Das aargauische Rekingen schaffte es im Sommer schweizweit in die Schlagzeilen. Der Gemeinde­rat rief dazu auf, Flüchtlinge nicht als Mieter zu akzeptieren. Genau zu dieser Zeit trat Marc Bamberger sein Amt im Gemeinderat des 1000-Seelen-Dorfs an. Der 26-Jährige denkt anders. Er will sich für Flüchtlinge einsetzen und ist seit zwei Jahren in der SP aktiv.

«Ich habe beschlossen, politisch ­aktiv zu werden, weil ich für meine Meinung einstehen und mich nach aus­sen positionieren will», sagt der Mann mit Bart, Zopf, Tattoo und Ohrring. Zudem wolle er einen Beitrag in dem Ort leisten, wo er gross geworden ist und lebt, und frischen Wind in die öffent­liche Debatte bringen. «Vor den Wahlen sind die Zeitungen voll mit SVP-Leserbriefen und -Inseraten. Die SP hingegen ist in der Region kaum vertreten.»

Schon einige Ämter vorzuweisen

Auch Bambergers Verlobte Elena Flach ist politisch engagiert. Seit ihrer Teenagerzeit sind die beiden ein Paar. Seit sie wählen können, diskutieren sie über Politik. Mittlerweile sind sie Kopräsidenten der SP im benachbarten Zur­zach. «Wir sind motiviert, Gegenwind zu geben, statt uns mit der politischen Stimmung abzufinden», erklärt Flach. Die 24-Jährige ist ausserdem Kopräsidentin bei den SP-Frauen Aargau.

«Die Demokratie lebt von unserer Beteiligung – und dieses Privileg sollten wir nutzen.»

Marc Bamberger, Gemeinderat von Rekingen AG

Das junge Politikerpaar ist in der Schweiz fast schon eine Ausnahme­erscheinung. Vor allem kleine und mittelgrosse Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern haben Mühe, Leute für Ämter zu gewinnen. In jeder zweiten kleineren Gemeinde lassen sich ­gerade so viele für ein Amt aufstellen, wie gebraucht werden. Das zeigt eine Umfrage von Andreas Ladner, Politologe an der Universität Lausanne: «Diese Entwicklung ist seit über 20 Jahren zu beobachten. Und sie spitzt sich zu.»

«Heute ist man der, der schuld ist»

«Früher war es etwas Würdevolles, ein solches Amt auszuüben», sagt Ladner. «Heute ist man derjenige, der schuld ist, wenn etwas nicht funktioniert.» In kleinen Gemeinden laufe nicht alles hochprofessionell ab, da die Leute ihre Ämter nebenbei ausüben und somit den Erwartungen der Bewohner nicht immer gerecht werden können. «Zudem interessieren sich die Medien seit Jahren immer mehr für Negativbeispiele», fügt Ladner an. Das färbe ab auf das Bild, das man von Politik habe – werde aber der Realität nur zum Teil gerecht. Denn in vielen Orten komme das Wasser ja doch aus dem Hahn, hätten die Schulen ein gutes Niveau, gebe es ein grosses Freizeitangebot. «Wenn man so leben will, wie wir leben, braucht es Leute, die sich für ein paar Jahre in der Politik einsetzen, um Entscheidungen für die Gesamtheit zu treffen.»

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Der Schweizerische Gemeindeverband schlägt deshalb Alarm. Direktor Reto Lindegger warnt: «Wenn wir das Milizsystem erhalten wollen, müssen sich die Leute wieder motivieren lassen.» Der Grundgedanke des Miliz­systems sei eben, dass der Bürger auch dem Staat dient – und der Staat kein Selbstbedienungsladen ist.

Insbesondere Frauen, Leute mit Migra­tionshintergrund und Junge sind in den Exekutivgremien untervertreten. Die Jungen will der Gemeindeverband nun gezielt ansprechen. Zusammen mit der Gruppierung «Junge Gemeinderäte Oberaargau» will Reto Lind­egger ein schweizweites Imageprojekt aufgleisen. «Wir Schweizer betrachten die direkte Demokratie zu sehr als selbstverständlich. Aber sie ist nicht gottgegeben.»

Die beiden Jungpolitiker vor dem Gemeindehaus in Rekingen.

Quelle: Holger Salach

«Unser politisches System ist nicht ­gott­gegeben. Die Leute ­müssen sich wieder motivieren lassen.»

Reto Lindegger, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes

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Politologe Andreas Ladner nennt eine weitere Idee: Ämter attraktiver machen, indem sie besser entschädigt und besser organisiert werden, etwa als 20-Prozent-Job inklusive Sozialversicherung. «Das Wichtigste am Milizsystem ist nicht, dass es gratis ist. Sondern dass die Leute eine andere Lebenserfahrung einbringen und grössere Freiheiten haben, als alles dafür zu tun, wiedergewählt zu werden.»

Marc Bamberger ist zu 100 Prozent im Verkauf eines Zürcher Möbelgeschäfts tätig, Elena Flach schreibt neben ihrem Job als Sozialarbeiterin in einer Jugendberatung ihre Bachelorarbeit.

Zwei bis drei Stunden investiert das Paar pro Woche in die politische Arbeit, abends und am Wochenende. Dass Bamberger nun noch im Gemeinderat tätig ist, hat sich in stiller Wahl ergeben. Der Gemeindeammann kam auf ihn zu, als jemand zurücktrat. Bamberger ­fühlte sich geschmeichelt. Als dann noch 17 Einwohner seinen Namen auf den Wahlzettel schrieben, ohne dass er sich hatte aufstellen lassen, sagte er zu. Vor der ersten Gemeindeversammlung kam jedoch die Nervosität. Schliesslich hatte seine Partnerin öffentlich die ­Aussage des Gemeinderats in der Flüchtlingsthematik verurteilt.

Die Angst war unbegründet

«Ich bin aber viel offener und herzlicher empfangen worden, als ich dachte», erzählt Bamberger. Der gelernte Detailhandelsfachmann arbeitet sich nun in seine Ressorts Soziales und Kultur ein. Er fragt Kollegen, liest Akten, besucht Sitzungen und einen Weiterbildungskurs. Ein Jahr will er sich Zeit geben, um in seiner neuen Aufgabe anzukommen.

Sein Ziel ist, das Kulturangebot für Junge in der Region anzukurbeln, sie wieder attraktiver zu machen für solche, die in jungen Jahren wegziehen. Zudem will er die Flüchtlinge im Ort persönlich kennenlernen und die Inte­gration ­vo­rantreiben. «Ich will versuchen, das konstruktiv anzugehen, statt von Anfang an von Problemfällen zu reden.»

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Elena Flachs politisches Ziel ist, dass «sich die Menschen nicht länger nach der Wirtschaft richten, sondern die Wirtschaft sich an den Menschen orientiert». Natürlich wisse sie nicht, ob sie dieses Ziel erreichen werde, fügt sie an, grinst, winkt ab. Auf jeden Fall aber, sagt ­Bamberger, während Flach nickt: «Es ist zeitaufwendig. Aber die Demokratie lebt von unserer Beteiligung – und dieses Privileg sollten wir nutzen.»

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Quelle: Thinkstock Kollektion

Wie steigt man in die Politik ein?

  • Informieren Sie sich: Was passiert in der Schweizer Politik, wie funktioniert sie, wo brächten Sie sich gern ein?

  • Melden Sie sich bei lokalen Parteien. Sie sind hungrig nach Ihrer Hilfe. Einfach nachfragen und hineinschnuppern. Die Plattformen Easyvote.ch und Smartvote.ch geben Aufschluss, welche Partei passen könnte.

  • Sprechen Sie die Gemeindeschreiberin an. Sie ist meist gut vernetzt und weiss, was läuft.

  • Engagieren Sie sich in einem Quartierverein oder in einer Interessengemeinschaft. Ob Umweltbewegung, Sportklub oder Schützenverein – setzen Sie sich für Themen ein, hinter denen Sie stehen.

  • Werden Sie selbst aktiv. Tun Sie sich in einer Herzensangelegenheit mit anderen zusammen, um etwas zu bewirken.

  • Bringen Sie Ihre Stärken und Erfahrungen ein, zum Beispiel in Sachen Finanzen, Bildung oder Verkehr.

  • Jugendliche lernen in einem der rund 65 Jugendparlamente, für ihre Meinung einzutreten und gemeinsam Projekte wie einen Skaterpark anzugehen. Zudem können einmal im Jahr 200 Junge in Bern an der Eidgenössischen Jugendsession diskutieren.
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So fühlt man sich wohl im politischen Amt

  • Geben Sie sich Zeit, um anzukommen
    Unterlagen durchlesen, Sitzungen besuchen, sich informieren: All das benötigt Zeit. Wenn man sich genügend Freiräume im Terminkalender schafft, ist viel gewonnen.

  • Sie stehen jetzt im lokalen Rampenlicht
    Machen Sie sich das bewusst und bereiten Sie sich darauf vor, dass Sie auch mit Medien in Kontakt kommen und Interviews geben werden.

  • Ohne Vernetzung geht gar nichts
    Tauschen Sie sich mit Kollegen aus und sprechen Sie sich mit der Verwaltung ab. Schaffen Sie sich ein Netzwerk, auf das Sie zurückgreifen können, wenn Sie nicht weiterwissen.

  • Bilden Sie sich weiter
    Gewisse Gemeinden, Fachhochschulen, Parteien und Verbände bieten Kurse an, bei denen man sich fachlich weiterbilden und mit anderen austauschen kann.

  • Erfinden Sie das Rad nicht gleich neu
    Ideen und Visionen sind in jeder Gemeinde gefragt – vergessen Sie darüber nicht, weiterzuführen, was schon gut läuft.

  • Bleiben Sie professionell gegenüber Nörglern
    Vor allem in der Lokalpolitik sind Sie die erste Anlaufstelle, wenn es mal schlecht läuft. Versuchen Sie, Anfeindung nicht überzubewerten.

  • Keine Angst: Nicht das ganze Dorf ist gegen Sie
    Gegner werden laut ausrufen, Befürworter werden sich nur selten äussern.

  • Bauen Sie Brücken
    Nehmen Sie auch Wünsche ernst, die nicht Ihren eigenen entsprechen. Sie sind jetzt in einer Führungsrolle und tragen Verantwortung. Zeigen Sie Format.

  • Bringen Sie Geduld mit
    In der Politik dauert vieles länger als etwa in der Wirtschaft. Sie werden viel aushandeln müssen, überzeugen und Kompromisse finden. Im Konkordanzsystem geht es um gemeinsame Entscheidungsfindung und nicht um Parteipolitik. 

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Quelle: Beobachter Edition
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