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Sion 2026Die Hochrisiko-Spiele

Finanzielles Wagnis, abenteuerliche Planung, korrupte Funktionäre – warum die Winterspiele nicht am Volk vorbeigeschleust werden dürfen. Ein Kommentar von Beobachter-Redaktor Peter Johannes Meier.

Sport-Megaveranstaltungen sind riskant und gehören daher vors Volk – so lautet der Standpunkt von Peter Johannes Meier.
von aktualisiert am 14. März 2018

Das Wallis ist gross. Für olympische Spiele aber etwas zu klein. Bobfahrer gehören in den Eiskanal von St. Moritz, Skispringer auf die Schanze in Kandersteg, Hockeyspieler in die Stadien von Bern, Biel und Fribourg. Das wissen auch die Initianten von «Sion 2026» und wollen die Anlagen in anderen Kantonen nutzen. Das macht ökonomisch und ökologisch Sinn. Die Walliser Olympiade würde so auch zu einem nationalen Ereignis. Noch mehr, weil der Bundesrat den Grossanlass mit einer Milliarde Franken unterstützen will.

Bloss eins wollen Bundesrat und zahlreiche Parlamentarier nicht: dass der Stimmbürger etwas dazu sagen darf. Nur ein Ja der Walliser hat der Bundesrat zur Bedingung für seine Unterstützung gemacht. 

Äusserst knapp, mit 92 gegen 87 Stimmen, hat sich der Nationalrat zwar für eine nationale Abstimmung ausgesprochen. Der Ball liegt jetzt aber beim Ständerat. Und dort haben die potentiellen Gegner, vor allem aus der FDP und der CVP, eine Mehrheit.

Null Risiko fürs IOC

Die Angst vor dem nationalen Urnengang hat einen anderen Grund. Die Bevölkerung würde die Spiele wohl eher ablehnen. Bis heute hat «Sion 2026» kein Feuer im Volk entfacht.

Die Risiken für Natur und Finanzen sind auch beträchtlich. Jene des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dagegen gleich null. Es beteiligt sich nur an temporären Bauten, kassiert aber jährlich rund 1,2 Milliarden Franken aus TV-Rechten und Marketingprogrammen. Zur Erinnerung: Südkorea wendete für die Spiele über 10 Milliarden Franken auf, etwa doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Es muss die Mehrkosten selber bezahlen.

«Sion 2026» soll ohne teure Bauten auskommen und mit einem relativ tiefen Budget von zwei Milliarden Franken realisiert werden. Ist das realistisch? Experten bezeichnen bereits die bescheidenen 100 Millionen für Infrastrukturen und die 300 Millionen für Sicherheit als «abenteuerlich». Über ein ähnliches Olympia-Konzept haben die Tiroler im Oktober abgestimmt – und es bachab geschickt. Auch die Bündner wurden vor einigen Monaten zur Urne gebeten und sagten mehrheitlich Nein.

Diktaturen sind einfacher

In Pyeongchang und Sotschi musste das IOC nicht mit solchem Widerstand rechnen. Das gilt auch für die nächsten Spiele in Peking. In Diktaturen oder noch zarten Demokratien sind Bedenken der Bürger nichts wert. Und manche der 115 IOC-Mitglieder, die sich als Delegierte in Kleptokratien bewegen, haben wenig Interesse, daran etwas zu ändern.

Das IOC will Winterspiele – wohl aus Imagegründen – zurück in europäische Wintersportorte mit richtigem Schnee bringen. Dafür muss es aber die Spielregeln und Bedürfnisse in modernen Demokratien akzeptieren. Politiker dieser Länder sollten das erst recht. Doch die Kumpanei zwischen Sportfunktionären, Lobbyisten und Politikern lässt daran zweifeln. Spiele sind auch Bühnen für politisches Schaulaufen. Das ist zwar keine olympische Disziplin, aber es lässt sich Aufmerksamkeit gewinnen. Die Verlockung ist darum gross, solche Anlässe am Volk vorbei aufzugleisen.

 

«Die Spiele sind auch Bühnen für politisches Schaulaufen.»

Peter Johannes Meier, Beobachter-Redaktor

 

Doch das wird schwieriger. Wissenschaftler untersuchen die Folgen grosser Sportanlässe, Journalisten recherchieren die Machenschaften der Verbandsfunktionäre. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Korrupte IOC-Delegierte werden immer noch gehätschelt statt verstossen. Und finanzielle Defizite sind eher die Regel als die Ausnahme. Der viel beschworene wirtschaftliche Push ist bloss ein Strohfeuer.

Mit jedem Scheitern wird eine Frage dringlicher: Wieso bewirbt sich nicht das IOC um den Austragungsort der Spiele? Mit echtem Einsatz für Nachhaltigkeit und einer Beteiligung an finanziellen Risiken. Und mit dem Rückbau der Medaillenfabrik für Disziplinen, die niemanden interessieren. Vielleicht würde dann das olympische Feuer wieder lodern – auch in der Bevölkerung.

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Peter Johannes Meier, Ressortleiter

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