1. Home
  2. Politik
  3. Editorial: Die Bauern sind der Politik liebstes Kind

EditorialDie Bauern sind der Politik liebstes Kind

«Bei einem Zahlungsrahmen von 13,8 Milliarden Franken Bundesgeldern sind ein paar Fragen an die Bauernlobby berechtigt», schreibt Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi im Editorial zur neuen Ausgabe.

«Spardruck gilt für alle – auch für die Bauern.»
von

Das Emmentaler Bauernhaus mit dem typischen tief gezogenen Dach und dem angrenzenden «Stöckli» für die Eltern, wenn sie den Hof den Nachkommen überlassen, hat das Image der Schweiz für Generationen wesentlich geprägt.

Es ist in unseren Köpfen drin und steht für unser Idealbild des Bauerndaseins in der Schweiz. Noch heute wird das Bild eines intakten Berner Bauernhofs im satten Grün sanfter Hügel gern als Werbesujet für eine besonders intakte Landwirtschaft gebraucht. Und viele Bauern sind zu Recht stolz auf ihren Hof und leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Versorgungssicherheit, für den Reiz und die Pflege unserer Landschaft und nicht zuletzt für den Erhalt eines Stücks vermeintlich guter alter Sehnsuchtsschweiz.

Doch das Bild täuscht. Längst ist die Landwirtschaft auch in der Schweiz zu einer wichtigen Industrie geworden. Das ist gar nicht anders möglich, es ist dem Druck der Ökonomisierung geschuldet, die alle Bereiche trifft. Die Landwirte müssen ihre Anliegen und Pfründen verteidigen.

Beobachter-Chefredaktor Andres Büchi.

«Wieso werden die Wünsche des Bauernverbands fast automatisch Gesetz?»

Andres Büchi, Chefredaktor

Und um gegen die internationale Konkurrenz zu bestehen, müssen sie immer schlanker und effizienter produzieren und sollten ihren Hof dennoch möglichst naturnah betreiben. Unsere Titelgeschichte «Die Macht der Bauern» soll die grosse Leistung unserer Bauern nicht schmälern. Aber bei einem Zahlungsrahmen von 13,8 Milliarden Franken Bundesgeldern für die nächsten vier Jahre sind ein paar Fragen berechtigt.

Wie ist es möglich, dass der Nationalrat sämtliche Sparanträge des Bundesrats für die Landwirtschaft gestrichen hat? Wer zieht in Bauernverband und Agrarindustrie die Fäden? Wie ist es zu erklären, dass die Wünsche des Bauernverbands in der Schweiz fast automatisch Gesetz werden?

51 Parlamentarier lobbyieren für Bauern

Unsere Autoren Otto Hostettler und Thomas Angeli sind diesen Fragen nachgegangen. Sie zeigen die organisatorischen Vernetzungen der 54000 Bauernfamilien in der Schweiz, beleuchten das Industriegebilde von mehr als 100 verbundenen Organisationen und Institutionen und die einflussreiche Rolle der 51 Parlamentarier in National- und Ständerat, die direkt oder indirekt der Lobby der Bauern zuzurechnen sind.

Das Bild, das dabei entsteht, erklärt, wieso die Bauern im Stabilisierungsprogramm 2017 bis 2019 «ungeschoren davonkommen», wie die NZZ bilanzierte. Die Bauern sind der Politik liebstes Kind.

Spardruck gilt aber für alle. Bei allem Verständnis für die Landwirte und ihre wichtige Aufgabe sollte das Parlament nicht vergessen, dass es ebenso legitime Bedürfnisse der städtisch orientierten Bevölkerung und der wirtschaftlich wichtigen Zentren der Schweiz gibt.

Mehr zum Thema

Die Macht der Bauern

Die Landwirtschaftslobby hat ein Paralleluniversum errichtet. Mit durchschlagendem Erfolg: Sie erstickt jede Sparidee im Keim und kanalisiert die Finanzströme in ihre Richtung.

zum Artikel

Der neue Beobachter ist da

Die Themen des aktuellen Hefts

Die Macht der Bauern – Wie die Landwirtschafts-Lobby die Schweizer Politik steuert / Billig-Bus: Konkurrenz für die SBB? / Sex-SMS: Wo beginnt Belästigung?

Der Beobachter 20/2016 erscheint am Freitag, 30. September. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Veröffentlicht am 27. September 2016