Wir starten das Jahr mit einem Blick auf eine Wahrheit, die eine stärkere Beachtung verdient hat, weil sie uns alle betrifft, direkt oder indirekt. Und die unsere Sicherheit, unsere Werte und damit unser Handeln und unser Leben ganz unmittelbar anspricht, obwohl wir sie gern verdrängen.

Diese Wahrheit ist: Jede vierte Person in der Schweiz leidet an einer chronischen Krankheit, die ihr Leben einschränkt oder prägt. Diese riesige Bevölkerungsgruppe wird «chronisch vernachlässigt», wie Birthe Homann und Daniel Benz in unserer Titel­geschichte eindrücklich zeigen.

Wir alle sind während unserer Ausbildung, in unserem Berufsleben, aber auch in unserer Freizeit fast nur darauf konditioniert, nach «mehr» zu streben. Mehr vom Leben zu gewinnen, mehr Gegenwert zu bekommen für das, was wir investieren an Arbeit, Zeit und Geld. Die ganze Wirtschaft, die ganze Politik haben sich diesem Ziel verschrieben, das letztlich zu mehr Wachstum auf allen Ebenen geführt hat.

Quelle: Beobachter (Montage)
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«Im Leben gehts um Menschen und nicht allein um deren Produktivität.»

Andres Büchi, Chefredaktor

Diese Konditionierung hat uns einen beispiellosen Wohlstand beschert, von dem letztlich alle profitiert haben: durch bessere persönliche Entwicklungschancen, bessere Sozialsysteme, grössere Sicherheiten, als sie frühere Generationen kannten. Dahinter steht der Glaubenssatz der «trickle down economics». Die Theorie besagt in etwa: Was die wirtschaftliche Produktion erhöht, sickert nach unten und hilft indirekt auch stets den Benachteiligteren.

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Doch in unseren Wohlstandsgesellschaften sind wir an einem kritischen Punkt angelangt: Das Versprechen einer immer luxuriöseren Welt mit immer weiteren Horizonten für den Einzelnen bedient nur das relativ enge Segment der Gesunden und Leistungsstarken. Diese fühlen sich ihrerseits immer stärker eingespannt, ihre Produktivität jährlich zu erhöhen.

Früher oder später trifft es fast jeden

Wir müssen deshalb alles tun, um die weniger Leistungsstarken wieder stärker mitzunehmen. Das beginnt mit der Wertschätzung von dem, was wir bereits erreicht haben: mit den sozialen Standards, denen wir Sorge tragen müssen, mit der Freiheit, die uns unseren Wohlstand sichert, und mit dem täglich möglichen kleinen Glück, das aus Gesten der Menschlichkeit erwächst.

Die Verbesserung der Situation der vielen chronisch Kranken lässt sich nicht delegieren an die abstrakte Politik oder an den Gesundheitsmarkt. Krankheit gehört zum Leben. Sie trifft früher oder später fast jeden von uns. Und wenn wir nicht aufpassen, kann auch eine ganze Gesellschaft krank werden. Das Thema geht uns also alle an.

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Wir sollten uns deshalb bewusster werden, was wir wofür tun, was wirklich zählt an jedem Tag. Wo wir gebraucht werden, solange wir gesund sind. Damit auch all jene, die nicht so leistungsstark sind, daran glauben können, dass sich das Leben lohnt, weil wieder Menschen im Mittelpunkt stehen und nicht nur deren Produktivität.

Die Titelgeschichte

Chronisch Kranke: Die chronisch Vernachlässigten

Rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung ist chronisch krank, wird aber nicht richtig versorgt. Mit einem Systemwechsel liessen sich Milliarden sparen.

zum Artikel

Quelle: Kilian J. Kessler

Der neue Beobachter ist da

Unternehmenssteuerreform: Drohendes Milliardenloch / Wenn Kinder die Eltern schlagen / Was man beim Skifahren und Snowboarden wissen muss

Der Beobachter 1/2017 erscheint am Freitag, 6. Januar. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Quelle: Kilian J. Kessler
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