«Glauben Sie nicht alles, was Sie lesen», ruft Pensionskassenchef Simone Piali in die Halle. Er spricht zu rund 100 Versichertenvertretern seiner Churer Vorsorgestiftung Integral. Sie wollen an diesem Nachmittag von ihm wissen, ob sie tatsächlich «ausgeraubt» würden von den Rentnern. So stand es in der Zeitung. Die Jungen müssten mit ihrem PK-Guthaben die Alten querfinanzieren, da der Umwandlungssatz zur Berechnung der Renten zu hoch sei. Die Erwerbstätigen erhielten daher weniger Zinsen, hätten später ein geringeres Altersguthaben und eine tiefere Rente.

Geschäftsführer Piali projiziert seine Berechnungen an die Wand und sagt: «Diese Pauschalaussage ist falsch.» Bei Integral sei es 2016 eher umgekehrt gewesen. Die Jungen hätten von den guten Anlageergebnissen sogar etwas mehr profitiert.

Und was ist mit dem Hauptargument aus dem Abstimmungskampf zur Altersreform 2020? Damals sagte Bundesrat Alain Berset im Beobachter: «In der zweiten Säule gibt es eine Umverteilung von Jung zu Alt von deutlich über einer Milliarde Franken pro Jahr.» Wenn der Rentenumwandlungssatz von 6,8 Prozent auf 6 Prozent sinke, werde diese Geldverschiebung zwischen den Generationen eingedämmt. Gerade die Jungen sollten also der Reform zustimmen, so der Bundesrat.

Schätzungen und Hochrechnungen

Das Volk hat die Vorlage zwar bachab geschickt, doch das Umverteilungsargument ist geblieben. Rechte wie linke Politiker benutzen es, um neue Reformen anzustossen. Die wenigsten bestreiten, dass es wegen der tiefen Zinsen und der gestiegenen Lebenserwartung bei den meisten Pensionskassen eine Umverteilung gibt. Nur kann niemand sagen, wie gross sie ist.

Der Bundesrat beziffert die Umverteilung auf 1,3 Milliarden Franken pro Jahr. Die Zahl errechnete das Bundesamt für Sozialversicherungen anhand einer Studie von 2015. Darin hat Vizedirektorin Colette Nova aber geschrieben: «Die erhobenen Daten sind nicht repräsentativ, eine Hochrechnung für die Gesamtheit der Vorsorgeeinrichtungen ist somit nicht möglich.» 

Diese unmögliche Hochrechnung hat das Amt laut eigenen Angaben nun für die Abstimmung angestellt: Die Beamten rechneten die Ergebnisse der Erhebung bei 27 Pensionskassen auf das Altersguthaben in rund 1900 Vorsorgeeinrichtungen hoch. So entstand die Zahl von 1,3 Milliarden Franken. 

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«Eine Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer zu vermeiden wird immer schwieriger.»


Simone Piali, Sammelstiftung Integral

«Versicherte werden sehr einseitig informiert»

Kaum verlässlicher sind die Umverteilungsstudien von Credit Suisse (5,4 Milliarden Franken pro Jahr) und der Axa Winterthur (7 Milliarden Franken). Die Angaben basieren weitgehend auf Schätzungen.

«Die Versicherten werden sehr einseitig informiert», kritisiert Integral-Geschäftsführer Piali. Eine Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer sei nicht zwingend. Es werde aber immer schwieriger, eine solche zu vermeiden. Die Churer Sammelstiftung verzinste die Guthaben von Arbeitnehmern und Rentnern in den letzten zwei Jahren mit 3,25 Prozent und 3,75 Prozent gleich hoch. 2016 fuhren die Arbeitnehmer bei Integral gar leicht besser, da die Pensionskasse grössere Rückstellungen zu ihren Gunsten getätigt hat. 2015 war es umgekehrt.

Hohe Rendite dank mehr Risiko

Möglich ist das, weil die mittelgrosse Pensionskasse erstens eine risikoreiche Anlagestrategie mit hohem Aktienanteil verfolgt. Das bescherte ihr in den letzten 17 Jahren eine Rendite von durchschnittlich 5,6 Prozent. Zweitens zahlt sie Zinsgutschriften eher an die Versicherten aus, als damit die Reservepolster zu vergrössern. Eine hundertprozentige Gleichbehandlung sei unmöglich, sagt Piali. Umverteilungen gebe es in einem gemeinsamen Vorsorgewerk immer. 

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Nun will die eidgenössische Oberaufsichtskommission für die Pensionskassen das Problem der fehlenden Umverteilungszahlen angehen. Sie prüft derzeit, ob sie diese per Ende Jahr bei allen 1900 Vorsorgeeinrichtungen erheben will.

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Matthias Pflume, Textchef Digital

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