Früher war der Fall für Bauern klar: Je mehr Tiere sie hielten, desto mehr Bundesbeiträge bekamen sie. Die Folgen: Es müssen riesige Mengen an Futtermitteln importiert werden, weil die Schweizer Produktion nicht ausreicht. Und die Ausscheidungen der Tiere verursachen zu viel Ammoniak in der Luft. Das schädigt die ­Vegetation, überdüngt die Böden und lässt sie versauern.

Die Agrarreform AP 14/17 sollte das ändern, indem die Tierbeiträge abgeschafft wurden. Die Bauern würden dadurch bis 2020 zehn Prozent weniger Tiere halten, berechnete die Forschungsanstalt Agroscope.

Das Gegenteil trat ein: Allein von 2014 bis 2015 nahmen die Tierbestände um 12'500 Grossvieh­­einhei­ten zu. Vor allem dort, wo sie schon vorher zu hoch gewesen ­waren: in der Innerschweiz. Nur in Gegenden mit ohnehin wenig Tieren pro Fläche nahmen die Bestände ab.

Wer zu wenig Vieh hat, wird bestraft

Dafür gibts mehrere Gründe. So gab es vor der Agrarreform sogenannte Förderlimiten. Beiträge wurden nur für Tierbestände unterhalb dieser Limiten bezahlt. Man hätte also einfach die Förderlimite nach unten anpassen können. Das Bundesamt für Landwirtschaft tat das Gegenteil: Es hob mit der AP 14/17 die Limite auf. Und machte damit den Weg frei für mehr Tiere pro Fläche.

Obendrein führte das Bundesamt eine untere Grenze ein: Wer zu ­wenig Tiere auf seinem Grünland hält, wird mit Abzügen bei den so­genannten Versorgungssicherheitsbeiträgen bestraft. Manche Bauern stockten ihren Tierbestand auf, um diese Beiträge nicht zu verlieren.

Die Konsumenten seien schuld

Trotzdem betrachtet das Bundesamt die wachsenden Tierbestände nicht als Folge seiner Politik. Vielmehr ­seien die Konsumenten schuld, die immer mehr einheimische Poulets verlangten. Tatsächlich stieg der ­Geflügelbestand in den letzten zwei Jahren um sieben Prozent. Umgerechnet macht das allerdings bloss rund 3000 Grossvieheinheiten aus.

Diese Entwicklung ist bedenklich. Die Schweiz ist ein Grasland, zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen bestehen aus Wiesen und Weiden. Mit den früheren Tierbeiträgen, die reine Raufutterverzehrerbeiträge waren, wurde das Halten von Grasfressern honoriert.

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Weil es diese Beiträge nicht mehr gibt und die Milchpreise tief sind, setzen die Bauern vermehrt auf Geflügel und Schweine. Die fressen Getreide. Kein Wunder, dass die Futtermittelimporte nicht gesunken, sondern in den letzten zwei Jahren um zehn Prozent gestiegen sind. Und der Ausstoss von Ammoniak hat auch nicht abgenommen.

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Quelle: Martin Raaflaub