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Altersvorsorge 2020«AHV-Zuschlag von 70 Franken ist ein mieser Trick»

Matthias Müller, Vizepräsident der Jungfreisinnigen, lehnt die Altersvorsorge 2020 ab. Er plädiert dafür, dass die Politik in der 2. Säule nichts mehr zu sagen hat.

«Renten sichern», versprechen die Befürworter der Rentenreform – eine Scheinlösung?
von aktualisiert am 28. August 2017

Beobachter: Was haben Sie gegen die Rentenreform? Sie ist ein typischer schweizerischer Kompromiss. Alle, von jung bis alt, leisten ihren Beitrag.
Matthias Müller: Sie ist kein Kompromiss, sondern eine Scheinreform. Hier wird ein defizitäres System nicht saniert, sondern ausgebaut. Und die Kosten dafür tragen vor allem die Jungen.

Beobachter: Das stimmt nicht – versichert auch Bundesrat Alain Berset. Die Jungen werden mehr einzahlen, sie haben aber auch mehr Rente in Aussicht als bisher.
Müller: Die Belastungen für die Jungen steigen enorm: Mehrwertsteuer steigt, Umwandlungssatz sinkt, Lohnbeiträge steigen. Gleichzeitig wird die Übergangsgeneration – also die Jahrgänge ab 1973 und älter – vergoldet. Ihnen wird per Gesetz Besitzstandswahrung versprochen, und das geht nicht. Wieso haben die Jungen keine Besitzstandsgarantie?

Beobachter: In 20 Jahren sind die heutigen Jungen dann eine Übergangsgeneration...
Müller: (lacht) Super Idee! Dann bleibt die Altersvorsorge ein Flickwerk bis in alle Ewigkeiten. Nein, das ist doch keine verantwortungsvolle Politik.

Beobachter: Ohne den AHV-Zuschlag von 70 Franken würden diese Jahrgänge von einem Tag auf den anderen einen beträchtlichen Teil ihrer garantierten Rente verlieren. Junge dagegen haben noch Jahre Zeit, um entsprechend zu reagieren und mehr einzuzahlen.
Müller: Bei diesen 70 Franken AHV-Zuschlag für Neurentner handelt es sich um ein «Zückerli». Sie sind ein Geschenk der Politiker dieser Generation an die Wähler dieser Generation. Ein ganz mieser Trick, der Geld nach dem Giesskannen-Prinzip verteilt und die Probleme der AHV sogar verschärft.

Beobachter: Wie wird es verschärft? Der AHV-Fonds wird stabilisiert, und auch die Verluste der AHV werden aufgefangen.
Müller: Mit der Reform schreibt die AHV schon 2027 wieder rote Zahlen, und das Defizit steigt anschliessend exponentiell an. Dass die SP mehr AHV will, ist logisch, denn hier wird Geld umverteilt. Wer aber nüchtern hinschaut, der sieht, dass die AHV so nicht saniert, sondern gefährdet wird.

Beobachter: Wie soll die AHV denn entlastet werden?
Müller: Sicher nicht durch eine Erhöhung der Renten! Rentenalter 65 für beide Geschlechter sowie eine moderate Erhöhung der Mehrwertsteuer sind ohne Alternative.

Beobachter: Das steckt ja beides in der Vorlage. Und bei der 2. Säule?
Müller: Der Umwandlungssatz muss stärker gesenkt und der Koordinationsabzug gestrichen werden. Am besten wäre es, den Umwandlungssatz zu entpolitisieren.

Beobachter: Was meinen Sie mit «entpolitisieren»? Das Obligatorium abschaffen?
Müller: Der Umwandlungssatz hängt primär von der Lebenserwartung und von der erwarteten Durchschnittsrendite am Kapitalmarkt ab – zwei Grössen ausserhalb des Einflussbereichs der Politik. Es ist deshalb abwegig, einen bestimmten Prozentsatz im Gesetz zu verankern. Ein vielversprechender Ansatz könnte sein, den Entscheid über die Höhe von Umwandlungssatz und Mindestzins an den Stiftungsrat der Pensionskassen zu delegieren.

Beobachter: Mit der Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 % ist eine der wichtigsten Forderungen der FDP ja erfüllt.
Müller: Ja, dieser Punkt ist unbestritten. Ich lehne die Reform nicht deswegen ab, sondern, weil sie nicht nachhaltig ist. Die Aufgabe der Politik wäre es, eine langfristige Lösung zu finden. Stattdessen legt man dem Volk dieses Paket vor und verkauft es auf Plakaten als «Renten sichern», obwohl das Gegenteil der Fall ist.

«Bei diesen 70 Franken AHV-Zuschlag für Neurentner handelt es sich um ein «Zückerli». Sie sind ein Geschenk der Politiker dieser Generation an die Wähler dieser Generation.»
 

Matthias Müller, 25, Vizepräsident der Jungfreisinnigen

Beobachter: 20 Jahre sind nun schon vergangen seit der letzten Reform. Also gilt doch jetzt: Besser diese als keine – sie ist das kleinere Übel. Oberste Priorität hat die Mehrheitsfähigkeit.
Müller: Sind Sie bei der CVP? Denn das ist das typische und wichtigste Argument dieser Partei. Diese Reform sei zwar schlecht, aber sie sei besser als nichts. Das verstehe ich einfach nicht! Wieso sollen wir etwas Schlechtes einführen, wenn es nachher sowieso korrigiert werden muss? Das ist keine Politik, die ich vertreten kann.

Beobachter: Können Sie es besser vertreten, dass in der 2. Säule jährlich mehrere Milliarden von Jung zu Alt umverteilt werden? Bei einem Nein verschärft sich dieses Problem sogar.
Müller: Laut einer Studie der Credit Suisse ändert sich hier auch durch die Rentenreform nur wenig. Diese Umverteilung zwischen den Generationen würde um maximal 500 Millionen Franken pro Jahr sinken. In der AHV hingegen verstärkt sich die Umverteilung mit der Erhöhung aller Neurenten sogar noch.

Beobachter: Wollen Sie das Rentenalter 67?
Müller: Nein, aber ein gescheiteres flexibles Rentenalter. Wer länger arbeiten will, soll das können. In nordischen Ländern ist es üblich, dass die Lebensarbeitszeit an die Lebenserwartung gekoppelt ist. Und natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand 40 Jahre auf dem Bau arbeitet oder 40 Jahre als Journalist. Beide haben Anrecht auf eine vernünftige Rente. Dem Journalisten ist aber zuzumuten, dass er länger arbeitet als der Gipser.

Zur Person

Der Aargauer Matthias Müller (25) ist im März 2016 zum Vizepräsidenten der Jungfreisinnigen Schweiz gewählt worden. Er absolviert ein Masterstudium in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften an der HSG in St. Gallen.

Matthias Müller.

Darum gehts am 24. September

Die Vorlage zur Altersvorsorge 2020 besteht aus zwei verknüpften Abstimmungsfragen. Wer annehmen will, muss der Mehrwertsteuererhöhung (Frage 1) und der eigentlichen Reform (Frage 2) zustimmen. Nur dann tritt die Vorlage in Kraft.

Ziel ist, das Niveau der Altersrenten aus AHV und Pensionskasse zu erhalten. Dafür sollen steigende Einnahmen der Altersvorsorge sorgen: 

  • Mehr Mehrwertsteuer
    Um die AHV besser zu finanzieren, steigt 2021 der Mehrwertsteuersatz von 8,0 Prozent auf 8,3 Prozent. 
     
  • Mehr AHV- und Pensionskassenbeiträge
    Zugleich erhöhen sich die Lohnabzüge für die AHV um 0,15 Prozentpunkte und die Beiträge für die Pensionskasse um 0,5 Prozentpunkte bei den 35- bis 54-Jährigen.
     
  • Weniger PK-Rente – mehr AHV-Rente
    Das in der PK angesparte Kapital wird zu einem tieferen Satz in eine Rente umgewandelt. Ab 2022 gibt es pro 100'000 Franken Alterskapital nur noch 6000 Franken Jahresrente statt wie bisher 6800 Franken. Das betrifft nur das Obligatorium. Um diese Rentensenkung bei der PK abzufedern, gibt es Ausgleichsmassnahmen, wie etwa bis zu 70 Franken mehr AHV pro Monat für Neurentner. 
     
  • Rentenalter 65 für Frauen
    In den nächsten vier Jahren wird das Pensionsalter für Frauen jeweils um drei Monate angehoben, sodass es 2021 bei 65 Jahren liegt.


Ausführliche Informationen zur wichtigsten Abstimmung des Jahres: Wer profitiert, wer verliert: Was bringt die Rentenreform?