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Fair-Food-Initiative«Lebensmittel sind viel zu billig»

Die umstrittenen Prognosen der Wirtschaft zu steigenden Lebensmittelpreisen sind übertrieben, sagt ein Experte.

Wieso sind aus dem Ausland importierte Bio-Produkte günstiger?
von aktualisiert am 21. August 2018

Im Abstimmungskampf zur Fair-Food-Initiative wird heftig über deren Auswirkungen auf die Konsumentenpreise gestritten.

Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL, hält die Warnungen der Wirtschaft für übertrieben.

Beobachter: Ist die Prognose von Economiesuisse realistisch? 
Urs Niggli: Es ist sicher so, dass importierte Lebensmittel teurer werden, wenn höhere Anforderungen gelten. Das könnte wiederum den Einkaufstourismus anheizen, denn Konsumenten sind enorm preissensitiv Max Havelaar & Co. Warum wir fairer einkaufen als die Deutschen . Ein Beispiel dafür ist die in Dänemark eingeführte Fett- und Zuckersteuer, wegen der schliesslich viele dänische Konsumenten auf Deutschland auswichen. Trotzdem dünken mich die prognostizierten 50 Prozent Preiserhöhung ziemlich übertrieben. 

Beobachter: Warum ist Bio teurer?
Niggli: Das hat gute Gründe. Der Arbeitsaufwand ist höher und Arbeit ist der grösste Kostenfaktor in der landwirtschaftlichen Produktion. Zudem müssen die Produkte zertifiziert werden, dafür braucht es zum Beispiel Inspektionen. Nur schon dieser Vorgang erhöht den Preis. Dafür hat der Konsument eine Sicherheit, dass er nicht übers Ohr gehauen wird. Zusätzlich spielt die verarbeitete Menge eine Rolle, denn in der Schweiz ist «Bio» mit nur 9 Prozent Anteil ein Nischenmarkt. Dadurch ist auch die Logistik und Verarbeitung teurer. 

Beobachter: Liesse sich dagegen etwas tun?
Niggli: Ja, wenn man bei allen Produkten die gesamten tatsächlichen Kosten miteinberechnen würde. Grundsätzlich besteht auf dem Markt derzeit keine Kostenwahrheit: während die biologische Landwirtschaft weniger externe Kosten verursacht, belastet die konventionelle Produktion die Umwelt oft stark. Diese Umweltverschmutzungen durch Pestizide Unkrautvertilger «Glyphosat ist krebserregend» , Stickstoff oder CO2 Klimawandel Warum handeln wir nicht? kosten die Allgemeinheit auch. Sie schlagen einfach nicht sofort aufs Portemonnaie durch. Der Erfolg der konventionellen Landwirtschaft ist eben, dass man durch die immer stärker industriell ausgerichtete Produktion einen viel kleineren Teil des Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgeben muss – sie sind einfach viel zu billig geworden. Diese Form der Landwirtschaft richtet aber Schaden an, der korrigiert werden muss. Am besten indem man dafür sorgt, dass überall die Vollkosten gezahlt werden, was zu einer Verteuerung von Nicht-Bio-Produkten führen würde.

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Beobachter: Wieso sind aus dem Ausland importierte Bio-Produkte günstiger? 
Niggli: Die Schweizer Landwirtschaft produziert im Verhältnis relativ teuer. Im Ausland können praktisch alle Bio Bio-Spargeln Warum sich das Warten lohnt -Produkte billiger produziert werden. Primär wegen den tieferen Lohnkosten. Aber auch, weil es viele grössere Betriebe gibt und damit Skaleneffekte erzielt werden können. Bei der deutschen Marke «Alnatura», die hierzulande bei Migros vertrieben wird, ist das klar ersichtlich. Bei diesem sehr grossen Bio-Produzenten werden in riesigen Mengen Rohstoffe eingekauft und verarbeitet. Das ist möglich, weil der Absatzmarkt im deutschen Raum die entsprechende Grösse hat. Und führt dazu, dass «Alnatura» auch billiger Bio-Produkte in die Schweiz exportieren kann. «Alnatura» zeigt auf, wie es auch heute schon funktioniert mit importierten und trotzdem preiswerten Bio-Produkten. So teuer wie von Economiesuisse behauptet, wird es nie werden. Zudem gibt es bei Food Waste Food Waste Im Müll statt im Magen enormes Sparpotenzial. Jeder dritte Acker wird sozusagen vergeblich angebaut. Würde man dort den Hebel ansetzen, liessen sich steigende Lebensmittelpreise wieder ausgleichen.  

Beobachter: Gibt es unterschiedliche Bio-Standards? Ist Bio aus dem EU-Raum schlechter als Bio aus der Schweiz?
Niggli: Nein. Etwa 95 Prozent der Anforderungen sind identisch. Das gilt für alle zentralen Anforderungen und zwar weltweit. Es gibt unterdessen kein grosses Land mehr, das den Biolandbau nicht gesetzlich geregelt hat. Es ist sogar eine der wenigen Anbaumethoden, die global relativ gut geregelt und kontrolliert ist. Südamerikanische Produzenten beispielsweise wollen nach Nordamerika und Europa exportieren und sind deshalb bereits auf den entsprechenden Standard ausgerichtet. Unterschiede gibt es dann nur noch an der Spitze. Bio Suisse, als privater Markenstandard in der Schweiz, legt beispielsweise auf die sehr schonende Verarbeitung oder auf das Verbot von Farbstoffen Lebensmittel Täuschendes Spiel mit optischen Reizen (z. B. im Joghurt) grossen Wert. 

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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