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EditorialWarum ohne Not den Stecker ziehen?

Die «No Billag»-Initianten sind fern jeder Realität, findet der stellvertretende Chefredaktor Martin Vetterli im Editorial zum neuen Beobachter.

Am 4. März 2018 stimmt die Schweiz über die «No Billag»-Initiative ab.
Von Veröffentlicht am 16. Februar 2018, aktualisiert am 14. Februar 2018

Haben Sie es auch bemerkt? 

Das Schweizer Fernsehen, das Schweizer Radio sind hellwach. Die alte Behäbigkeit – wie weggeblasen. Hören Sie doch mal am Vorabend SRF 2 Kultur. Intelligente Musik, spannende Inhalte. Haben Sie «Wilder» gesehen? Was für ein Kontrast zu den sterbenslangweiligen Gubser-«Tatorten». Und «10 vor 10»? Rasante Geschichten statt einschläfernder Interviews, mit denen sich die Macher früher über die langen 25 Minuten retteten. 

«No Billag» ist das Beste, was mir als Radiohörer und TV-Zuschauer passieren konnte. Die SRG-Medien zeigen, dass sich in der Schweiz richtig gutes Radio und Fernsehen machen lässt. Und ausgerechnet jetzt sollen wir den Stecker ziehen?

«No Billag» hat geschafft, was SRG-Kritiker nicht zu träumen wagten. SRG-Kritik ist Topthema, SRG-Bashing Konsens. Jahrelang war die medienpolitische Diskussion dahingedümpelt. Der Kampf von FDP und SVP gegen das «linke Fernsehen» – verkam zum Ritual. Der Angriff gegen die SRG, den SVP-Nationalrätin Natalie Rickli so grundsätzlich wie aus Eigennutz führte – machte uns zumindest einen Begriff schmackhaft, der bis dahin Ländern wie Russland oder Nordkorea vorbehalten war: Staatsfernsehen.

«Plötzlich geht es um die grossen Fragen. Und ums Rechthaben und Schlechtreden.»
 

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Aber das alles ist wie weggeblasen, seit sich der Streit um die Tod-oder-Leben-Initiative «No Billag» dreht. Und die Zwangsgebühren haben das Zeug zum Wort des Jahres – unabhängig vom Wahrheitsgehalt.

Geschafft hat dieses Kunststück eine kleine Gruppe Libertärer. Allesamt Aussenseiter, belächelt von den Parteien, getrieben von ihrer Verachtung für den Staat. Meine Kollegen Peter Johannes Meier und Reto Stauffacher wollten wissen, wie diese «No Billag»-Männer ticken. Und ob sie die politische Schweiz ähnlich umpflügen, wie das Christoph Blocher mit seiner SVP getan hat. Die knappe Antwort: Nein, werden sie nicht. Und: Ja, ihre Art, Politik zu betreiben, hat die politische Schweiz bereits verändert.

Sie sind fern jeder Realität

Plötzlich geht es nicht mehr um die Lösung konkreter Probleme, sondern um die grossen Fragen. Wozu ein Staat? Wie weit darf er Freiheit einschränken? Sind Steuern Raub? Wozu Subventionen? Es geht ums Rechthaben und Schlechtreden, um die Pose des heroischen Rebellen, um Ideologie. Deshalb kann es nicht verwundern, dass sich die «No Billag»-Initianten in jenem Moment entzauberten, als sie Vorschläge für eine SRG-freie Zukunft präsentierten. Sie sind fern jeder Realität.

Nur, was geht ihr Kampf gegen den Staat eigentlich mich an? Menschen wie jener Bauer, der den ganzen Tag lang SRF hört und am Abend SRF sieht, aber «No Billag» befürwortet, sind mir persönlich etwas fremd. Nicht weil er Bauer ist und ich aus der Stadt komme, sondern weil er Ideologie höher gewichtet als seine Lebenswirklichkeit.

«No Billag» war das Beste für mich als Radiohörer und TV-Zuschauer. Aber jetzts reichts. Drum lass ich den Stecker lieber drin.

Zur Titelgeschichte

Der Angriff auf den Staat

«No Billag» war nur das Vorspiel. Die Initianten und ihre Gesinnungsgenossen haben mehr im Sinn: den Kahlschlag beim Staat.

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