Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen muss endlich eingedämmt werden, fordert Martin Vetterli. Bild: Thilo Rothacker

GesundheitswesenDie Pflästerlipolitik hat ausgedient

Wie bei der Altersvorsorge braucht es auch im Gesundheitswesen eine grosse Reform. Nur so lassen sich Leistungsabbau und Zweiklassenmedizin noch verhindern. Ein Standpunkt von Martin Vetterli.

von Martin Vetterli

Wenn nichts passiert, werden wir 2030 doppelt so hohe Krankenkassenprämien zahlen wie heute. Das hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma EY ausgerechnet. Sie prophezeit, dass die Kosten für das Gesundheitswesen in den nächsten 13 Jahren um 60 Prozent auf 116 Milliarden Franken steigen. Das wären dann fünfeinhalb Gotthardtunnel pro Jahr.

Die Situation ist bereits heute dramatisch. Jeder dritte Ver­sicherte ist auf Prämienverbilligung angewiesen. Seit Einführung des Krankenversicherungs­gesetzes vor 20 Jahren haben sich die Prämien mehr als verdoppelt, die Löhne sind aber nur um einen Fünftel gestiegen.

Eine weitere Verdoppelung ist für viele zu viel. Ein vierköpfiger Haushalt müsste 2030 dann eher 20'000 als 10'000 Franken pro Jahr für Gesundheit ausgeben. Das geht nicht. Die Kostenexplosion im Gesundheitswesen muss endlich eingedämmt werden. Das Thema gehört zuoberst auf die politische Agenda. Wir brauchen ein Programm wie für die erste und die zweite Säule: einen Gesundheitsplan 2030 – analog zur Reform Altersvorsorge 2020.

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Preisstrategie basiert auf falschen Zahlen

Der Bundesrat hat zwar schon vor ein paar Jahren das Konzept Gesundheit 2020 vor­gelegt. Das Problem: Es hat nie die Dringlichkeit bekommen, die es braucht, um auch weniger populäre Massnahmen durchzusetzen. Teilreförmchen an Korrektürchen zu reihen genügt nicht mehr.

Das hat sich eben wieder bei den Medikamenten gezeigt. Der Bundesrat will durch Preissenkungen pro Jahr 80 Millionen Franken sparen. Das ist zu wenig. Die Pharma hat sich erneut gegen grössere Einschnitte gewehrt. Unsere Krankenkassen werden weiterhin so viel für Medikamente zahlen müssen wie in keinem anderen Land Europas.

Auch das ist kein Zufall. Denn bei der Festlegung der Medikamentenpreise rechnet man immer noch mit einem Eurokurs von CHF 1.28 – der Euro steht derzeit bei CHF 1.07. Das ergibt einen 16-Prozent-Bonus für die bestens florierende Pharma, ein Zwei-Mil­liarden-Geschenk. Und weil das Bundesamt für Gesundheit pro Jahr nur jedes dritte Medikament unter die Lupe nimmt, bleibt dieser Missstand bis 2019 bestehen.

Wenn nichts geschieht, wird die Grundversicherung kollabieren. Im weniger schlechten Fall setzt es dann massive Leistungskürzungen ab, im schlechteren wachen wir in einer Welt der Zweiklassenmedizin auf. Das will niemand. Denn darunter leiden jene am meisten, die am wenigsten dafür können: die Alten, die Kranken und die Schwachen.

«Die Kostenexplosion im Gesundheitssystem ist kein Naturereignis. Sie ist das Resultat einer verfehlten Politik.»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Es fehlt an Sparanreizen

Therapievorschläge und Rezepte, wie man das Gesundheitssystem reformieren könnte, gibt es zuhauf. Die Massnahmen müssen die Qualität der medizinischen Versorgung erhalten sowie effi­zient und bezahlbar sein. Vor ein paar Jahren rechnete der Bundesrat aus, dass sich allein mit Effizienzgewinnen 20 Prozent der Gesundheitskosten einsparen liessen – ohne Abstriche bei der Qualität. Das macht Hoffnung. Aber die Reform kann nur gelingen, wenn Schluss ist mit dem Schwarzpeterspiel, bei dem jeder für sich schaut und immer nur die anderen bluten sollen.

Zwei Punkte werden entscheidend sein. Zum einen eine bessere Präventionsarbeit. Die ganze Bevölkerung muss befähigt werden, gesünder zu leben. Weil gesunde Menschen naturgemäss weniger Medizin beanspruchen. Zum anderen braucht es bessere Sparanreize. Noch immer werden Versicherte, Ärzte und Spitäler nicht dafür belohnt, dass sie effizient und gut arbeiten. Und jeder Einzelne von uns kann nach wie vor mit einem Wehwehchen in den Notfall ins Spital rennen oder sich bei geringsten Schmerzen von einem Spezialisten untersuchen lassen, quasi umsonst.

Die wichtigsten Massnahmen gibt es praktisch zum Nulltarif: gesündere Ernährung, mehr Bewegung, weniger Alkohol, nicht rauchen. Doch das reicht nicht. Die Kostenexplosion im Gesundheitssystem ist kein Naturereignis. Sie ist das Resultat einer verfehlten Politik.

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