Es ist der zweite Sonntag nach dem Putsch. Am internationalen Flughafen Atatürk in Istanbul wartet der Swiss-Flieger, der Atilla Toptas zurück in die Schweiz bringen soll. Doch drei Polizisten führen ihn in einen Nebenraum ab. «Da lief es mir eiskalt über den Rücken», sagt der Basler Ex-SP-Grossrat und Co-Präsident der Schweizerisch-Kurdischen Gemeinschaft. Die Beamten wollen vieles wissen: wo er geboren sei, wie seine Eltern heissen, was er hier mache. Endlich lassen sie ihn ins Flugzeug. Die Verunsicherung bleibt, denn der lange Arm Ankaras reicht bis in die Schweiz. «Ich habe immer gedacht, hier könnten die Türken in Frieden miteinander leben. Jetzt bin ich nicht mehr sicher», sagt der Basler SP-Grossrat Mustafa Atici. Türkische Eltern, die sich bisher bei ihm Rat geholt hätten, hätten sich von ihm distanziert. «Es findet eine Aufhetzung statt. Auf Facebook wurde ich als Landesverräter beschimpft, weil ich die Demokratiedefizite in der Türkei kritisiert habe.»

Pilgerreisen und Geld für Imam

Atici führt die zunehmende Polarisierung der Türken und türkischstämmigen Einwohner hierzulande darauf zurück, dass die Türkei vor drei Jahren das Wahlrecht für Auslandtürken eingeführt hat. Damals holte hier die regierende AKP zwar nur 30 Prozent, doch die Partei organisiere sich immer besser. «Präsident Erdogan sieht Auslandtürken als Teil der Türkei und versucht sie zu beeinflussen», sagt Toptas.

Für die Propaganda in der Schweiz kann Ankara neben der Botschaft und den Konsulaten auf weitere Kanäle zurückgreifen. Etwa auf die türkisch-islamische Stiftung für die Schweiz. Sprecherin Büsra Durmaz sagt zwar: «Wir stehen weder in direkter noch indirekter Verbindung mit der türkischen Regierung.» Doch die Stiftung tritt nach aussen als Diyanet auf, das ist der Name der türkischen Religionsbehörde. Diyanet ist Erdogan direkt unterstellt und höchste islamische Autorität des Landes.

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Die Stiftung mit mindestens sechs Angestellten residiert an der Zürcher Schwamendingenstrasse in einer eigenen Liegenschaft. Nach eigener Darstellung befasst sie sich mit Pilgerreisen und Bestattungsdiensten. Doch für Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, ist klar: «Diyanet verbreitet im Auftrag der türkischen Regierung einen radikalen Islam und finanziert in rund 50 Schweizer Moscheen Imame.» Im April wurde der Verwaltungsrat der Stiftung um sieben auf zehn Mitglieder aufgestockt. Warum das geschehen ist, wie viele Pilgerreisen und Bestattungen die Stiftung pro Jahr organisiert und ob sie Imame vermittle, wollte Sprecherin Durmaz nicht beantworten. Sie habe zu viel zu tun.

«Erdogan sieht Auslandtürken als Teil der Türkei und versucht, sie zu beeinflussen.»

Attila Toptas, Basler SP-Ex-Grossrat

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Regelmässige Berichterstattung

Seit 2004 ist zudem die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) aktiv. Der Verein steht der Regierungspartei AKP nahe und ist laut Atici mitverantwortlich für die Polarisierung der türkischen Gemeinde. Im Herbst 2015 hatte die UETD zu einer Kundgebung in Bern aufgerufen. Es kam zu Ausschreitungen zwischen Demonstranten, Kurden und der Polizei. 22 Personen wurden verletzt. UETD-Präsident Murat Sahin war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Über die Aktivitäten der UETD und deren Präsident Sahin berichtet die «Post Gazetesi» regelmässig. Die 2002 gegründete Monatszeitung hat in der Schweiz eine Auflage von 20'000 Exemplaren. «Wir sind unabhängig und arbeiten nicht mit der türkischen Regierung zusammen», sagt Sprecher Bahtiyar Okumus. Atilla Toptas jedoch sieht zwischen der «Post Gazetesi» und regierungstreuen Medien keinen Unterschied: «Politische Ausrichtung und Schwerpunkte der Berichterstattung sind genau gleich wie jetzt in der Türkei.»

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  • Korrigendum: In einer ersten Version hiess es, Murat Sahin schreibe regelmässig  für die «Post Gazetesi». Diese Information war unkorrekt. Wir entschuldigen uns für den Fehler.