In der Schweiz gelten heute für Orte mit besonders empfindlicher Nutzung (Omen) im internationalen Vergleich strenge Vorsorgegrenzwerte für die Mobilfunkstrahlung. Wirtschaft, Telekomfirmen und der Bundesrat empfehlen nun, diese so genannten Anlagegrenzwerte zu lockern, um mehr Kapazitäten zu schaffen und den Mobilfunkstandard 5G für das «Internet of Things» zu ermöglichen.

Das sei problemlos möglich, ohne die Bevölkerung zu gefährden, wird argumentiert. Schliesslich gälten die deutlich höheren WHO-Immissionsgrenzwerte, die aus gesundheitlichen Gründen unbedingt und überall eingehalten werden müssen, auch dann noch.

Doch trotz dem Lamento der Wirtschaft, die Schweiz verliere sonst den Anschluss in der digitalen Entwicklung, bei allem Verständnis für das erhoffte superschnelle Surfvergnügen und die Träume einer Welt, in der bald jedes Ding mit dem Internet verknüpft sein soll und sich selber steuern kann: Die geltenden Grenzwerte sollten nicht vorschnell aufgeweicht werden.

Die Entwicklung geht viel zu schnell

Die möglichen, auch längerfristigen Auswirkungen von elektromagnetischen Feldern und Strahlungen auch unterhalb der WHO-Immissionsgrenzwerte auf Menschen, Tiere und Pflanzen sind bis heute einfach zu unklar. Es gibt zahlreiche ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass die Dauerbestrahlung durch Mikrowellen nicht ganz so harmlos ist, wie wir uns das gerne einreden.

Zwar wurde bisher nach den Kriterien der Wissenschaft kein direkter Kausalzusammenhang zwischen hochfrequenten Funksignalen und gesundheitlichen Schädigungen bewiesen, solange die WHO-Grenzwerte eingehalten werden. Doch es gibt ohne Zweifel Wirkungen und Beeinträchtigungen, die auch bei andauernden niedrigeren Strahlungsdosen festgestellt worden sind. Belegt aus Studien an Schülern sind etwa Konzentrationsmängel, Schlafstörungen, Leistungsabfall, Veränderungen der Hirnströme.

Aber selbst unter der optimistischen Annahme, solange nur die WHO-Empfehlungen eingehalten würden, seien wir auf der sicheren Seite, gibt es gute Gründe, die stürmische Entwicklung der Mobilfunk-Technik etwas abzubremsen. Sollte die Kapazität der Datenautobahnen durch die bis heute geltenden Grenzwerte zwischenzeitlich ans Limit kommen, ist dieser Preis deshalb vertretbar.

Was technisch machbar ist, ist nicht immer wünschbar

Dem erstrebten Gewinn durch noch schnellere Datenübertragungen im omnipräsenten Internet steht auf der Passivseite längst einiges gegenüber, was auch aus volkswirtschaftlicher Sicht kaum erstrebenswert ist. Exemplarisch zeigt sich dies gerade bei der jüngsten Generation, die mit dem Handy aufgewachsen – oder besser: mit ihm verwachsen – ist und für deren Zukunft der digitale Ausbau ja gedacht ist.

Die digitalen Helfer an den Schulen und im Elternhaus konditionieren das Verhalten Heranwachsender in einer zunehmend beunruhigenden Weise. So belegt die US-Psychologin und Generationenforscherin Jean Twenge in ihrem neuen Buch "iGen", dass viele Jugendliche eine veritable Handysucht entwickelt haben.

Jugendliche werden zunehmend depressiv

Mehr noch: Der Dauervergleich mit angeblich erfolgreicheren, schöneren oder fitteren Jugendlichen weltweit, der permanente Schlagzeilenhammer von Unglücken und Tragödien aus der ganzen Welt und der Dauerlärm des Internets machen Kinder zunehmend depressiv. Haupttreiber dafür ist die ständige Angst, etwas zu verpassen. Für diese «Fear of Missing Out» wurde bereits der Kurzbegriff Fomo geprägt, sie hinterlässt bei immer mehr Teenagern Gefühle von Nutzlosigkeit und von Unsicherheit.

Ein OECD-Bericht («Students, Computers and Learning: Making the Connection») kam schon 2015 zum Schluss: «Nachgewiesen ist ein erhöhtes Risiko für Verzögerungen in der Sprach- und Bewegungsentwicklung, für Übergewicht, für Schlafstörungen, Empathieverlust und für Schulversagen.» Fazit: «Wir müssen es als Realität betrachten, dass Technologie in unseren Schulen mehr schadet als nützt.» (OECD-Pisa-Chef Andreas Schleicher).

In der Gentech-Debatte dominierte die Vorsicht

Natürlich betreffen diese Fragen die Nutzung der digitalen Medien und nicht die Vorsorgegrenzwerte zum Gesundheitsschutz. Aber wenn wir dauernd vorauseilend ermöglichen, was technisch möglich ist, brauchen wir uns über spätere, möglicherweise negative Folgen nicht zu wundern.

Eine durchaus vergleichbare Diskussion gab und gibt es seit Jahren rund um die Möglichkeiten der Gentechnologie in der Landwirtschaft. Anders als andere Länder hat die Schweiz in dieser Frage stets eine vorsichtige Politik verfolgt.

So ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der Schweiz nach wie vor verboten. Erst im vergangenen Dezember hat das Parlament das geltende Moratorium bis 2021 verlängert. Der Bundesrat hatte demgegenüber vorgeschlagen, eine Gesetzesgrundlage zu schaffen für ein späteres Nebeneinander von gentechfreien und gentechnisch veränderten Pflanzen. Das Parlament entschied sich für einen langsameren, vorsichtigeren Kurs.

Der schweizerische Moratoriumsansatz, tadelte Umweltministerin Doris Leuthard damals laut NZZ, werde die weltweite Entwicklung nicht aufhalten können. Das ist wohl richtig. Aber die Schweiz hat sich schon bisher oft genau dadurch ausgezeichnet, dass sie einige Dinge etwas langsamer, aber dafür etwas vorsichtiger und durchdachter angeht als andere Länder. Genau das empfiehlt sich auch beim Mobilfunk. Es gibt keinen Grund, die harten Schweizer Grenzwerte vorschnell preiszugeben.