Die Autofahrer fühlen sich stark benachteiligt: Sie zahlen Jahr für Jahr mehr, als sie kosten. ­Eine «krasse Ungleichbehandlung», finden die Verantwortlichen der «Milchkuh»-Initiative. Von den Autofahrer-Abgaben würden bloss 30 Prozent für die Strasseninfrastruktur verwendet und Milliarden für den öffentlichen Verkehr «zweckentfremdet». Daher fordern sie 1,5 Milliarden Franken mehr für den Strassenbau. Da­rüber wird Anfang Juni abgestimmt.

Ausgeblendet wird, dass der Stras­senverkehr in der Schweiz jährlich Kosten von 14 Mil­liarden Franken verursacht – ohne dass eine einzige Stras­se gebaut oder eine Ampel auf Grün gestellt wird. Es ist der Betrag für Unfälle, Lärm und Luftverschmutzung. Gut die Hälfte davon bezahlen wir über Versicherungsprämien. Die restlichen 6,6 Milliarden sind nicht gedeckt, man spricht von «externen» Kosten. Und das ist noch eine vorsichtige Schätzung.

Die «Milchkuh»-Initianten glauben also, bloss 30 Prozent der Strassen­abgaben an den Bund flössen zurück in die Strasseninfrastruktur. Gemäss den offiziellen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) sind es aber 74 Prozent: 5,1 von knapp 6,9 Milliarden. Der Bund nimmt also mehr ein, als er für Strassen ausgibt. Bei den Gemeinden jedoch ist das Verhältnis umgekehrt. Letztlich gleichen sich bei der öffentlichen Hand Einnahmen aus der Strasse und Ausgaben für deren Infrastruktur in etwa aus.

Quelle: Keystone/Dominique Favre

Der «Wert» eines Verkehrstoten

Laut den Befürwortern der «Milch­kuh»-Initiative sind alle Abgaben der Motorfahrzeuglenker zusammen höher als die landesweiten Aufwendungen für Strassen. «Der motorisierte Strassenverkehr deckt seine Infrastrukturkosten zu 108 Prozent», bestätigt BFS-Experte Christian Gigon.

Wenn man den Blickwinkel weiter fasst, ergibt sich allerdings ein anderes Bild. «Au­to­fahrer kommen nicht annähernd für die gesamten Kosten auf, die sie verursachen. Die Preise im Stras­senverkehr ‹lügen›», sagt Udo Becker, Professor für Verkehrsökologie an der Technischen Universität Dresden.

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Das Problem sind die Schäden, die der motorisierte Verkehr ver­ursacht. Dazu gehören die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf Mensch, Umwelt und Gebäude, der Klimawandel, der Lärm sowie die Unfallfolgen. Jede Wirkung hat ihren «Preis». Ein Menschenleben zählt beispielsweise drei Millionen Franken. Bei Umweltschäden rechnet man, welcher Betrag nötig wäre, um die angerichtete Zerstörung in ­Zukunft zu vermeiden oder den ­ursprünglichen Zustand wieder­herzustellen.

Was kostet eine schlaflose Nacht?

Dieser «Preis» ist in der Regel eine Schätzung. Wie genau lassen sich die Schäden durch «Verminderung von landwirtschaftlichen Flächen infolge Ozonbelastung» beziffern? Was kostet der Klimawandel? Das gleiche ­einem «Stochern im Nebel», sagt Verkehrsexperte Becker.

Der entscheidende Punkt ist aber, dass keiner diese Kosten heute übernimmt. Sie werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Wenn ein Haus wegen des Strassenlärms weniger wert ist oder die Bewohner nicht schlafen können, tragen sie den Schaden allein.

«Autofahrer kommen nicht annähernd für die gesamten Kosten auf, die sie verursachen.»

Udo Becker, Verkehrsökologe

Quelle: Keystone/Dominique Favre
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Quelle: Keystone/Dominique Favre


Becker bezeichnet die Schweizer Verkehrskostenstatistik trotzdem als «international wegweisend». Andere Berechnungen kommen auf sehr viel höhere externe Kosten. Folgt man dem Ansatz, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Simulation des Klimawandels verwendet, verursacht der Schweizer Motorverkehr jährlich Klimakosten von rund zehn Milliarden Franken. Laut BFS sind es nur 1,3 Milliarden.

«Bei den externen Kosten wird ­geschummelt», ist der Unternehmer und ETH-Wissenschaftler Anton Gun­zinger überzeugt. Das Autofahren dürfe nicht allzu teuer erscheinen. Nach seiner eigenen Mobilitätsrechnung betragen die externen Aufwendungen für den Motorverkehr in der Schweiz gegen 40 Milliarden – unter anderem wegen viel höherer Klimawandel-Schäden.

Auch der deutsche Verkehrs­experte Becker rechnet mit höheren Beträgen als die Bundesstatistiker. In einer Studie kommt er für die EU-Länder auf drei Prozent des Bruttoinlandprodukts: Für die Schweiz wären das 19 Mil­liarden Franken externe Kosten pro Jahr, fast dreimal so viel wie die «offiziellen» 6,6 Milliarden.

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«Bei den externen Kosten des motorisierten Verkehrs wird geschummelt.»

Anton Gunzinger, ETH-Ingenieur

Quelle: Keystone/Dominique Favre
Quelle: Keystone/Dominique Favre
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Ein Liter Benzin für zehn Franken

Wichtiger als die Höhe des Betrags sei aber, damit zu beginnen, den Verursachern überhaupt Kosten zu verrechnen, sagt Udo Becker. «Heute dürfen Autofahrer anderen Schäden zufügen, ohne dafür zu bezahlen.» Ein Grund dafür sei die Macht der Autolobby. «Langfristig ist das ökonomisch unsinnig, denn so wird ineffizienter Verkehr erzeugt.»

Wenn die Autofahrer die externen Kosten mitdecken müssten, würden sich ihre Abgaben verdoppeln – mindestens. Für Anton Gunzinger wären sogar zehn Franken für einen Liter Benzin angemessen. «Doch nicht mal die linken und grünen Parteien fordern eine deutliche Benzinpreiserhöhung. Sie haben Angst, dass das bei den Bürgern nicht gut ankommt.»

So gesehen ist das Auto weniger eine Milchkuh, die geschröpft wird. Sondern eher eine heilige Kuh, die gehätschelt wird.



Autor: Daniel Bütler
Bild: Keystone/Dominique Favre
Infografiken: Andrea Klaiber und Anne Seeger
Quelle: BFS