, offen und transparent. Man kennt meinen Lohn, man weiss, was ich genau mache, und Sie können jederzeit auf meinen ­Betrieb kommen und jede Stalltür öffnen. Mein Hof liegt in einem Landschaftsschutzgebiet, in einer Zone mit schützenswerter Bausubstanz…

Beobachter: Stopp, stopp, genug!
Ritter: Wissen Sie, es ist ganz wichtig, dass man ehrlich ist. Die Leute merken, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden sind, dass ich es ehrlich meine. Der Bauernverband ist zum Glück seit seiner Gründung im Jahr 1897 parteipolitisch neutral. Deshalb bin ich der Gesellschaft von links bis rechts gleichermassen verpflichtet.

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Beobachter: Der Bauernverband ist wahrscheinlich ­neben dem Parlament das wichtigste ­politische Gremium hierzulande.
Ritter: (Lacht) Das ist jetzt doch ein wenig hoch gegriffen. Der Gewerbeverband ist schon noch grösser. Wir haben 85 Mitglieds­sektionen. Der Gewerbeverband hat etwa 300, und Economiesuisse hat das grössere Mitgliederpotenzial. Aber das heisst nicht, dass die anderen erfolgreicher sein müssen.

«Wenn wir alles hätten... Die Initiative zur Ernährungssicherheit hat einen sehr langfristigen Zweck.»

Markus Ritter

Beobachter: Sie sind im Parlament auch ganz anders vertreten als der Gewerbeverband oder Economiesuisse. Wir haben bei unserer Auswertung über 50 Bauernvertreter gefunden, quer durch fast alle Parteien.
Ritter: Das allein ist noch kein Garant für den ­Erfolg. Wichtig ist, dass man es schafft, all die verschiedenen Positionen früh zu konsolidieren und dann den ganzen Trupp in eine Richtung zu führen. Warum haben wir Eidgenossen die Schlacht bei Marignano verloren? Weil ein paar Kan­tone fanden, Marignano sei nichts für sie, und den Heimweg vorzeitig antraten. Oder warum hat man die Berner Bauernkriege verloren? Weil sich die führenden Köpfe übertölpeln liessen. Die Kunst ist, dass man mit der richtigen Person zum richtigen Zeitpunkt am ­richtigen Ort das Richtige tut und klare Ziele hat.

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Beobachter: Aus diesem Grund machen Sie jeweils zu Beginn der Session auch Ihre Befehls­ausgabe an die Bauernvertreter.
Ritter: Ja, wir treffen uns in der Konferenz der bäuerlichen Parlamentarier. Dort sagen wir, was für Ziele wir haben, und die Parlamentarier sagen, was sie da­rüber denken. Dann schauen wir, wo wir wie gemeinsam vorgehen können. Das ist nicht immer ganz einfach. Von der Grünen Maya Graf bis zur SVP ist es oft schon eine ziemliche Distanz.

Beobachter: Und trotzdem schafft es der Bauern­verband immer wieder, im Parlament und auch ausserhalb für seine Anliegen politischen Druck auszuüben.
Ritter: Das erwarte ich auch von einem schlagkräftigen Verband, der etwas ­erreichen will.

Beobachter: Wem dient eigentlich die vom ­Bauernverband lancierte Initiative zur Ernährungssicherheit am meisten? Wollen Sie damit einfach die eigene Klientel bei Laune halten? Einen anderen Sinn können wir beim besten Willen nicht erkennen.
Ritter: Die Initiative hat einen sehr langfristigen Zweck. Wir hören immer wieder den Vorwurf, sie sei zu wenig konkret.

Beobachter: Aber mit der neuen Agrarpolitik haben Sie doch schon alles, was Sie in dieser Initiative fordern.
Ritter: Wenn wir alles hätten... Schon der Bundesrat hat in seinem Bericht festgestellt, dass es eine Lücke in der Verfassung gibt, weil kein Auftrag besteht, die Verfügbarkeit der Lebensmittel in der Schweiz zu gewährleisten.

Beobachter: Wir haben mit verschiedenen Vertretern von Mitgliedsorganisationen des Bauernverbands gesprochen. Deren Begeisterung für die Ernährungssicherheitsinitiative ist bestenfalls mässig. Selbst diese Bauernfunktionäre geben zu, dass es die Initiative eigentlich nicht brauche.
Ritter: Ich habe einen anderen Eindruck. Wir haben in drei Monaten 150'000 Unterschriften gesammelt. Das war ein ­Rekord! Wenn diejenigen, die jetzt ­Kritik üben, alle noch mehr Gas ge­geben hätten, wären es vielleicht sogar 300'000 Unterschriften geworden. An der Basis haben wir aber eine riesige Bereitschaft festgestellt, etwas für die Initiative zu leisten. Wenn ich mit den Leuten rede, dann höre ich sehr viel Positives.

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Quelle: Martin Raaflaub